USA und Russland
Auslaufender Atom-Vertrag: Die Angst vor einem neuem nuklearen Wettrüsten
Die internationale atomare Ordnung gerät zunehmen ins Wanken: Die USA und Russland lassen voraussichtlich am Mittwoch den New-Start-Vertrag (Strategic Arms Reduction Treaty) zur Reduzierung und Begrenzung strategischer Nuklearwaffen sang- und klanglos auslaufen. Bis zuletzt sah es nicht so aus, als würden sich die beiden größten Atomwaffenmächte auf eine Nachfolgeregelung einigen.
New-Start war der letzte bilaterale atomare Rüstungskontrollvertrag zwischen den Rivalen: In einem Zeitalter enormer Spannungen zwischen den atomaren Großmächten droht der Wegfall laut Fachleuten nun Konsequenzen nach sich zu ziehen.
Zusätzliche Sprengköpfe
Ulrich Kühn vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg warnt, dass die Welt schon bald wieder im nuklearen Wettrüsten landen könnte. „Allein schon deshalb, weil auf beiden Seiten die Unsicherheit und das Worst-Case-Denken zunehmen werden.“
Auch der Exekutivdirektor der Arms Control Association, Daryl Kimball, malt ein beunruhigendes Szenario mit immer mehr atomaren Massenvernichtungswaffen, die aber niemanden sicherer machen. „Beide Seiten werden wahrscheinlich zum ersten Mal seit mehr als 35 Jahren damit beginnen, ihr eingesetztes Atomwaffenarsenal zu vergrößern, indem sie zusätzliche Sprengköpfe auf bestehende Langstreckenraketen laden.“
Massive Streitmächte
Die USA verfügten jedoch bereits über eine „massive, verheerende und weitgehend unverwundbare Atomstreitmacht“. Diese reiche aus, um einen Angriff eines jeden anderen Atomwaffenstaat abzuschrecken.
Nicht minder hochgerüstet präsentiert sich Russland unter Präsident Wladimir Putin, der seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine durch wiederkehrende atomare Erpressung absichert. Russland und die USA gebieten zusammen über mehr als 90 Prozent der mehr als 12.400 atomaren Sprengköpfe und sie investieren stetig Milliardenbeträge in die Modernisierung.
Der nun auslaufende New-Start-Vertrag von 2010 hatte einer umfangreichen strategischen Aufrüstung zumindest teilweise einen Riegel vorgeschoben. US-Amerikaner und Russen verpflichteten sich, die Zahl der einsatzbereiten strategischen nuklearen Gefechtsköpfe auf je 1550 zu begrenzen. Zudem werden einsatzbereite Trägersysteme wie Interkontinentalraketen und schwere Bomber auf 700 limitiert. Als fortschrittlich vertrauensbildend galt das beiderseitige Kontroll- und Überwachungssystem mit Vor-Ort-Inspektionen.
China rüstet rasant auf
Doch längst geht es im Wettlauf um die atomare Dominanz nicht mehr nur um die alten Widersacher USA und Russland. Eine aufstrebende Supermacht spielt eine immer größere Rolle: China. Das Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri schätzt, dass die Chinesen sich schon mindestens 600 atomare Sprengköpfe zugelegt haben.
„Chinas Atomwaffenarsenal wächst schneller als das jedes anderen Landes, seit 2023 um etwa 100 neue Sprengköpfe pro Jahr“, heißt es bei Sipri. Pekings Machthaber könnten nach Kalkulationen des Instituts bis Ende des laufenden Jahrzehnts mit mindestens so vielen Interkontinentalraketen operieren wie entweder Russland oder die USA.
Angesichts der Aufrüstung im Reich der Mitte gibt sich die frühere US-Diplomatin Rose Gottemoeller, die entscheidend am Zustandekommen von New-Start beteiligt war, „besorgt“. Gottemoeller und andere westliche Experten fordern dringend eine Einhegung des chinesischen Atomwaffen-Programms.