Interview
Bewusst kinderlos: „Ich spüre nun mal kein Baby-Fieber“
Frau Kleinmann, Sie haben gerade ein Buch mit dem Titel „Alle kriegen Kinder, ich zweifle“ geschrieben. Was war der Auslöser für Ihre Recherche?
Das war ein Treffen mit einer guten Freundin in Hamburg, die Kinder hat. Die hat mich einfach gefragt, freundschaftlich, nicht übergriffig, wie es denn bei mir aussehe. „Gute Frage“, dachte ich damals. Ich fühlte eigentlich so gar kein Baby-Fieber. Sie meinte, ich solle mir mal Gedanken machen, alles aufschreiben, damit mein älteres Ich irgendwann meine Gedanken mit Mitte 30 nachvollziehen könne. Und da ich gut im Zweifeln, aber auch gut im Recherchieren bin, ist daraus erst ein Podcast und dann ein Buch entstanden. Ich habe gemerkt, dass dies ein ganz essenziellen Thema ist, das viele beschäftigt.
Mal ganz provokativ gefragt: Sind Frauen, die keine Kinder bekommen wollen, nicht „normal“?
Das habe ich selbst lange Zeit auch gedacht. Da sind wir alle gesellschaftlich und kulturhistorisch entsprechend geprägt. Ein Beispiel: Als Teenie habe ich mir „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ reingezogen. Dort fanden Frauen anfangs nur als Mütter statt. Irgendwann durften sie auch einen Job haben, aber den nur in Teilzeit. Und relevant für die Story waren sie immer noch ausschließlich als Mütter. Und damit habe ich jahrelang mein Teenie-Gehirn gefüttert! Irgendwann habe ich aber festgestellt, dass Frauen mit einem anderen Lebensentwurf eigentlich viel spannender sind.
Und egoistisch? Bewusst Kinderlose sind meiner Ansicht nach auch nicht egoistischer als Eltern. Die wollen, überspitzt formuliert, ja auch im Prinzip nur kleine Ausgaben von sich selbst reproduzieren. Es ist ja nicht so, dass ich Kinder hasse. Ich mag sie sehr gern. Bin bei den Kindern meiner Freundinnen bin ich die „lustige Tante“, die gut mit den Kleinen umgehen kann. Aber nur, weil ich das gut kann, muss ich es nicht gleich selbst auch machen.
Eltern auf der einen Seite, Kinderlose auf der anderen: Muss das ein Gegensatz sein oder kann sich das auch irgendwie ergänzen, zum Beispiel im Freundeskreis?
Meine engsten Freundinnen haben fast alle Kinder. Anfangs habe ich mich da zurückgehalten, weil ich dachte, die Lebensentwürfe passen jetzt nicht mehr zusammen. Aber dann haben wir uns getroffen, an Wochenenden. Und festgestellt: Es ist positiv für beide Seiten. Ich habe die Eltern beim Betreuen der Kinder unterstützt und ich selbst habe immer viel Freude dabei, mich mit den Kindern zu beschäftigen. Wenn wir das Konzept Familie weiterdenken, also nicht nur die herkömmliche Form, sondern Familie beispielsweise ergänzen mit Freunden, hätten beide Seiten etwas davon.
Es mag etwas egoistisch klingen: Aber mit den Familien meiner Freundinnen bekomme ich das beste aus beiden Welten. Wenn ich beispielsweise – durchgetaktet, wie ich eben bin – die Tochter meiner Freundin zum Eisessen abholen will und die erst mal nicht will und schmollt, dann muss ich loslassen, runterkommen. Das tut mir dann auch gut. Aber immer möchte ich das eben nicht haben.
Besteht nicht die Gefahr, dass Frau die Kinderlosigkeit irgendwann bereut, gerade wenn die biologische Uhr ganz aufgehört hat zu ticken?
Bereuen kann man ja beides: Kinderlosigkeit, aber auch die Mutterschaft. Gerade letzteres wird inzwischen häufiger thematisiert. Forschern zufolge wird der Mensch immer etwas finden, was er bereuen kann. Denn bei den unzähligen Entscheidungen, die wir tagtäglich treffen, geht naturgemäß immer etwas daneben. Niemand hat eine Glaskugel, mit der er in die Zukunft schauen kann. Und wenn ich eine Entscheidung bereue, denke ich ja, eine andere wäre die bessere gewesen. Aber ich weiß es nicht, ich kann es auch nicht wissen.
Zudem hat ja jeder die Gestaltungsmacht über sein Leben. Wenn ich irgendwann das Bedürfnis habe, kann ich mir auch Kinder in mein Leben holen. Der Bedarf an Betreuung ist groß in den Familien. Da können auch tiefe Bindungen entstehen, ohne biologische Verwandtschaft. Und diese Bindungen sind es, die wir brauchen. Je vielfältiger, umso besser. In der klassischen Kleinfamilie ist auch nicht immer alles besser. Man denke nur an die hohen Scheidungsraten.
Ist Einsamkeit im Alter denn ohne Kinder nicht unausweichlich?
Erst einmal halte ich es für fragwürdig, Kinder zu bekommen, um im Alter nicht einsam zu sein. So denken Eltern auch nicht, glaube ich.
Die Forschung zumindest hat Kinderlosigkeit nicht als Risikofaktor für Einsamkeit im Alter ausgemacht. Wenig Geld, wenig soziale Teilhabe, niedriger Bildungsgrad und Krankheiten – ja. Aber nicht Kinderlosigkeit. Familie zu haben, ist keine Garantie dafür, im Alter nicht allein zu sein. Eltern-Kind-Beziehungen sind nicht immer gut, nicht immer eng. Ich selbst sehe mich später in einer Alters-WG mit Freunden.
Im Buchtitel steht: „Ich zweifle“. Wie können Zweifelnde das Lebensmodell finden, das zu ihnen passt?
Schwierig. Ich war immer ambivalent und habe viele Fragen mit mir herumgetragen. So ist ja auch dieses Buch entstanden. Bis heute habe ich keine abschließenden Antworten für mich gefunden. Das ist sehr anstrengend. Ich glaube, in einem solchen Fall ist es so gut wie unmöglich, endgültige Klarheit zu finden. Aber man kann irgendwann Frieden schließen mit seiner getroffenen Entscheidung.
Im Netz gibt es inzwischen „Kinderfragen Coaching“. Da kann man mal grob checken, wo man steht. Gespräche mit Freunden können auch hilfreich sein, solange die nicht versuchen, einem ihren eigenen Lebensentwurf schmackhaft zu machen. Und dann gibt es ja noch mein neues Buch. (lacht)
Kinder ja oder nein sei „eine der größten Lebensfragen“, schreiben Sie. Warum stellt sich diese offenbar vorwiegend Frauen und nicht Männern?
Zuerst einmal tickt bei Frauen die biologische Uhr. Männer können dagegen auch noch im Rentenalter Väter werden. Zudem sind es doch die Frauen, die den „Mutterinstinkt“ haben müssen, folgt man unserer gesellschaftlichen und kulturhistorischen Prägung. Und es sind die Frauen, die durch Mutterschaft die größten Nachteile haben. Sie machen seltener Karriere, sind finanziell abhängig vom Partner und bekommen am Ende weniger Rente. Die Konsequenzen für das weitere Leben sind bei Frauen weitaus größer, wenn sie Mütter werden, als bei Männern, wenn sie Väter werden.
Die Rollen in der Familie sind leider immer noch ziemlich festgezurrt, auch in meiner Generation. Am Ende hat die Frau mit dem Partner noch ein weiteres Kind, das sie betreuen muss. Aber geht da nicht der letzte Rest von sexueller Attraktion verloren, wenn man auch noch den eigenen Mann bemuttern muss? Kein Wunder, dass eher Frauen zweifeln als Männer!
Zur Person
Die in Heidelberg lebende Autorin Verena Kleinmann (39) ist Journalistin und arbeitet unter anderem beim WDR. Bekannt ist sie durch ihren Podcast „(K)ein Kinderwunsch“, der in der ARD-Audiothek zu finden ist, und ihren Instagram-Kanal @verenakleinmann. Ihr Buch „Alle kriegen Kinder, ich zweifle“ ist gerade im Rowohlt-Verlag erschienen und kostet 18 Euro.