China RHEINPFALZ Plus Artikel Die späte Rache der Ein-Kind-Politik

Bis vor fünf Jahren duften Paare in China nur ein Kind bekommen, was zu Zwangsabtreibungen und einem hohen Männerüberschuss gefü
Bis vor fünf Jahren duften Paare in China nur ein Kind bekommen, was zu Zwangsabtreibungen und einem hohen Männerüberschuss geführt hat.

Chinas Bevölkerung wird rasant älter und kinderloser. Die demographische Zeitbombe bedroht den wirtschaftlichen Aufstieg des Landes.

Mit großer Sorge muss Pekings Staatsführung derzeit feststellen, dass die Bevölkerung zwar mit drakonischen Maßnahmen zu einem einzigen Kind pro Familie gezwungen werden konnte. Doch lässt sich eine Anhebung der Geburtenrate nicht einfach so anordnen. Auch wenn die Behörden die Daten ihrer jüngsten Volkszählung noch geheimhalten, steht bereits fest: Noch nie seit rund 60 Jahren, also zur Zeit der großen Hungersnöte, haben die Chinesen weniger Kinder bekommen als jetzt. In mehreren Städten der wohlhabenden Ostküstenprovinz Zhejiang ist die Anzahl an Neugeborenen gar um rund 20 Prozent zurückgegangen.

Die „Financial Times“ sorgte mit einer Nachricht für mediale Schockwellen, dass es erstmals zu einem Bevölkerungsrückgang gekommen sei. Die Regierung dementierte umgehend, doch aus wirtschaftlicher Sicht lieferte auch sie keine guten Nachrichten: Bereits 2022 werde Chinas Einwohnerzahl schrumpfen, weitaus früher als erwartet.

Ökonomische Ziele bedroht

„Viele Frauen in meinem Umfeld wollen zwar Kinder haben, aber nur mehr eins“, sagt die 30-jährige Wu Fang, die in Peking als Büroangestellte arbeitet: „Das hat vor allem mit den hohen Kosten zu tun. Und natürlich, dass man wegen der Arbeit kaum Zeit für die Erziehung hat.“ Wu selbst wünscht sich in Zukunft zwar auch Nachwuchs, doch konkret habe sie darüber noch nicht nachgedacht. Offiziell liegt die Geburtenrate in China bei durchschnittlich 1,8 Kindern pro Frau. Doch im März ging aus einem Papier der Zentralbank hervor, dass sich der tatsächliche Wert womöglich unter 1,5 befindet.

Für die rasant anwachsende Weltbevölkerung mag das keine Hiobsbotschaft sein. Für die chinesische Volkswirtschaft hingegen schon: Nichts bedroht das langfristige Ziel Chinas, die Vereinigten Staaten ökonomisch zu überholen, stärker als sein demographischer Wandel. Bis vor fünf Jahren galt in China nach wie vor eine drakonische Ein-Kind-Politik, was zu ungezählten Zwangsabtreibungen und einen Männerüberschuss von über 30 Millionen geführt hat. Mehr noch hat sich die fehlgeleitete Politik als absolut kontraproduktiv herausgestellt: Auch wenn Chinesen mittlerweile längst zwei Kinder haben dürfen, wollen sie es schlicht nicht mehr. Hauptgründe: die hohen Wohnkosten in den Städten sowie immense Ausgaben für die Schulbildung.

Fundamentaler Wertewandel im Land

Die staatlichen Medien des Landes propagieren zunehmend traditionelle konfuzianische Familienwerte und preisen Frauen in ihrer Mutterrolle. Gleichzeitig werden Feministengruppen aus dem öffentlichen Diskurs verbannt. Immer wieder löschen die Zensoren entsprechende Accounts in sozialen Medien. Generell spiegelt sich in der demographischen Transformation auch ein fundamentaler Wertewandel wieder: 2020 haben nur 8,1 Millionen Paare geheiratet, was den niedrigsten Wert seit fast zwei Jahrzehnten darstellt. Junge Frauen sehen es nicht mehr als unbedingtes Muss an, einen Ehemann zu finden. Laut einer aktuellen Umfrage eines Job-Rekrutierungsportals war der mit Abstand größte Grund, nicht heiraten zu wollen, dass es „die Lebensqualität reduzieren“ würde.

Natürlich könnte die Staatsführung den Bevölkerungsrückgang mit Migration kompensieren, doch bisher gibt es dafür keinerlei Anzeichen. Denn Ausländer bedeuten für die kontrollwütige bis teils nationalistische Staatsführung eine potenzielle Bedrohung für die „gesellschaftliche Stabilität“. Das Rentenalter anzuheben, wird ebenfalls eine schwer zu bewältigende Mammutaufgabe. Zum einen sind die Pensionskassen leer, und zum anderen hängen die meisten jungen Familien von den Großeltern ab, die sich um die Kinderfürsorge kümmern müssen.

Roboter in Restaurantküchen

Stattdessen setzen die Staatsführung und etliche Tech-Unternehmen auf eine offene Wette: Mit künstlicher Intelligenz und hochgradiger Automatisierung sollen die bald knapp werdenden Arbeitskräfte kompensiert werden. So werden bereits Roboter in Restaurantküchen und in Hotellobbys eingesetzt, auch „smarte“ Fabriken fungieren in China zunehmend autonom.

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