Meinung RHEINPFALZ Plus Artikel Deutsche Industrie: Haarige Hausaufgaben

Die BASF gehört zu den Unternehmen, die Arbeitsplätze in Deutschland abbauen.
Die BASF gehört zu den Unternehmen, die Arbeitsplätze in Deutschland abbauen.

An deutschen Industrie-Standorten wird gespart. Stellen werden abgebaut, weil europäische Absatzmärkte gesättigt sind. Deutschland muss vor allem an seinen Stärken feilen.

Es geht nicht voran. Die Dynamik ist weg. Bei der konjunkturellen Entwicklung Deutschlands reiht sich Seitwärtsbewegung an Seitwärtsbewegung. Viele deutsche Industriekonzerne machen trotz Überkapazitäten noch ordentliche Gewinne, oft weil sie im Ausland, vor allem in Übersee, gut im Geschäft sind. An vielen deutschen Standorten folgt ein Sparprogramm aufs andere. Stellen werden abgebaut oder etwa ins aufstrebende Indien verlagert, ins knapp vor China mit 1,46 Milliarden Menschen einwohnerreichste Land der Welt. Wie beim größten europäischen Softwareanbieter SAP und beim weltgrößten Chemiekonzern BASF. Indien – ein Mega-Markt. Auch Indonesien, mit 285 Millionen Einwohnern das Land mit der vierthöchsten Einwohnerzahl der Welt, wird viel zugetraut. Die Absatzmärkte in Mitteleuropa sind einigermaßen gesättigt, die Beschäftigten werden hierzulande recht gut bezahlt. Sie und die Gewerkschaften argumentieren zu Recht mit Qualität und geregelten Arbeitsbedingungen. Die Frage, die Großinvestoren den Unternehmenslenkern stellen: Ist die Qualität, die vergleichsweise teure Arbeitnehmer in Deutschland abliefern, wirklich so hoch, dass sie deutlich höhere Löhne als anderswo rechtfertigt? Bleiben unsere prima Produkte Kassenschlager? Das ist die Kernfrage, die uns umtreiben muss. Und natürlich sollte endlich spürbar Bürokratie weggeholzt werden.

Börsianer bewerten Zukunftspotenzial

Börsianer bewerten immer die Zukunft, das Potenzial, das sie für ein Unternehmen sehen, nicht die Vergangenheit. Auch deshalb müssen Firmenbosse stets die Märkte von morgen im Blick haben. Das sind allein schon von der Anzahl möglicher Kunden die bevölkerungsreichen Länder, die sich jüngst auch ökonomisch durch die Globalisierung stark entwickelt haben: China, Indien und Indonesien haben zusammen mehr als drei Milliarden Einwohner, siebenmal so viel wie die EU. Und diese Volkswirtschaften wachsen deutlich stärker als das Bruttoinlandsprodukt der EU. Das legte 2024 um ein Prozent zu, China und Indonesien wuchsen um je fünf Prozent, Indien um 6,5 Prozent – wenn auch mit einem klar niedrigeren Pro-Kopf-Einkommen, als es Deutschland aufweist.

Asien hat die Dynamik, die Deutschland fehlt, daher zieht es trotz politischer Risiken vor allem in China deutsche Firmen dorthin. Doch gerade China hat sich vom dankbaren Abnehmer von „Made in Germany“-Produkten etwa von VW zum starken aktiven Mitspieler auf dem deutschen Markt entwickelt, längst auch mit E-Autos chinesischer Marken wie BYD.

Effizienzsteigerung im Hausaufgabenheft

Die Lehre muss sein, sich geografisch klug aufzustellen, ohne sich im Klein-Klein zu verzetteln – die Balance ist die Kunst. Im Hausaufgabenheft für viele europäische Unternehmen steht Effizienzsteigerung bei weiter hoher Qualität. Klasse in der Masse. Klar ist: Deutschland wird auf Dauer nur mit weiter exzellenter Bildung, Ausbildung und Forschung auch künftig eine Top-Rolle spielen. Auch wenn zunächst viele Industriejobs abwandern.

Der Ehrgeiz jedes Einzelnen muss es sein, dass die Konzerne qualifizierte Tätigkeiten wieder zurückholen. Weil sie und vor allem die für sie wichtigen Investoren und Analysten sagen: Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist in Deutschland unterm Strich doch besser als anderswo.

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