Kalender: 2005: Wir sind Papst - die Wahl von Benedikt XVI.

Der Arbeiter im WeinbergJoseph Ratzinger grüßt nach seiner Wahl zum Papst die Menge. Er nennt sich Benedikt XVI.
Der Arbeiter im WeinbergJoseph Ratzinger grüßt nach seiner Wahl zum Papst die Menge. Er nennt sich Benedikt XVI.
19042020_257tage

Nach weißem Rauch und Glockengeläut verkündet Kardinal Estévez: Habemus Papam – Joseph Kardinal Ratzinger. Von Anne-Susann von Ehr

Es ist Dienstag gegen Abend. Auf dem Petersplatz in Rom haben sich Tausende versammelt, immer wieder schweift ihr Blick zu dem Schornstein der Sixtinischen Kapelle. Dort tagen 115 Kardinäle der römisch-katholischen Kirche, um nach dem Tod von Johannes Paul II. einen neuen Papst zu wählen. Kurz vor 18 Uhr geht ein Raunen durch die Menge. Ist das weißer Rauch, der da aufsteigt? Die schwere Glocke im Campanile des Petersdoms beginnt zu läuten, die kleineren Glocken stimmen ein. Nach und nach schließen sich die Glocken aller Kirchen in Rom an. Nach knapp 26 Stunden und nach dem vierten Wahlgang gibt es einen neuen Pontifex.

Es dauert noch knapp eine Stunde an diesem 19. April 2005, dann ist die Überraschung perfekt: Kardinalprotodiakon Medina Estévez tritt auf die Loggia des Petersdoms: „Habemus Papam: Joseph Kardinal Ratzinger.“ Der 78-jährige Oberbayer und oberste Glaubenshüter ist Papst, der erste deutsche Papst seit rund 480 Jahren. Er gibt sich den Namen Benedikt XVI, zu Deutsch „der Gesegnete“.

Der Favorit setzt sich durch

Ratzinger, der engste Mitarbeiter des verstorbenen Papstes, galt bei den Buchmachern als Favorit auf den Papstthron. Andere handelten ihn als einflussreichen Papstmacher. Denn über viele Jahre war Ratzinger bereits der bedeutendste Entscheidungsträger im Vatikan gewesen. Er kannte die Abläufe, Institutionen, Menschen und Machenschaften der Kurie. Als Chef der Glaubenskongregation war ihm jeder Kardinal, jeder Bischof bekannt, und jeder kannte ihn.

Elf Tage vor seiner Wahl hielt Ratzinger unter Anteilnahme von fast vier Millionen Gläubigen in Rom die Totenmesse für Johannes Paul II. und bezeichnete den Verstorbenen als einen „Priester aus ganzem Herzen“. Mehrmals wurde seine Rede von Beifall unterbrochen. Als Ratzinger dann an diesem Abend des 19. April vor die Gläubigen tritt, ist sein erster Auftritt als Papst Benedikt XVI. eine Verneigung vor dem Vorgänger: „Nach dem großen Papst Johannes Paul II. haben die Herren Kardinäle mich gewählt, einen einfachen und bescheidenen Arbeiter im Weinberg des Herrn.“

Erst Euphorie, dann Ernüchterung

Eine große deutsche Boulevardzeitung titelt „Wir sind Papst“. Eine Schlagzeile, die die Begeisterung ausdrückt, die viele Menschen in Deutschland erfasst. Beim Weltjugendtag in Köln im August 2005, der ersten großen Reise des neuen Papstes, wird Benedikt XVI. mit viel Wärme und Begeisterung empfangen.

Doch auf die Euphorie folgt bei vielen schnell Ernüchterung. Ausgelöst durch Benedikts konservative Linie, durch Kommunikationspannen und Machenschaften im Vatikan und durch öffentlich werdende Krisen wie den sexuellen Missbrauch. Aber auch die Last des Amtes macht dem deutschen Papst zu schaffen. Nach fast acht Jahren im Amt, im Februar 2013, trifft die katholische Kirche und die Welt die Sensation völlig unvorbereitet: Papst Benedikt XVI. tritt zurück – so etwas hat es seit mehr als 700 Jahren nicht mehr gegeben.

Die RHEINPFALZ feiert 2020 ihren 75. Geburtstag. In unserem Jubiläumskalender erinnern wir jeden Tag an ein besonderes Ereignis oder eine ungewöhnliche Geschichte aus den vergangenen 75 Jahren.