Rheinland-Pfalz „Kirche auf Augenhöhe“: Latzel neuer rheinischer Präses

Thorsten Latzel
Thorsten Latzel, Theologe, steht im Haus der Evangelischen Kirche im Rheinland.

Die evangelische Kirche im Rheinland hat eine neue Führung. Der neue Präses kommt aber nicht aus den eigenen Reihen der zweitgrößten evangelischen Landeskirche. Auf den neuen Spitzenmann Thorsten Latzel kommen schwierige Aufgaben zu.

Düsseldorf (dpa) - Der promovierte Theologe und Blogger Thorsten Latzel aus Hessen wird neuer Präses die Evangelische Kirche im Rheinland. Die Landessynode wählte den 50-jährigen Direktor der Evangelischen Akademie Frankfurt am Donnerstag an die Spitze der mit 2,4 Millionen Mitgliedern zweitgrößten evangelischen Landeskirche.

„Mir ist es wichtig, dass wir als Kirche auf Augenhöhe bei den großen Fragen der Zeit mitreden können“, sagte Latzel. Auch in der Corona-Pandemie sollten „nicht nur Virologen, sondern auch Theologen“ ihre Stimme erheben. Die Kirche müsse sich auch Verschwörungstheoretikern entgegenstellen.

Latzel wird am 20. März ins Amt eingeführt. Der amtierende rheinische Präses Manfred Rekowski (62) geht nach achtjähriger Amtszeit in den Ruhestand.

Latzel erhielt in der elektronischen Abstimmung 113 von 190 abgegebenen Stimmen. Der Theologe, der nicht aus den Reihen der rheinischen Kirche kommt, setzte sich gleich im ersten Wahlgang klar gegen zwei Mitbewerber durch - den Theologie-Professor Reiner Knieling und die Superintendentin Almut van Niekerk aus St. Augustin. Das Kirchenparlament tagt wegen der Corona-Pandemie erstmals digital.

Der im hessischen Biedenkopf geborene Latzel studierte Theologie in Marburg und Heidelberg und war als Pfarrer in Hessen tätig. Er leitete von 2005 bis 2012 das „Projektbüro Reformprozess“ in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und bringt Leitungserfahrung auf Bundesebene in sein neues Amt mit. In seinem Blog „glauben-denken.de“ veröffentlicht er theologische Impulse.

Die Kirchenarbeit müsse angesichts des Mitgliederschwunds umgebaut werden, sagte Latzel. „Ja, wir werden in nächster Zeit weniger, älter und ärmer.“ Latzel will vor allem jungen Menschen ein Forum bieten und kreative Formen der Kirchenarbeit erproben. „Junge Menschen auf die Kanzel holen“, gab er als Devise aus. Denn es gebe „einen Überdruss an kirchlicher Sprache“. Vor allem die 20- bis 40-Jährigen seien eine wichtige Zielgruppe, denn sie träten am häufigsten aus der Kirche aus. Auch der Gottesdienst am Sonntag um 10.00 Uhr dürfe nicht mehr in Stein gemeißelt sein. „Die Menschen pluralisieren sich, was wir als Kirche auch tun werden.“ Die Kirche dürfe nicht darauf warten, dass die Menschen zu ihr kämen, sondern müsse selber progressiv auf sie zugehen.

Klar sprach sich Latzel gegen die Möglichkeit eines begleiteten professionellen Suizids in diakonischen Einrichtungen aus. „Das ist nicht unsere Aufgabe“, sagte Latzel am Donnerstag kurz nach seiner Wahl in Düsseldorf. „Es ist unsere Aufgabe als evangelische Kirche, Menschen zu begleiten auf ihrem Weg beim Sterben, aber wir machen keinen Beitrag zum Sterben.“ Latzel reagierte damit auf einen Vorstoß mehrerer führender evangelischer Theologen. Diese hatten dafür geworben, Sterbewilligen in kirchlichen Einrichtungen Beratung, Unterstützung und Begleitung anzubieten.

Latzel folgt als Präses auf den seit 2013 amtierenden Wuppertaler Theologen Rekowski. Dieser hatte das Vertrauen in die Landeskirche nach einem Finanzskandal mit millionenschweren Verlusten wieder aufbauen müsse. Rekowski wirkte vor allem nach innen in die Kirche.

Auf seinen Nachfolger kommen nicht weniger schwierige Aufgaben zu. Wegen der Corona-Pandemie sind die Kirchensteuereinnahmen im abgelaufenen Jahr um 12,5 Prozent eingebrochen. Außerdem setzt sich der Mitgliederschwund auch bei den rheinischen Protestanten fort. Prognosen zufolge dürfte sich die Gesamtzahl der Mitglieder der evangelischen Kirche in Deutschland bis 2060 auf rund 10,5 Millionen halbieren.

Durch die Corona-Krise steht die rheinische Kirche mit ihren rund 2,4 Millionen Mitgliedern unter Spardruck. Zwei Arbeitsgruppen sollen Sparvorschläge erarbeiten. Das Gebiet der rheinische Kirche umfasst Teile der Bundesländer Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Hessen und Saarland.