Rheinland-Pfalz Studie: Stechmücken-Bekämpfung stresst Kaulquappen

Von der Deutschen Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde (DGHT) zum „Lurch des Jahres 2018“ gekürt: der Grasfrosch.
Von der Deutschen Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde (DGHT) zum »Lurch des Jahres 2018« gekürt: der Grasfrosch.

«LANDAU/SPEYER.»Das am Oberrhein seit Jahrzehnten großflächig eingesetzte Stechmücken-Bekämpfungsmittel Bti scheint auch Auswirkungen auf die Kaulquappen von Grasfröschen zu haben. Darauf deutet eine gerade veröffentlichte Laborstudie hin, die ein Team um den Landauer Umweltwissenschaftler Carsten Brühl erarbeitet hat.

Der Grasfrosch gilt in Deutschland als Allerweltsart. Und dennoch sorgen sich die Fachleute der Deutschen Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde (DGHT) um ihn inzwischen so sehr, dass sie ihn zum „Lurch des Jahres 2018“ gekürt haben. Denn gerade bei dieser Amphibienart sei es in den vergangenen Jahren zu starken Bestandsrückgängen gekommen, heißt es in der Begründung. Die Ursachen nach Überzeugung der DGHT: Intensive Landwirtschaft sowie Siedlungs- und Straßenbau würden die Lebensräume des Grasfroschs bedrohen. Unabhängig davon hat diese Art nun auch das Interesse eines Wissenschaftlerteams um den Landauer Biologen Carsten Brühl geweckt. Anlass war eine Untersuchung in Argentinien zu möglichen Auswirkungen von Bti auf die auch als Kaulquappen bezeichneten Larven von Fröschen. Zur Überraschung der argentinischen Wissenschaftler führten umweltrelevante Konzentrationen eines Bti-Mittels zum Tod der Kaulquappen. Dies war unerwartet, da der Bti genannte Bazillus als umweltfreundliches Mittel gilt, das treffsicher Stechmücken-Larven abtötet und andere Arten weitgehend verschont.

Zuckmücken wichtiges Glied in Nahrungskette

Demgegenüber hat Brühl im vergangenen Jahr bei einem Laborversuch mit Zuckmücken herausgefunden, dass sie empfindlich auf Bti reagieren (wir berichteten): Zuckmücken-Larven seien bereits bei einer Bti-Konzentration eingegangen, die um das 200-Fache niedriger war als jene, die von Kommunalen Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage (Kabs) am Oberrhein eingesetzt wird. Das ist deshalb bedeutsam, weil Zuckmücken ein wichtiges Glied in der Nahrungskette darstellen. Zu den Auswirkungen von Bti auf Amphibien existieren laut dem Landauer Umweltwissenschaftler in Deutschland bisher nur ältere Untersuchungen. Und die argentinische Studie habe das Mittel nicht in jener Produktform untersucht, wie sie am Oberrhein eingesetzt werde. Deshalb habe er sich zu einem eigenen Laborversuch mit dem hierzulande immer noch recht weit verbreiteten Grasfrosch entschlossen. Um den realen Einsatzbedingungen der Kabs möglichst nahe zu kommen, wurden die Kaulquappen dreimal während ihrer Entwicklung im Wasser dem Kontakt mit Bti ausgesetzt.

Bti mobilisiert Entgiftungsapparat der Kaulquappen

Die gute Nachricht, so Brühl: „Keine der Larven ist dadurch akut gestorben.“ Daraus folgt: „Die am Oberrhein eingesetzten Bti-Produkte sind deutlich weniger toxisch für Amphibien als das in Argentinien untersuchte Mittel.“ Allerdings sei bei den Kaulquappen unter Bti-Einfluss die Produktion eines bestimmten Enzyms deutlich, nämlich um das bis zu 550-Fache angestiegen. Das bedeutet, so der Umweltwissenschaftler: „Der ganze Entgiftungsapparat der Larven wurde mobilisiert.“ Bti habe die Tiere unter „oxidativen Stress“ gesetzt, was auch zu Organschäden führen könne. Weiterer Effekt, so Brühl: Jene Kaulquappen, die mit Bti in Kontakt kamen, hätten ihr Larvenstadium im Vergleich zu Artgenossen ohne Bti-Einfluss verkürzt. Eine Erklärung dafür könnte nach den Worten des Biologen sein, dass es sich dabei um einen Schutzmechanismus handelt, mit dem die Tiere dem Wirkstoff im Wasser entfliehen und früher an Land gehen. Im Laborversuch konnte allerdings nicht untersucht werden, welche Auswirkungen das verkürzte Larvenstadium hat. Denn mit der Dauer ihrer Entwicklungsstadien stellen sich Amphibien auf das Vorhandensein ihrer Fressfeinde oder auch auf für sie ungünstige Temperaturen ein.

Unnötiger Stress für Amphibien zu vermeiden

All dies deutet laut Brühl darauf hin, dass Bti keineswegs ohne Auswirkungen auf die Kaulquappen bleibt. Bei Amphibien handele es sich um eine streng geschützte Tiergruppe. Deshalb sollte seiner Meinung nach insbesondere in Naturschutzgebieten darauf geachtet werden, dass unnötiger Stress für sie möglichst vermieden werde. Dies könnte beispielsweise dadurch geschehen, dass einzelne Naturschutzgebiete aus der Stechmücken-Bekämpfung mit Bti ausgenommen werden beziehungsweise der Einsatz des Mittels reduziert werde.
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