Meinung
Dichter ran: Über die Idee eines Parlamentspoeten
Katrin Göring-Eckardt, die grüne Bundestagsvizepräsidentin, ist – auf Twitter - schon mal „völlig begeistert“ von der Idee, „mit Poesie einen diskursiven Raum zwischen Parlament & lebendiger Sprache zu öffnen“. Verständlich, so ein Parlamentspoet (männlich, weiblich, divers) hätte womöglich redigierend eingreifen können in ihren, na ja, – sorry Deutsch –, Tweet zur Initiative, die sie raumgreifend beseelt.
Das Foto dazu zeigt, wie Göring-Eckardt (55) unter den buchstäblich ernüchternden Gegenwarts-Kautelen (2Gplus) Abstand hält am Tisch mit Simone Buchholz und Dimitrij Kapitelman. Zwei der drei Krimis, Romane und Anderes schreibenden Menschen, deren Begehr (Anliegen), in einem Text in der „Süddeutschen Zeitung“ vorgebracht, es ist, dass alsbald offiziell, Tschuldigung, „ein*e Dichter*in“ im Hohen Haus amtiert. Ein Parlamentspoet halt, mit Zeitvertrag. Die Dritte im Bund, die im Jubeljahr von Novalis (1772 bis 1801) das romantische Vorhaben einer sprachmächtigen Volksvertretung verfolgt, ist Mithu Sanyal aus Düsseldorf-Oberbilk.
Vorschlag im Bundestagspräsidium
Die Mutter Polin, der Vater Inder, Sanyals Roman „Identitti“ stand im Finale um den Deutschen Buchpreis. Und als aktuelle Trägerin des Ludwigshafener Bloch-Preises dürfte sie hoffnungsfroh per se sein. Die Politikerin Göring-Eckardt indes will die Idee, einen bundesrepublikanischen Troubadix zu installieren, jetzt „ins Präsidium“ des Bundestags „tragen“. Eine schwere Last?
Es muss schon gesagt werden, abwegig ist die Idee nicht. Aber nicht alle Begründungen für die Herrlichkeit des Parlamentspoetenposten umarmen uns so beredt, wie die Verheißung, für die Novelle (!) des Arzneimittelversorgungswirtschaftlichkeitsgesetzes „eine Sprache zu finden, die berührt“. Oder der zartschöne Gedanke, Lyrik könnte bei der „Heilung und Versöhnung“ der leider Gottes allgelegentlich uneinigen Gesellschaft Lorbeeren ernten.
Vorbild Kanada
Schon hinreißend der Vorschlag der Initiatorin Simone Buchholz, der Deutschrapper Aykut Anhan mit dem sprechenden Künstlernamen Haftbefehl könnte als erster den Poesie-Chabo geben. „Scheiß mal auf Rolex, Nutte, her mit der Chopard“, er ist ein Mann des klaren Imperativs, der dem „Gute-Kita“-Gesetz durchaus aufhelfen würde. Aber der Hinweis zum Beispiel, dass sich auch Kanada mit Louise Bernice Halfe eine „parlamentary poet laureate“ hält, verfängt er wirklich? Sieht ein Olaf aus wie ein Justin, Scholz wie Trudeau? Eben. Muss er auch nicht.
Oder das hier: Der Mensch im Amt könne „eine Brücke bauen zwischen Parlament und Gesellschaft“, heißt es. Offenen Auges betrachtet aber wäre das ja mithin die Aufgabe eines Abgeordneten (divers, männlich, weiblich), wie der große SPD-Landes-Transformationsminister Alexander Schweitzer aus Bad Bergzabern sich in den sozialen Medien auch schon bemüßigt fühlte, anzumerken. Und – ehrlich – nachgerade flau wird es einem bei dem Gedanken, ein postmoderner Hofsänger, eine Bundestagsstadtschreiberin, das Poesie-Maskottchen könnte der Jobbeschreibung entsprechen und die „sinnliche Welt des Fühlens, Sehens, Schmeckens in den Bundestag bringen“. Die Synästhesie von SPD und AfD. So gesehen – lieber nicht.