Leitartikel Abschied vom 49-Euro-Ticket?
Das 49-Euro-Ticket gibt es wohl bald nicht mehr. Unter diesem Namen ist das Deutschland-Ticket immer noch viel bekannter als unter seiner offiziellen Bezeichnung. 49 Euro pro Monat wird es 2025 wohl nicht mehr kosten, in der kommenden Woche kann eine Entscheidung über den künftigen Preis fallen.
Schon die lange Ungewissheit durch die verzögerte politische Entscheidung über die Zukunft des Tickets ist – vorsichtig ausgedrückt – nicht gerade hilfreich für die Akzeptanz des Angebots. Es gibt derzeit rund elf Millionen Deutschland-Ticket-Abonennten. Das ist sicherlich ein Erfolg – vor allem wenn man die widrigen Umstände berücksichtigt, unter denen dieser Wert zustande gekommen ist, der sich wohl noch erheblich steigern ließe, wenn nicht so viel schief laufen würde.
Streiks und Störungen schmälern Attraktivität
Seit der Einführung des Deutschland-Tickets im Mai 2023 drohten monatelang Streiks bei der Deutschen Bahn (DB), erst der größten Eisenbahnergewerkschaft EVG, dann der Lokführergewerkschaft GDL, die kurz vor dem Ruhestand ihres Chef Claus Weselsky besonders rabiat auftrat. Auch nach der Beilegung des Tarifkonflikts bei der DB hatten Bahnkunden massiv unter der Unzuverlässigkeit des Betriebs zu leiden. Zum größten Problem ist dabei mittlerweile der Personalmangel in den DB-Stellwerken geworden, bei dem Ludwigshafen ein Brennpunkt ist. Nach Angaben der BASF-Managerin Johanna Coleman verzeichnete die BASF in diesem Sommer wegen der vielen Zugausfälle und Fahrplanabweichungen bei der S-Bahn die niedrigsten Fahrgastzahlen seit Inbetriebnahme der S-Bahn auf dem BASF-Werksgelände. Das ist kein Wunder, denn in dem reduzierten S-Bahn-Fahrplan, der wegen des Personalmangels galt, fielen sämtliche Pendelzüge zwischen dem Ludwigshafener Hauptbahnhof und der BASF aus. Aktuell gibt es Zugausfälle vor allem auf den Linien von Neustadt nach Karlsruhe und Weißenburg sowie von Kaiserslautern nach Pirmasens.
Für Millionen ist Ticket ein großer Fortschritt
Die durch die Unzuverlässigkeit des Angebots genervten Stammkunden nun auch noch durch eine massive Preiserhöhung zu ärgern, würde für so manchen wohl das Fass zum Überlaufen bringen. Dabei ist allerdings nicht zu unterschätzen, dass trotz allen Ärgers über Zuverlässigkeitsdefizite das Deutschland-Ticket selbst zu Recht von Millionen Kunden als großer Fortschritt empfunden wird, den sie nicht mehr missen möchten. Das ist wohl auch den meisten Politikern klar.
Berufspolemiker wie Jens Spahn (CDU) haben zwar mit teilweise eindeutig falschen Behauptungen heftig gegen das Deutschland-Ticket agitiert, weil es angeblich nur Bewohnern der Großstädte nutzt, aber bisher haben es alle Landesregierungen, an denen die Union beteiligt ist, mitgetragen. Vernünftigeren CDU-Politikern ist wohl auch klar, dass ein Aus für das Deutschland-Ticket sicher kein Wahlkampfknüller wäre. In dieser Situation läuft es wohl darauf hinaus, dass das Deutschland-Ticket bleibt, sein Preis aber trotz der absehbaren Folgen erhöht wird. Im Umlauf sind die Zahlen 54, 59 und 64 Euro. Dabei muss eines klar sein: Je heftiger die Preiserhöhung ausfällt, desto stärker werden auch die Kundenzahlen sinken. Deswegen droht die Gefahr, dass erhoffte Mehreinnahmen ausbleiben und stattdessen eine Negativspirale in Gang gesetzt wird.
