Rheinland-Pfalz Pfalz: Das Rätsel der „Isdal-Frau“

Das Phantombild der unbekannten Toten.
Das Phantombild der unbekannten Toten.
Diese Karte wurde auf der Grundlage der Zahnschmelzanalysen erstellt: Sie zeigt, wo die Frau als Zehnjährige mit hoher Wahrschei
Diese Karte wurde auf der Grundlage der Zahnschmelzanalysen erstellt: Sie zeigt, wo die Frau als Zehnjährige mit hoher Wahrscheinlichkeit (rote Zonen) gelebt haben könnte. Eine Möglichkeit: das Grenzgebiet zwischen Belgien, Frankreich und Rheinland-Pfalz.
Zähne der Toten, die jetzt neue Untersuchungen ermöglichten.
Zähne der Toten, die jetzt neue Untersuchungen ermöglichten.

Neue Spuren in einem mysteriösen Kriminalfall führen jetzt auch in die Pfalz und tief in die Vergangenheit eines Kinderheims

„Das ist schon eine verrückte Geschichte“, sagt Steffen Dully. Er ist Pastoralreferent am Wallfahrtsort Maria Rosenberg bei Waldfischbach-Burgalben (Kreis Südwestpfalz). Gerade hatte er Besuch von der norwegischen Journalistin Marit Higraff: Recherchen zum Fall einer unbekannten Frau, der lange bei den Akten lag. Offiziell ging die norwegische Polizei damals überraschend schnell von Selbstmord aus. Doch TV-Journalisten des öffentlich-rechtlichen Senders NRK haben neue Ermittlungen angestoßen. Denn viele Fragen sind ungelöst. Die Frau war mit mehreren gefälschten Pässen durch ganz Europa gereist. In ihrem Gepäck befanden sich Perücken, Brillen mit Fensterglas, Kosmetika mit abgekratzter Beschriftung, ein Schreibblock mit Zahlencodes und Kleidung, deren Etiketten herausgetrennt war.

Forensische Untersuchungen am Zahnschmelz

Bis heute weiß niemand, wer diese geheimnisvolle Frau war. Gefunden wurde ihre nackte Leiche am 29. November 1970 in der Nähe der Stadt Bergen im Isdal – zu Deutsch „Eistal“. Kriminalisten nennen die Unbekannte deshalb „Isdal-Frau“. Im Depot der Rechtsmedizin in Bergen stießen die norwegischen Journalisten in einer entlegenen Ecke unlängst auf einen Karton, der den Ober- und Unterkiefer der Toten enthielt. Forensiker untersuchten daraufhin den Zahnschmelz; mit dieser Analyse lässt sich feststellen, welches Wasser ein Mensch als Kind getrunken hat, welche Nahrung er zu sich nahm. Dies lässt Rückschlüsse darauf zu, wo dieser Mensch gelebt haben könnte. Denn das Wasser in Spanien hat beispielsweise an vielen Orten eine andere chemische Zusammensetzung als das in Portugal oder Deutschland.

Suche in Kinderheimen

Die rätselhafte Tote soll zwischen 30 und 40 Jahre alt gewesen sein. Wenn das stimmt, wäre sie zwischen 1930 und 1940 geboren. Die Zahnschmelz-Untersuchungen bringen zwei überraschende Ergebnisse: Die ersten Jahre ihrer Kindheit hat die Unbekannte sehr wahrscheinlich in Nürnberg und Umgebung verbracht. Als Zehnjährige könnte sie in Wales oder Spanien gelebt haben – oder aber auch in Rheinland-Pfalz im Grenzgebiet zu Frankreich, Belgien oder Luxemburg. „Das ist schon sehr spekulativ“, sagt Dully. Da sich nie irgendwelche Angehörigen der „Isdal-Frau“ gemeldet hatten, konzentriert sich die Suche der norwegischen Journalisten auf Kinderheime. Und in Maria Rosenberg gab es seit 1912 ein „Katholisches Mädchenerziehungsheim“ des Bistums Speyer. Während des Zweiten Weltkrieges wurden dort auch Waisenkinder aufgenommen, nach dem Krieg lebten in dem Heim zeitweise 170 Mädchen. War unter ihnen auch die „Isdal-Frau“?

Spur in die Pfalz

Dully gewährt Marit Higraff bei ihrem Besuch Einblick ins Archiv des ehemaligen Kinderheims, aus dem das heutige „Haus der Kinder und Jugendhilfe“ hervorgegangen ist. In den alten Büchern gibt es für jeden Zögling eine Seite: Woher und wann kam das Kind, gab es Krankheiten oder Vorkommnisse. Dullys erster Eindruck: „Es sind damals mehr Kinder aus Nürnberg nach Maria Rosenberg geschickt worden, als ich angenommen habe.“ Das Mädchenheim hatte schon in der Vorkriegszeit offenbar mit dem Jugendamt der Stadt Nürnberg zusammengearbeitet. Auch wenn Higraff beim ersten Anlauf in Maria Rosenberg nicht fündig wird, hofft sie weiter: „Irgendwo da draußen ist vielleicht doch eine Familie, die ihre Angehörige vermisst.“

Viele merkwürdige Details

Es gibt Hinweise, dass in den 1970er-Jahren Ermittlungen der norwegischen Polizei behindert oder unterdrückt wurden und dass Geheimdienste in den Fall involviert gewesen sein könnten – es war die Zeit des Kalten Krieges, in den Fjorden des Nato-Landes Norwegen werden damals immer wieder sowjetische U-Boote gesichtet. Zeugen beschrieben die Unbekannte als attraktiv, sie habe Englisch wie Deutsch gesprochen. Hotelangestellte berichten, dass die Frau in ihrem Zimmer die Möbel umgeräumt hat: „Wir haben uns gefragt, ob sie vielleicht verrückt ist.“ Andere glauben, die Frau während ihres Aufenthalts in Norwegen mit verschiedenen Männern gesehen zu haben. Eines von vielen merkwürdigen Details: Bei der Leiche wurde eine Schachtel Streichhölzer des deutschen Erotik-Versandhauses Beate Uhse gefunden.

Polizei ermittelt wieder

All das beflügelt die Fantasie der Hobby-Detektive. Die unbekannte Tote war durch das Feuer entstellt. Der norwegische TV-Sender ließ deshalb jetzt von einem amerikanischen Forensiker ein neues Phantombild erstellten, seitdem hat die „Isdal-Frau“ wieder ein Gesicht. Und seit August 2016 ist der Fall auch offiziell wieder offen – die Bergener Polizei ermittelt. Doch angenommen, die Unbekannte hätte um 1945 tatsächlich im Kinderheim auf Maria Rosenberg gelebt: Welche Spuren wären noch zu finden? Was könnte auf die „Isdal-Frau“ hinweisen? In den Kriegsjahren war die Fluktuation in dem Heim hoch. „Die Mädchen blieben oft nur ein bis zwei Jahre“, sagt Dully. Viele Waisen oder Halbwaisen seien dann wieder weggegangen, weil sie von Verwandten aufgenommen wurden. Dennoch will man in Maria Rosenberg jetzt die alten Bücher Jahrgang für Jahrgang durchgehen. Aber wonach sucht man dabei? „Wir schauen, ob es Ähnlichkeiten oder Übereinstimmungen mit den Namen gibt, die wir von der Unbekannten haben“, erklärt Dully. Die Polizei in Norwegen hatte seinerzeit die Meldezettel von Hotels im ganzen Land überprüft. Sie fand heraus, dass die „Isdal-Frau“ 1970 unter verschiedenen Alias-Namen unterwegs gewesen war: Mal nannte sie sich Claudia Tielt, mal Vera Jarle, dann Elisabeth Leenhouwer, Geneviève Lancier, Claudia Nielsen, Finella Lorck oder Alexia Zarna-Merchez.

Daten von vor 1970 liegen nicht mehr vor

Die Daten und Identifizierungsmerkmale der „Isdal-Frau“ sind vom Bundeskriminalamt in die Datei „Vermisste, unbekannte Tote, unbekannte hilflose Personen“ eingestellt worden. Auf diese Datei haben auch die Landeskriminalämter Zugriff. Jessica Maron, Sprecherin des LKA in Mainz, sagt jedoch: „Bezüge der Isdal-Frau nach Rheinland-Pfalz konnten bislang nicht näher identifiziert werden.“ Die Recherche dürfte sich auch hier als schwierig erweisen: Denn der Vermisstenstelle des Landeskriminalamtes liegen Daten zu vermissten Personen aus Rheinland-Pfalz, die sich auf das Jahr 1970 oder die Zeit davor beziehen, nicht mehr vor.

Info

Hinweise zur „Isdal-Frau“ an das NRK-Team: Email oder per Post an Staale Hansen, NRK Dokumentar og samfunn, MDSP FG22, NO-0340 Oslo, Norway. Podcast der BBC zu dem Fall (englisch)
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