Meinung
Annalena Baerbocks Bock aufs Buchschreiben
„Kommt Leute! Regt Euch ab!“, twitterte Marco Buschmann: „Es gibt echt Wichtigeres.“ Offenbar nicht. Die Beschwichtigungs-Lesart des parlamentarischen Geschäftsführers der FDP jedenfalls hat sich nicht durchgesetzt. Die Erregungsgesellschaft ist in Aufruhr.
Die Grüne Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock hat plagiiert, abgeschrieben, sich einen Lapsus erlaubt, schlampig gearbeitet, Urheberrechte verletzt, allgemein zugängliche Fakten in einfachen Formulierungen transportiert. Je nachdem, wer ausdeutet – politische Gegner, Sympathisanten, grüne Funktionsträger, Medienanwälte –, dass mindestens sieben Stellen ihres Wahlkampfbuches „Jetzt. Wie wir unser Land erneuern“ ähnlich klingen wie Schriften der Bundeszentrale für politische Bildung.
Fast identisch wie der Politologe Michael T. Klar. Wortwörtlich wie der „Tagesspiegel“, wenn es heißt: „In der Nacht vom 2. auf den 3. Mai 2008 peitschte der Wirbelsturm mit Böen bis zu 240 Stundenkilometern durch die weitverzweigten Flussarme des Irrawaddy.“ Kommt Leute, das fällt dann doch nicht mehr unter die allgemein zugänglichen Fakten, als die ihre Anwälte die Abschriften der grünen Ex-Hoffnung bagatellisiert sehen möchten. Regt euch ab! Ein bisschen. Die Dimension von Karl Theodor zu Guttenbergs Patchwork-Promotion hat das Polit-PR-Werk natürlich nicht.
Instinktlos, mindestens
Und trotzdem gelten, zumal, wenn dieses von einer kommt, die Angela Merkel beerben will, ethische Mindeststandards. Gilt: die Etikette. Sollten Instinkte walten. War ja klar, dass Baerbocks neuerlicher Bock moralisiert wird, hoch acht, wie alles, was die Moralpartei betrifft. Dass er symbolpolitisch ausgeschlachtet wird. So sind die Zeiten. Sagen wir es so, Baerbocks Naivität überrascht. Weniger, dass die Grünen die juristische Bewertung des Falls vorziehen würden. Wegen Geringfügigkeit eingestellt. Das wäre es. So aber verfestigt sich, dass Baerbock es nicht so genau nimmt. Erst mit dem aufgehübschten Lebenslauf. Dann mit der Angabe von Nebeneinkünften. Jetzt mit dem Selbstschreiben.
Überhaupt bleibt ein kleines Rätsel, warum sie das Buch überhaupt verfasst hat, in dem sie auf ihre aus Schlesien eingewanderte Oma hinweist, eine Putzfrau bei der Sparkasse. Und auf den Opa, der Dreher war. Aber den Job ihres Vaters, Personalvorstand bei einem US-amerikanischen Autozulieferer, verschweigt sie dezent. Und warum hat sie das Werk, das die Welt – und sie! – vielleicht gar nicht brauchen, so schnell geschrieben, in acht Wochen? Kann sein, wie manche unken, aus Legitimitätsgründen gegenüber ihrem innerparteilichen Konkurrenten.
Vorteil Habeck
Als Baerbocks Kandidatur im April fix war, waren zwei Bücher über Robert Habeck angekündigt. Keins über sie. Habecks Bestseller „Von hier aus anders. Eine politische Skizze“ ist im Januar erschienen, ein Besteller. Als Autor zumindest gehört der Doktor der Philosophie, Dramatiker und Schriftsteller in eine andere Kategorie. Bücher, sein Terrain. Er sitzt schon mal im „Literarischen Quartett“, schreibt Nachworte, stellt Bücher wie das des Publizisten Ijoma Mangold vor.
Annalena Baerbock indes hat zuletzt im „Spiegel-Bestseller“-Heft Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ vorgeschlagen, ein Jugendroman, tolles Buch, es ist vor elf Jahren erschienen. Verfilmt worden ist es auch. „Tschick“ beschreibt, wie zwei Jungs im geklauten Lada auf eine ungewisse Reise starten. Baerbock hat sich jetzt auch auf dem Buchmarkt verfahren. Kommt Leute! Sie kann es nicht. Regt euch ab: Schwarz-Grün ist so gut wie sicher. Habeck Vizekanzler, warum nicht?
