Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Bundeswehr und Gesellschaft: Sind die Deutschen gar keine Pazifisten?

Seit dem 1. Januar 2020 dürfen Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr in Uniform kostenlos Bahn fahren. Die Regelung sollte die
Seit dem 1. Januar 2020 dürfen Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr in Uniform kostenlos Bahn fahren. Die Regelung sollte die Truppe im Alltag sichtbarer machen und hat tatsächlich dazu geführt, dass Uniformierte in Zügen und Bahnhöfen häufiger zu sehen sind.

Die Bundeswehr wird seit Jahren positiv gesehen. Kritik richtete sich meist gegen Auslandseinsätze, nicht gegen die Truppe. Wie dieses Missverständnis entstand.

Herr Graf, lange galt Deutschland als Land mit einer gewissen Distanz zum Militär. Gleichzeitig berichten Soldaten heute, dass sie auf Bahnfahrten in Uniform häufiger freundlich angesprochen werden. Hat sich das Verhältnis zwischen Bundeswehr und Gesellschaft tatsächlich verändert?
Ich würde nicht sagen, dass die Deutschen ein distanziertes Verhältnis zur Bundeswehr haben. Allerdings gibt es kaum Gelegenheiten, bei denen Bundeswehr und Gesellschaft direkt in Kontakt miteinander kommen. Generell wird die Bundeswehr vor allem medial wahrgenommen – über Fernsehen oder Internet. Persönliche Kontakte sind dagegen selten. Aber wenn solche Kontakte stattfinden, werden sie deutlich positiver bewertet als die mediale Wahrnehmung. Zwar sagen nur sieben Prozent der Befragten, dass sie Soldatinnen oder Soldaten beim Zugfahren wahrgenommen haben, aber 82 Prozent bewerten diese Erfahrung positiv.

Spielt diese Sichtbarkeit im Alltag also eine besondere Rolle?
Ja. Das Bahnfahren in Uniform zählt zu jenen seltenen Situationen, bei denen die Bundeswehr im Alltag für die Menschen sichtbar wird. Solche Begegnungen sind für viele eine der wenigen direkten Erfahrungen mit der Bundeswehr. Durch neue Formate wie den deutschlandweiten Veteranentag oder den neuen freiwilligen Wehrdienst werden noch mehr Kontaktgelegenheiten zwischen Bundeswehr und Gesellschaft entstehen.

Wie würden Sie die Grundstimmung der Bevölkerung gegenüber der Bundeswehr insgesamt beschreiben?
Sie ist erstaunlich stabil und äußerst positiv. Wir erheben diese Frage seit dem Jahr 2000 mit dem immer gleichen Messinstrument. In all diesen Jahren geben mindestens drei Viertel der Befragten an, dass sie eine positive Einstellung zur Bundeswehr haben. Insgesamt schwankt dieser Wert zwischen etwa 75 und maximal 86 Prozent. Das heißt: Die Grundhaltung ist über Jahrzehnte und alle sicherheitspolitischen Epochenbrüche hinweg konstant und überaus positiv.

Gilt das auch für unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen?
Ja. Wenn man sich Teilgruppen anschaut – etwa nach Alter, Region oder Parteipräferenz –, findet man überall eine mehrheitlich positive Einstellung zur Bundeswehr. Selbst in Gruppen, bei denen man vielleicht anderes vermuten würde, gibt es eine absolute Mehrheit mit einer positiven Haltung zur Bundeswehr. Als gesellschaftliche Institution und staatliche Organisation erfährt die Bundeswehr eine hohe Akzeptanz.

Das widerspricht dem verbreiteten Eindruck, Deutschland tue sich grundsätzlich schwer mit dem Militär.
Dieses Bild hält sich zwar hartnäckig, aber unsere Daten geben es so nicht her. Im Gegenteil: Auch beim Vertrauen in staatliche Institutionen schneidet die Bundeswehr sehr gut ab. Über 80 Prozent vertrauen der Bundeswehr. In unseren Befragungen liegt sie seit vielen Jahren konstant auf Platz zwei hinter der Polizei.

Im Juni 2021 endete der Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan. Gerade die Auslandseinsätze wurden und werden in Deutschland kritisch
Im Juni 2021 endete der Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan. Gerade die Auslandseinsätze wurden und werden in Deutschland kritisch gesehen.

Das heißt zugespitzt: Die Deutschen sind gar nicht so pazifistisch, wie oft behauptet wird?
Unsere Daten sprechen jedenfalls nicht dafür, dass es eine grundsätzliche Ablehnung der Bundeswehr gibt. Der Eindruck einer militärkritischen Öffentlichkeit entstand vor allem im Kontext der großen Auslandseinsätze in Afghanistan oder Mali. Diese Einsätze wurden eher kritisch gesehen. Und diese Kritik wurde häufig als Pazifismus interpretiert, richtete sich aber in vielen Fällen eher gegen die politischen Entscheidungen zu solchen Einsätzen.

Warum?
Die Bundeswehr ist eine Parlamentsarmee. Der Bundestag entscheidet über die Einsätze der Bundeswehr außerhalb des Nato-Bündnisgebiets. Wenn die Bürgerinnen und Bürger diese Auslandseinsätze kritisch sehen, richtet sich diese Kritik in erster Linie gegen politische Entscheidungen – nicht gegen die Bundeswehr als Instrument der Politik. Das hohe gesellschaftliche Ansehen der Bundeswehr hat übrigens nicht unter den Auslandseinsätzen gelitten und auch die in den Einsätzen erbrachten Leistungen der Bundeswehr wurden immer mehrheitlich positiv bewertet.

Lässt sich das auch empirisch zeigen?
Ja. Wir haben damals gefragt, warum die Bundeswehr aus Afghanistan abziehen sollte. Pazifistische Argumente wie „Krieg bringt nichts“ wurden nur von etwa drei Prozent der Befragten genannt. Die am häufigsten genannten Gründe für einen Abzug waren die wahrgenommene Erfolglosigkeit des Einsatzes und die Sorge um die Sicherheit der eingesetzten Soldatinnen und Soldaten. Anders formuliert: Aus Sicht vieler Bürgerinnen und Bürger standen das Risiko für die eigenen Kräfte und der mögliche Nutzen oder Erfolg dieses Einsatzes in keinem vertretbaren Verhältnis. Das ist doch kein Pazifismus, sondern Realismus, der hier zum Ausdruck kommt.

Hat der russische Angriff auf die Ukraine das Bild der Bundeswehr verändert?
Mit Blick auf die Grundhaltung zur Bundeswehr: nein. Die war schon vorher gut und ist stabil geblieben. Eine eigentliche Zeitenwende beim Image der Bundeswehr sehen wir deshalb nicht.

Wo zeigt sich die Zeitenwende stattdessen?
Sehr deutlich bei der Bereitschaft, mehr in Verteidigung zu investieren. In den Afghanistan-Jahren lag die Zustimmung zur Erhöhung der Verteidigungsausgaben bei etwa 25 Prozent. Nach der russischen Invasion der Ukraine sprang dieser Wert auf rund 60 Prozent und liegt inzwischen bei etwa 65 Prozent. Wir haben noch nie zuvor so dramatische Veränderungen gesehen.

Hat sich auch die Bewertung der Aufgaben der Bundeswehr verändert?
Ja, auch das ist ein Punkt, wo sich die Zeitenwende in den Köpfen abbildet. Früher stand das internationale Krisenmanagement im Mittelpunkt – Stichwort Afghanistan. Und dieser Auftrag wurde eher kritisch gesehen. In der deutschen Bevölkerung bestand nämlich schon immer eine Präferenz für die Bundeswehr als Verteidigungsarmee – nur war die Bundeswehr das eben viele Jahrzehnte gar nicht. Seit 2022 geht es wieder vorrangig um Landes- und Bündnisverteidigung in Europa, um Russland abzuschrecken. Für diesen Auftrag gibt es sehr viel größere Zustimmung, weil sich 65 Prozent von Russland bedroht fühlen.

Dennoch ist die Bereitschaft begrenzt, selbst militärisch zu dienen. Wie erklären Sie diese Diskrepanz?
Man muss unterscheiden zwischen einer allgemeinen Zustimmung zu einer mehr oder weniger abstrakten Idee und der persönlichen Bereitschaft, selbst Dienst zu leisten. Eine absolute Mehrheit befürwortet einen neuen Wehrdienst, ohne deshalb automatisch zu sagen: Ich würde das selbst machen. Diese Differenz zwischen Zustimmung zu einer Idee und persönlicher Handlungsbereitschaft sehen wir doch auch in anderen Bereichen. So befürworten doch fast alle die Polizei oder das Rettungswesen, ohne selbst zum Polizisten oder Rettungssanitäter werden zu wollen.

Wie beurteilen Sie die aktuelle Diskussion über den neuen freiwilligen Wehrdienst?
Unsere Daten und andere Umfragen zeigen, dass eine absolute Mehrheit in der Bevölkerung einen neuen Wehrdienst grundsätzlich befürwortet. Unter den Jüngeren sagen 42 Prozent, dass ein solcher Dienst notwendig ist. Gleichzeitig plant die Bundeswehr auch keinen sprunghaften Ausbau, sondern einen schrittweisen Aufwuchs. Die Zahl der freiwillig Wehrdienstleistenden lag zuletzt bei rund 12.000, in einem ersten Schritt soll diese Zahl zunächst auf etwa 15.000 und dann im weiteren Verlauf weiter ansteigen. In solchen Größenordnungen kann man durchaus davon ausgehen, dass sich genügend Freiwillige finden lassen. Das Potenzial ist jedenfalls vorhanden. Trotzdem würde ich sagen: Man sollte jetzt erst einmal abwarten, wie sich die tatsächlichen Zahlen entwickeln.

Zur Sache: So blickt die Bevölkerung auf die Bundeswehr

  • Mehr als 80 Prozent der Deutschen haben laut Bevölkerungsbefragung 2025 eine positive oder eher positive Haltung zur Bundeswehr.
  • Die Streitkräfte genießen ähnlich viel Vertrauen wie Polizei oder Gerichte.
  • Seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine ist die Zustimmung zu einer stärkeren militärischen Rolle Deutschlands gestiegen. Rund zwei Drittel der Befragten befürworten höhere Verteidigungsausgaben.
  • Auch eine Aufstockung der Bundeswehr stößt auf Zustimmung, etwa um Nato-Aufgaben besser erfüllen zu können.
  • Viele Bürger stehen der Bundeswehr positiv gegenüber – deutlich weniger wären allerdings bereit, selbst zu dienen.

Quelle: Studie „Deutschland in der militärischen Führungsrolle – Sicherheits- und verteidigungspolitisches Meinungsbild in der Bundesrepublik Deutschland 2025“

Zur Person

Timo Graf arbeitet am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw) in Potsdam.
Timo Graf arbeitet am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw) in Potsdam.

Timo Graf (40) ist Politikwissenschaftler und wissenschaftlicher Oberrat im Forschungsbereich Militärsoziologie am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw) in Potsdam. Er forscht zur öffentlichen Meinung zu Sicherheits- und Verteidigungspolitik sowie zu den zivil-militärischen Beziehungen in Deutschland. Graf leitet die jährliche Bevölkerungsbefragung zum sicherheits- und verteidigungspolitischen Meinungsbild und veröffentlicht regelmäßig Studien zu den Einstellungen der Bevölkerung zur Bundeswehr, Nato und Sicherheitspolitik.

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