Politik Die Pfalz als Aufmarschgebiet und Lazarettstandort

Placeholder-Image

100 Jahre – ein runder Anlass zum Gedenken, aber auch eine ziemlich lange Zeit. Zeitzeugen gibt es keine mehr. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges ist deshalb Geschichte im reinsten Wortsinn, keine Zeitgeschichte mehr. Geht er uns denn überhaupt noch etwas an? Oder ist dieses mehr als vier Jahre dauernde Gemetzel, dem schätzungsweise 17 Millionen Menschen zum Opfer fielen, nur noch interessanter Stoff für Spielfilme und Sonderbeilagen in Zeitungen?

In Deutschland wird – anders als beispielsweise in Frankreich, Belgien oder auch Großbritannien – der Erste Weltkrieg fast vollständig von den Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges und dem darauf folgenden staatlichen Zusammenbruch überlagert. Auch wenn neuere Forschungen beweisen, dass die Neuordnung in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft nach 1945 gar nicht so komplett und grundlegend war, wurde und wird sie von den Zeitgenossen dennoch so empfunden. Dass sich der Erste Weltkrieg bei uns nicht so tief ins kollektive Gedächtnis eingegraben hat wie bei vielen unserer Nachbarn, mag auch damit zusammenhängen, dass die Schlachtfelder nicht in Deutschland lagen. In der Pfalz allerdings waren die Auswirkungen des Krieges wohl intensiver spürbar als anderswo. Die Region diente als Aufmarschgebiet der Truppen gegen Frankreich und später als Lazarettstandort und Gefangenenlager. Verwundete wurden nach Klingenmünster, Rheingönheim, Speyer, Waldmohr, Kaiserslautern und Zweibrücken gebracht. Bis zu 2000 französische Kriegsgefangene waren in Landau-Ebenberg untergebracht, in Germersheim zeitweise bis zu 6000 russische Soldaten interniert. Nicht zu vergessen die unselige Rolle des größten Arbeitgebers der Region, der BASF: Dort wurden nicht nur Kriegsgefangene als Zwangsarbeiter eingesetzt, mit Hilfe des Haber-Bosch-Verfahrens wurde in Ludwigshafen ein großer Teil des an der Front benötigten Sprengstoffs und Giftgases produziert. Das Grauen nach Hause brachten schließlich die Angehörigen der Pfälzer Division, die den Stellungskrieg in den Schützengräben an der Somme erleben mussten. Von den verlustreichen Kämpfen zeugen heute noch die Kriegerdenkmäler in fast allen pfälzischen Gemeinden. Dennoch gibt es in der Pfalz und genauso wenig im übrigen Deutschland ein ritualisiertes Gedenken wie beispielsweise in Frankreich oder Belgien. Das hat sicher auch damit zu tun, dass Deutschland (und Österreich) Auslöser und Verlierer dieses Krieges waren – auch wenn heute beispielsweise die Frage der Kriegsschuld in der Forschung weitaus differenzierter betrachtet wird als noch vor 50 Jahren. Nicht zu unterschätzen ist allerdings die Rolle, die der Erste Weltkrieg und seine Bewertung in der Zwischenkriegszeit spielten. Kriegsschuldfrage, „Dolchstoßlegende“, Versailler Vertrag – die Nazis wussten Krieg und Niederlage meisterhaft für ihre Zwecke, nämlich zum Aushebeln der Weimarer Demokratie, zu instrumentalisieren. Ihnen spielte in die Hand, dass damals auch ein großer Teil der Bevölkerung davon überzeugt war, dass Deutschland in den Krieg getrieben, „im Felde unbesiegt“ und von den Alliierten in den Friedensverhandlungen über den Tisch gezogen worden sei. Auch die erwähnten Kriegerdenkmäler, in Sprache und Symbolik meist geprägt von unübersehbarem Nationalismus, legen beredtes Zeugnis von dieser Haltung ab. Das verwundert wenig, wenn man berücksichtigt, dass viele der Gedenksteine in den 30er Jahren, also in der Endphase der Weimarer Republik oder während der NS-Zeit aufgestellt wurden. Und dennoch sind diese Denkmäler ein nicht ganz unwichtiger Baustein des Erinnerns. Entkleidet man sie der oft schwülstigen Heldenverehrung und lässt die langen Namenslisten auf sich wirken, sind sie vor allem noch eines: Zeugnisse sinnlosen Sterbens.

x