Kalender Der unfertige Frieden

Ein Wandgemälde im nordirischen Londonderry erinnert an die Gewalt in beiden Ländern der Insel.
Ein Wandgemälde im nordirischen Londonderry erinnert an die Gewalt in beiden Ländern der Insel.
22052020_224tage

Das Karfreitagsabkommen von 1998 beendete den blutigen Nordirland-Konflikt – Heute ist der Erfolg der Vereinbarung bedroht

Ein herrlicher Frühlingstag an der irischen Ostküste. Vom Ferienhaus, das für die Osterferien gemietet wurde, geht der Blick über die spiegelglatte Fläche der Irischen See. Plötzlich stürmt die Vermieterin aus dem benachbarten Dorf herein und jubelt: „Geschafft, sie haben unterzeichnet, verdammt, sie haben es getan!“ Ihre Freude ist unbändig. Sie ist extra zu uns Deutschen gekommen, um uns die Sensation mitzuteilen.

Rund 100 Kilometer nördlich von uns, in Belfast, ist an diesem Karfreitag des Jahres 1998 etwas Historisches geschehen: Der schreckliche, viele tausend Opfer hinterlassende Nordirland-Konflikt ging zu Ende. Einige Wochen später, heute vor 22 Jahren, stimmten in getrennten Referenden in der Republik Irland und im britischen Nordirland die Bürger über das Karfreitagsabkommen ab und bestätigten es mit deutlicher Mehrheit.

Opfer in fast jeder nordirischen Familie

Nordirland, ein Unruheherd seit 1920, wurde von den Morden zwischen Katholiken und Protestanten erlöst. Paramilitärische Verbände wie die IRA ließen sich entwaffnen. Parlament und Regierung in Belfast agieren seitdem nahezu unabhängig von London. Die „Troubles“ in Nordirland, die Unruhen, hinterließen seit den sechziger Jahren 3000 Tote und fast 50.000 Verletzte auf beiden Seiten. Es gab Opfer in fast jeder nordirischen Familie, alltägliche Gewalt, Militär auf den Straßen und eine bizarre Untergrundjustiz.

Es war kein Kampf um die Religionszugehörigkeit, es ging immer um Souveränität: Die katholischen irisch-nationalen Gruppen fühlten sich im von London regierten Nordirland unterdrückt. Die protestantischen London-treuen Unionisten kämpften indes dafür, dass sich eine Wiedervereinigung nie ereignen sollte. Das Abkommen war eine Meisterleistung der Diplomatie des Verhandlungsführers George Mitchell, eines amerikanischen Senators. Es war ihm gelungen, die terroristischen Separatisten an einen Tisch zu zwingen.

Die Risiken des Brexit

Ostern 1998: Wir Deutschen staunen über die ausgelassene Freude der Iren. Im Pub fragen sie uns, was wir von dem Abkommen halten. Wir schauen uns an, keine zehn Jahre ist es her, dass die Mauer fiel und Deutschland wieder ein Land wurde. Niemand ist unter uns, der das nicht als unglaublichen Glücksfall empfindet. Da gratulieren uns die Iren, sie prosten auf die Wiedervereinigung, denn für sie bleibt sie vorerst nur ein Traum. Zwar wurde mit dem Friedensabkommen vereinbart, dass Nordirland über eine Wiedervereinigung mit dem Rest der Insel abstimmen darf. Voraussetzung aber ist, dass sich diese als Mehrheitswunsch ausdrückt. Das ist jedoch auf absehbare Zeit sehr unwahrscheinlich.

Zumal der Brexit Nordirland politisch wieder vom Rest der irischen Insel entfernt. Die Grenze ist eine EU-Außengrenze, eine Zollschranke. Die Grenze könnte wieder eine Barriere in den Köpfen werden. Ein Rückfall in die Zeit vor 1998 wäre für beide Landesteile jedoch eine Katastrophe. Davon ist an jenem Karfreitag vor 22 Jahren nichts zu spüren – der Optimismus ist grenzenlos.

Der Kalender

DIE RHEINPFALZ feiert in diesem Jahr ihren 75. Geburtstag. In diesem Kalender erinnern wir Sie, liebe Leserinnen und Leser, jeden Tag an ein besonderes Ereignis oder eine ungewöhnliche Geschichte aus den vergangenen 75 Jahren.