Politik „Das Land hat sich verändert, und das nicht zu seinem Vorteil“
In Großbritannien leben 3,2 Millionen EU-Ausländer. Deren Schicksal nach dem Brexit ist einer der Hauptstreitpunkte in den Gesprächen zwischen britischer Regierung und Brüssel. Viele Brexit-Befürworter betrachten Immigranten als reine Last für das britische Sozialsystem. Wie wichtig die Zuwanderer für das Land sind, soll den Briten heute mit Demonstrationen vor Augen geführt werden. Unsere Redakteurin Annette Weber sprach mit Magdalena Williams, einer der Organisatorinnen der Kampagne „One day without us“ („Ein Tag ohne uns“).
Der Samstag ist hier ein ganz normaler Arbeitstag. Wir haben ihn gewählt, weil dann auch Familien kommen können, in denen es schulpflichtige Kinder gibt. Es ist sowieso unglaublich schwer, die Menschen zu mobilisieren. Es sind zwar viele unglücklich über den Brexit und seine Folgen, aber die meisten haben offenbar schon aufgegeben. Auch die Migranten selbst sind gespalten. Es gibt durchaus welche, die nicht teilnehmen, weil wir uns letztlich für alle Einwanderer einsetzen und nicht nur für weiße Europäer. Ursprünglich wollten wir ja streiken, um zu zeigen, dass dieses Land seine Zuwanderer braucht. Aber das wurde uns untersagt. Und von den Gewerkschaften bekommen wir keinerlei Unterstützung. Statt Streiks wird jetzt demonstriert? Das auch, aber nicht nur. Wir haben uns ganz viele Aktionen ausgedacht. Zum Beispiel werden in der Innenstadt von Cardiff Migranten ihre Lebensgeschichte erzählen und die Frage beantworten, warum sie nach Wales gekommen sind. Wir haben auch eine Facebook-Aktion unter dem Motto „proud to be a migrant and proud to stand with migrants“ („stolz, ein Einwanderer zu sein, und stolz, Migranten zu unterstützen“) geplant. Um 14 Uhr sollen Gruppenfotos von Briten und Einwanderern gemacht – in der Nachbarschaft, auf der Straße, beim Einkaufen – und dann in Facebook gepostet werden. Sie sind dem Pass zufolge ja Britin. Was treibt sie an? Ich war schon immer politisch aktiv. Aber seit dem Brexit-Referendum arbeite ich bis zu sieben Stunden täglich, um möglichst vielen Menschen begreiflich zu machen, dass der EU-Austritt ein Fehler wäre. Schlimm ist, dass mit der Brexit-Kampagne eine Ausländerfeindlichkeit einherging, die ich bei uns nie für möglich gehalten hätte und die mich zutiefst entsetzt. Die Menschen hier haben meistens keine Ahnung von Europa, haben das Land oft noch nie verlassen. Und sie glauben Politikern, die von eigenen Fehlern ablenken wollen, indem sie die Schuld der EU zuschieben. Ältere Menschen, die der Vergangenheit nachtrauern, und junge Leute ohne Perspektive machen nun Migranten, egal ob aus der EU oder dem britischen Commonwealth, für die Misere verantwortlich. Und natürlich Brüssel, das sowieso an allem schuld ist. Dabei ist das kompletter Blödsinn. Heute kann ein Land, das sich isoliert, nicht mehr überleben – weder wirtschaftlich noch politisch . Großbritannien braucht Europa. Ich habe jahrelang als Europa-Expertin für das Außenministerium gearbeitet – ich weiß, wovon ich rede. Und als studierte Psychologin ist mir leider auch klar, dass kaum etwas schwerer zu bekämpfen ist als Vorurteile. Wie kommen Ihre Aktionen in der Öffentlichkeit an? Fast alle britischen Medien ignorieren uns. Das deutsche Fernsehen berichtet, die BBC nicht. Das ist eine Schande. Manchmal werden wir sogar von der Polizei aufgefordert, die EU-Fahnen herunterzunehmen. Ich habe mir einen blauen Hut zugelegt, der dem ähnelt, den die Queen beim Verlesen der Regierungserklärung von Premierministerin Theresa May im Juni 2017 trug und der von vielen als Bekenntnis zu Europa interpretiert wurde. Mit dem bin ich jetzt immer unterwegs, sogar wenn ich den Hund ausführe. Manchmal erhalte ich Zuspruch, aber ich werde auch angefeindet. Wie sehen Sie die Zukunft Großbritanniens – und Ihre in Großbritannien? Das Land hat sich verändert und wird sich weiter verändern. Und das nicht zu seinem Vorteil. Der Brexit wird gerade die Ärmeren wirtschaftlich treffen. Das wird die Ressentiments gegenüber Migranten weiter schüren. Als Zuwanderer wird es immer schwieriger und teurer, einen britischen Pass zu bekommen, selbst wenn man schon Jahrzehnte hier lebt und einen britischen Ehepartner hat. Obwohl ich schon seit fast 40 Jahren einen britischen Pass habe, fühle ich mich inzwischen nicht mehr willkommen. Sollte der Brexit vollzogen werden, dann werde ich das Land verlassen und nach Deutschland übersiedeln. Zur Person Magdalena Willians ist gebürtige Ungarin. 1956 kam sie mit ihrer Familie als Flüchtling nach Wien. 1970 zog sie nach Großbritannien, lebte zwischendurch auch in Deutschland. 1981 bekam sie einen britischen Pass. Seit der Brexit-Entscheidung engagiert sich die in Südlondon lebende studierte Psychologin, die mehrere Sprachen fließend spricht, für die Rechte von Immigranten in Großbritannien. Bis zu ihrer Pensionierung 2015 arbeitete die heute 69-Jährige viele Jahre im britischen Außenministerium. Als Europa-Expertin informierte sie unter anderem Unter- und Oberhaus über EU-Entscheidungen. Bereits im Februar 2017 hat sie einen „One day without us“ („Einen Tag ohne uns“) mitorganisiert.