Wahl in Ungarn RHEINPFALZ Plus Artikel „Der Ungar“ gegen Orbán: Wie gefährlich kann Péter Magyar Ungarns Präsident werden?

„Steh auf, Ungar!“: Péter Magyar könnte am Sonntag die 16-jährige Regierungszeit von Viktor Orbán beenden.
»Steh auf, Ungar!«: Péter Magyar könnte am Sonntag die 16-jährige Regierungszeit von Viktor Orbán beenden.

Péter Magyar hat sich zum gefährlichsten Herausforderer des langjährigen ungarischen Präsidenten entwickelt. Ob er das System Orbán wirklich verändern kann, ist offen.

Was machte Magyar – sein Name bedeutet auf Deutsch „der Ungar“ – zum Senkrechtstarter der ungarischen Politik, der Orbán nach 16 Jahren an der Macht stürzen könnte? Vom erhofften Wahlsieg am Sonntag hängt ab, ob Ungarn politisch nach Europa zurückkehrt – oder den autokratischen Kurs fortsetzt.

Vor zwei Jahren war Magyar politisch noch weitgehend unbekannt. Dann trat der 45-jährige Jurist im Umfeld eines Pädophilieskandals an die Öffentlichkeit. Präsidentin Katalin Novák und Justizministerin Judit Varga – beide enge Vertraute von Premier Viktor Orbán – mussten zurücktreten, nachdem sie die Begnadigung eines wegen Beihilfe zum Kindesmissbrauch verurteilten Heimerziehers gebilligt hatten. Magyar forderte eine vollständige Aufklärung und sagte dem Orbán-System den Kampf an.

Der Überraschungsmann

Seither wird Magyar von vielen als neuer Politikertyp gefeiert. Mit seiner Bewegung Tisza („Tisztelet és Szabadság“ – Respekt und Freiheit) ersetzte er in kurzer Zeit die zersplitterte Opposition. Den Ruf „Steh auf, Ungar!“ entlieh er dem Nationaldichter Sándor Petöfi. Seit Monaten sehen Umfragen seine Bewegung deutlich vor Orbáns rechtsnationalistischer Partei Fidesz.

Magyar tourte unermüdlich durch die Provinz, in die sich Oppositionspolitiker lange kaum gewagt hatten. Während Orbán sich im Wahlkampf als „Friedenspolitiker“ inszenierte, zugleich EU und Ukraine scharf kritisierte und Nähe zu Politikern wie Wladimir Putin oder Donald Trump suchte, setzte Magyar auf Gespräche mit Bürgern und deren Alltagssorgen. Bei zahlreichen Auftritten klagte er über Korruption, Propaganda und die Spaltung des Landes.

Korruption als Wahlkampfthema

Damit traf er einen empfindlichen Punkt. Immer häufiger wird über den Reichtum der Familie Orbán und über ein Netzwerk von Eliten im Umfeld der Macht berichtet. Der unabhängige Abgeordnete und Korruptionsbekämpfer Ákos Hadházy schätzt den Schaden durch Korruption auf jährlich rund drei Milliarden Euro. In 16 Regierungsjahren wären das etwa 50 Milliarden Euro.

Magyar – charismatisch und rhetorisch geschickt – kommt besonders bei der jüngeren und mittleren Generation gut an. Viele hoffen, dass er Ungarn aus der politischen Isolation innerhalb der EU führt. Bei der Europawahl 2024 erreichte seine Bewegung aus dem Stand rund 30 Prozent der Stimmen.

Doch über seine politischen Konzepte ist bislang wenig bekannt. Magyar war früher Staatsbediensteter und mit der ehemaligen Justizministerin Judit Varga verheiratet. Dadurch kennt er das System Orbán aus nächster Nähe. Seine Botschaften bleiben oft allgemein: Tisza wolle Demokratie und Rechtsstaat stärken und ein „europäisches Ungarn“ aufbauen.

Der lange Schatten Orbáns

Trotz seiner Popularität wissen viele Ungarn über Magyars Führungsqualitäten noch wenig. Er formuliert seine Ziele häufig in plakativen Sätzen: Tisza werde die wahre Alternative zu Orbáns Regierung sein und Demokratie sowie Rechtsstaat wiederherstellen. Politisch will er Konservative, Liberale und Linke gleichermaßen ansprechen. Bei manchen Themen nähert er sich allerdings Orbáns Positionen an. In der Migrationspolitik plädiert auch er für weitgehend geschlossene Grenzen, betont jedoch stärker Rechtsstaatlichkeit und Kompromissbereitschaft gegenüber der EU. In der Ukraine-Politik formuliert er vorsichtig: Er sei weder Feind noch Freund der Ukrainer.

Wie ein Umbau des politischen Systems konkret aussehen soll, bleibt offen. Orbán hat Verfassung und Wahlsystem mehrfach verändert und wichtige Institutionen mit Gefolgsleuten besetzt. Um diese Strukturen zu ändern, bräuchte auch Magyar eine Zweidrittelmehrheit im Parlament – ein Ziel, das schwer zu erreichen sein dürfte. Selbst bei einem Wahlsieg müsste Magyar also gegen ein fest verankertes Machtgefüge regieren.

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