Politik Die Dschihad-EU

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Ganz Europa fahndet nach Salah Abdeslam. In Frankreich nennt man den Franzosen, der in Brüssel lebte, „Feind Nummer 1“. Er galt als der einzige überlebende mutmaßliche Attentäter von Paris – seit Kurzem hält die Polizei aber noch einen zweiten Überlebenden, den „Neunten Mann“, für wahrscheinlich. Salah, 26, soll in dem schwarzen Seat gesessen haben, von dem aus die Attentäter auf die Menschen auf den Bar-Terrassen in Paris geschossen haben. Sein älterer Bruder Brahim, 31, sprengte sich auf dem Boulevard Voltaire vor einer Bar in die Luft. Salah wollte wohl nicht sterben. Sie hätten ihn kriegen können. Am Morgen nach dem Attentat kontrollieren Gendarmen an einer Autobahnmautstelle nahe Cambrai in Frankreichs Norden ein Auto mit drei Insassen: die beiden Belgier Mohammed A. und Hamza A. sowie Salah Abdeslam. Die Gendarmen lassen die drei ziehen, denn keiner steht auf ihren Gefährderlisten. Salahs Namen immerhin finden sie im Schengen-Informations-System SIS, aber nur in Zusammenhang mit Kleinkriminalität: Diebstahl, Drogenhandel. Kein Grund, die drei festzuhalten. Die beiden Belgier zumindest werden später in Brüssel gefasst. Sie geben zu, Salah auf seinen Wunsch abgeholt zu haben – mehr hätten sie nicht gewusst. Wie konnte der Franzose Salah Abdeslam dem belgischen Geheimdienst als Islamist bekannt sein, den Franzosen aber nicht? Wie konnte der Belgier Abdelhamid Abaaoud, 28, der mutmaßliche Kopf hinter den Anschlägen von Paris, ein schon länger international gesuchter Dschihadist, bis in den Pariser Vorort Saint-Denis gelangen, wo er am Mittwoch im Kugelhagel französischer Spezialkräfte starb? Wer zusammenführt, was die Ermittler bisher herausbekommen haben, muss den Eindruck bekommen, dass die EU-Mitgliedstaaten ihr Wissen über Gefährder nur unzureichend teilen, dass die Informationen an den Grenzen hängenbleiben. Die Europäische Union der Dschihadisten dagegen scheint zu funktionieren. Drei Kilometer vom Gebäude der Europäischen Kommission entfernt liegt das Brüsseler Viertel Molenbeek, das manche als Brutstätte, vielleicht gar Hauptquartier, eines europäischen Dschihadistennetzwerks ansehen. Hier wächst Terror-Hirn Abdelhamid Abaaoud auf. Die Brüder Abdeslam kennt er gut, sie wohnen nicht weit, und alle drei fallen als Jugendliche mit Drogendelikten und Diebereien auf. Später, als Brahim Abdeslam in Brüssel die Kneipe „Les Béguines“ führt, ist Abaaoud dort regelmäßig Gast auf ein Bier. Ja, Alkohol verkaufen und konsumieren diese Gotteskrieger – und Drogen. Anfang dieses Monats wird die Kneipe wegen Drogengeschäften gar von den Behörden geschlossen. Da müssen die Brüder schon als Logistiker für den Anschlag gearbeitet haben – Salah mietete in Belgien zwei Autos an, Brahim den Mörder-Seat und mindestens ein Apartment im Pariser Raum. Vater Abaaoud, ein aus Marokko nach Belgien gekommener Kleiderladenbesitzer, versuchte übrigens, seinen später so berüchtigten Sohn mit einem eigens für ihn eingerichteten Kleiderladen von der schiefen Bahn abzuhalten – vergebens. 2010 sitzt Abdelhamid Abaaoud kurz gemeinsam mit einem der Abdeslam-Brüder wegen eines Überfalls im Gefängnis. 2013 verschwindet er nach Syrien, legt sich die Kampfnamen Abu Omar al-Soussi und Omar al-Balijki zu und wird berüchtigt durch ein Video, in dem er Leichen hinter seinem Pickup herschleift (wir berichteten). Seinen 13-jährigen Bruder Younès lockt er im gleichen Jahr nach Syrien, als jüngsten europäischen IS-Kämpfer. Später wird Abaaoud offenbar zum Europa-Strategen. Fahnder bringen ihn in Zusammenhang mit dem Anschlag des Belgiers Mehdi Nemmouche im Mai 2014 auf das Jüdische Museum in Brüssel (vier Tote), mit einer im Januar im belgischen Verviers ausgehobenen Terrorzelle, mit einem von zwei Franzosen geplanten, aber im April vereitelten Anschlag auf eine Kirche in Villejuif nahe Paris sowie mit dem Überfall im Schnellzug Thalys im August. Laut der Zeitung „Le Monde“ hat der französische Syrien-Rückkehrer Reda H. der Justiz erzählt, Abaaoud habe ihm den Befehl gegeben, einen Konzertsaal anzugreifen. Obwohl mit internationalem Haftbefehl gesucht, kann sich Abaaoud die ganze Zeit verblüffend frei bewegen. Vermutlich zwei Mal reist er unerkannt zwischen Syrien und Belgien hin und her. Anfang 2015 telefonierte er von Griechenland aus mit einem belgischen Dschihadisten. Drei der Paris-Attentäter, Samy Amimour, Bilal Hadfi und Ismaël Omar Mostefaï, waren ebenfalls in Syrien – und die Behörden scheinen kaum etwas darüber zu wissen, wie sie nach Europa zurückkamen. Geheimdienstler vermuten, dass die Dschihadisten sehr gut wissen, wo die Flughafenkontrollen lasch sind. Sie raten ihren Kämpfern, über Griechenland, Bulgarien, Tschechien oder Ungarn zu reisen. Länder-Hopping innerhalb der EU hilft, den Verdacht abzulenken. Die Fahnder schauten bisher vor allem auf Türkei-Flüge. Eines steht fest: Man kennt sich in der Dschihadisten-EU. Der Franzose Fabien Clain (36), dessen Stimme in einem IS-Bekennervideo zu den Pariser Attentaten erschallt, dessen Bruder Jean-Michel und Mohamed Merah, der 2012 eine jüdische Schule angriff, gehörten zu einer Islamistengruppe in Toulouse. Die Clain-Brüder wohnten aber auch eine Weile in den Niederlanden und in Belgien. Auch Salah Abdeslam, der überlebende mutmaßliche Paris-Attentäter, den jetzt alle suchen, war in diesem Jahr munter in Europa unterwegs. Im Februar fiel er der niederländischen Polizei mit Haschisch in der Tasche auf, dann den Griechen, schließlich im September den Österreichern, als er gerade aus Deutschland kam. Dass er nicht nur mit Drogen gut Freund war, sondern auch mit Terror-Drahtzieher Abaaoud – das wussten leider nur die Brüsseler Behörden.

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