Meinung
Auf gepackten Koffern: Warum Orbán in die USA auswandern könnte
Victor Orbán brauchte mehrere Tage, bis er die Sprache wiederfand. Er fühle „Schmerz und Einsamkeit“, gestand er wehleidig, nachdem ihn sein Herausforderer Péter Magyar bei der Wahl am 12. April geschlagen und ihm die Zweidrittelmehrheit im ungarischen Parlament entrissen hatte. Seine rechtsnationalistische Partei Fidesz bedürfe, einer „vollständigen Erneuerung“. „Wir können nicht so weitermachen“, gestand er ein, und natürlich übernehme er die volle Verantwortung.
Dieses Bekenntnis hat sich als Phrase entpuppt: Orbán, der in 16 Regierungsjahren Ungarn zum korruptesten EU-Land deformierte, weist in diesem Punkt alle Verantwortung zurück: „Ich habe Korruption nie toleriert und die Behörden stets unterstützt“, behauptete er in Budapest. Bereits vor Beginn des Reformprozesses, Mitte Juni mit der Neuwahl der Parteispitze abgeschlossen werden soll, bot er seinen Rücktritt von der Parteispitze an. Der überraschte Vorstand lehnte vorerst ab.
Keine Lust auf Opposition
Den Knochenjob als Oppositionsführer im Parlament will Orbán sich nicht mehr antun, er hat sein Mandat zurückgegeben. Gerüchten zufolge suchen nicht nur Politiker und Oligarchen aus dem Inneren des Machtzirkels das Weite, sondern auch er selbst soll mit Auswanderung liebäugeln. Fest steht vorerst nur, dass Fußballfan Orbán WM-Spiele in den USA besuchen will. Verschlechtert sich die Stimmung gegen ihn in Ungarn, wäre die Gelegenheit günstig, gleich dort zu bleiben. Er soll auf einen Beraterjob in der ultrarechten Maga-Bewegung seines Freundes Donald Trump spekulieren, der Orbáns „illiberale Demokratie“ immer wieder als Modell pries. Doch seit der Wahl zählt Orbán zur Spezies der Verlierer, ist für Trump nicht mehr interessant.
Magyars Ankündigung, er werde Orbán und seine kleptokratischen Günstlinge ungeachtet von Rang und Namen der Justiz ausliefern, zeigt offenbar Wirkung. In Budapest überschlagen sich seit Tagen Gerüchte, wonach auch Orbán nahestehende Oligarchen und Manager auf gepackten Koffern sitzen oder das Land bereits zusammen mit dem ergaunerten Vermögen verlassen hätten. Dass die scheidende Regierung Reichen behilflich ist, ihre Schätze ins Ausland zu transferieren, solange sie noch an der Macht ist, gilt als sicher. Laut Magyar hat sie zudem angeordnet, dass Ministerien kompromittierende Dokumente vernichten.