Ukraine-Krieg RHEINPFALZ Plus Artikel Der „Nazi“-Vorwurf: Geschichte als Waffe

Frische Gräber auf dem Friedhof von Irbin. Hier sind Einwohner und Mitglieder der Territorialverteidigung beigesetzt, die bei de
Frische Gräber auf dem Friedhof von Irbin. Hier sind Einwohner und Mitglieder der Territorialverteidigung beigesetzt, die bei der Invasion in der Ukraine getötet wurden.

Gerade erst hat der russische Außenminister Sergej Lawrow mit einem abstrusen Hitler-Vergleich international für Entsetzen und Empörung gesorgt. Immer wieder rechtfertigt die russische Regierung ihren Angriffskrieg in der Ukraine mit dem Kampf gegen „Nazis“. Was steckt dahinter?

Absurder scheint es nicht zu gehen. Als einen Grund für den russischen Überfall auf die Ukraine nennt Wladimir Putin die „Entnazifizierung“ des Landes. Wenn man bedenke, dass der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj Jude sei und Familienangehörige im Holocaust ermordet wurden, sagte Markus Meckel, „kann man Geschichte eigentlich nicht schlimmer verfälschen“. Diese Verdrehung von Tatsachen, meinte der frühere DDR-Außenminister und heutige Ratsvorsitzende der Bundesstiftung Aufarbeitung, setze sich fort mit dem angeblichen Genozid an der russischen Bevölkerung in der Ostukraine, der als Legitimation für den Angriffskrieg herhalten muss.

Alar Streimann sieht das etwas anders. Hinter den Nazi-Vorwürfen aus Moskau stecke ein Konzept, sagte der Botschafter Estlands. „Wer im Baltikum zu Sowjetzeiten aufgewachsen ist, weiß das: Wir waren anders als die Russen, wir waren für sie Nazis.“ Das sei bis heute so geblieben. „Wer ein Feind ist, wird als Nazi bezeichnet. Das hat nichts mit dem Nationalsozialismus zu tun.“

Verbrechen der eigenen Armee werden rechtfertigt

Aber natürlich hat das Ganze einen Bezug zum Großen Vaterländischen Krieg gegen Hitler-Deutschland. Putin benötige das Bild der Nazis in der Ukraine, um die Verbrechen der eigenen Armee zu rechtfertigen. Die belarussische Historikerin Iryna Kashtalian, die inzwischen an der Universität Bremen arbeitet, bestätigt diese Sichtweise. Auch der belarussische Machthaber Alexander Lukaschenko nutze Geschichte für Propaganda. Ihr Heimatland sei eng mit der Ukraine verbunden, sagte Kashtalian bei der Veranstaltung „Geschichte als Waffe“ der Bundesstiftung Aufarbeitung. Auch Belarus habe einst unter Hunger, dann unter dem Stalinismus, unter dem Krieg und der deutschen Besatzung durch Wehrmacht und SS schwer gelitten. Ähnlich wie den Ukrainern werde auch den Belarussen die Existenz als eigene Nation von russischer Seite abgesprochen.

Der estnische Botschafter erlebt in Deutschland immer wieder, wie das historische Propaganda-Bild einer anscheinend homogenen Sowjetunion in vielen Köpfen verankert ist. Er betont: „Wir waren im Baltikum nicht ehemalige Sowjetrepubliken, sondern drei besetzte Länder.“ Streimann erinnerte daran, dass das estnische Botschaftsgebäude am Rand des Berliner Tiergartens bereits seit 101 Jahren an dieser Stelle steht und immer Eigentum Estlands war. Er frage sich oft, warum in Russland so viele Menschen der Geschichtspropaganda auf den Leim gingen. Es scheine dort eine große Unterstützung für den Überfall und die Zerstörung des Nachbarlandes Ukraine zu geben.

Furcht vor dem Blick in die eigene Geschichte

Der Historiker Gerd Koenen versuchte eine Antwort und sprach in diesem Zusammenhang von einem „russischen Versailles-Komplex“: Die Armee sei im Felde unbesiegt, aber innere Feinde, ausländische Mächte und schwache Führer hätten dafür gesorgt, dass dem Sieg im Vaterländischen Krieg später der Zerfall des Sowjetreiches folgte. Zudem wirkten die traumatischen Erfahrungen des Terrors unter Stalin, dem schätzungsweise drei Millionen Menschen zum Opfer fielen, nach. „Die Menschen fürchten sich“, sagte Koenen, „in die eigene Geschichte zu blicken.“

Und nicht nur das, ergänzte Streimann mit Blick auf die Repressionen und die fehlende Pressefreiheit. „Es ist ein Krieg, den Russland gegen gleich drei Feinde führt: die Ukraine, europäische Werte und die eigene Bevölkerung.“ Einen Teil dieses Krieges habe Putin bereits verloren. Er leugnete bislang die ukrainische Identität, sagte Koenen. „Doch jetzt erleben wir gerade die Entstehung der ukrainischen Nation.“

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