USA
Der einstige Todfeind kommt zu Besuch
Es ist ein historischer Besuch. Noch nie war ein syrischer Präsident im Weißen Haus. Wladimir Putin hatte Scharaa bereits im Oktober im Kreml empfangen. Auch er will mit Syrien ins Geschäft kommen.
Noch vor einem Jahr war Scharaa ein islamistischer Rebellenkommandant in der syrischen Provinz – heute ist er ein gefragter Gesprächspartner in den Hauptstädten der Welt. Kurz vor seiner Ankunft in Washington haben die USA die noch bestehenden Sanktionen gegen ihn aufgehoben. Auch eine Einladung nach Deutschland hat Scharaa erhalten. Bundeskanzler Friedrich Merz will mit ihm über die Rückkehr syrischer Flüchtlinge sprechen.
Der heute 43-jährige Scharaa führte seine radikal-islamistische Miliz HTS im Dezember gegen Assads Truppen ins Feld und stieß auf so wenig Widerstand, dass seine Kämpfer in kürzester Zeit die Hauptstadt Damaskus überrannten. Assad floh nach Moskau. Seitdem hat sich Scharaa vom islamischen Extremismus distanziert und erreicht, dass die meisten Sanktionen gegen sein Land aufgehoben wurden. Viele Staaten haben heute ein Interesse an einem stabilen Syrien. Der Bürgerkrieg in dem Land, das an die Türkei, Libanon, Israel, Jordanien und den Irak grenzt, trieb mehr als fünf Millionen Menschen in die Nachbarländer und bis nach Europa und nährte den „Islamischen Staat“ (IS). Trump traf Scharaa erstmals während einer Nahost-Reise im Mai und zeigte sich beeindruckt von dem syrischen Präsidenten, der vor 20 Jahren als Dschihadist ein Todfeind amerikanischer Truppen im Irak war.
In Washington nun wird Scharaa nach den Worten von Trumps Syrien-Beauftragtem Tom Barrack offiziell die Teilnahme Syriens an der US-geführten Allianz gegen den IS unterzeichnen. Das soll den US-Einfluss in Syrien stärken, den Druck auf den erstarkten IS erhöhen und die Eingliederung syrisch-kurdischer Milizionäre in die neue syrische Armee vorantreiben. Trump will Scharaa zum Verbündeten machen, um die amerikanischen Interessen in Syrien zu sichern.
Scharaa bald in der Zwickmühle?
Trump fordert einen Friedensvertrag zwischen Syrien und Israel. Und Scharaa hält auch die Gesprächskanäle mit Russland offen, dem wichtigsten Partner Syriens während der Herrschaft des Assad-Clans. Moskau hatte Assad im Bürgerkrieg unterstützt, nach dem Sturz des Diktators aber die meisten Truppen abgezogen. Jetzt will Russland ans Mittelmeer zurückkehren. Putin sprach bei seinem Treffen mit Scharaa in Moskau von einem „speziellen Verhältnis“ zwischen beiden Ländern. Nach Assads Sturz gebe es „interessante und nützliche“ Perspektiven. Traditionell ist die syrische Armee mit russischen Waffen ausgestattet.
Moskau unterhält einen Marinestützpunkt an der syrischen Küste und die Luftwaffenbasis Hmeimim. Die Stützpunkte sind für den russischen Einfluss im östlichen Mittelmeerraum und in Nordafrika unverzichtbar. Scharaa stimmte zu, dass die russischen Militärs die Stützpunkte weiter nutzen dürfen.
Bisher hat Scharaa den Spagat zwischen den USA und Russland geschafft, ohne eine der beiden Großmächte zu verärgern. Doch es liege im Interesse der USA, dass Russland seinen strategischen Brückenkopf in Syrien nicht wieder aufbauen könne, sagte die Russland-Expertin Anna Borshchevskaya von der Denkfabrik Washington-Institut für Nahost-Studien in einer Anhörung des US-Kongresses. Scharaa könnte in die Zwickmühle geraten.