Rheinland-Pfalz Das Aufräumen nach der Katastrophe geht weiter

Unwetter in Rheinland-Pfalz
Der Fluss Ahr fließt zwischen der zerstörten Bundesstraße B267 und einer zerstörten Bahntrasse.

Sind für das Katastrophen-Warnsystem neue Sirenentöne nötig? Der Landkreistag Rheinland-Pfalz hält das für notwendig. Die Europa-Abgeordnete Jutta Paulus spricht von einer «bitteren Erkenntnis».

Bad Neuenahr-Ahrweiler (dpa/lrs) - In den Katastrophengebieten in Rheinland-Pfalz werden die Aufräumarbeiten vorangetrieben und zugleich läuft die Suche nach Vermissten weiter. Zunehmend stellt sich auch die Frage, ob die von Unwetter und Fluten betroffenen Menschen an der Ahr nicht früher hätten alarmiert werden können. Jetzt gebe es „die bittere Erkenntnis, dass die Warnungen des Europäischen Flutwarnungssystems und des Deutschen Wetterdiensts bei viel zu vielen Menschen nicht rechtzeitig angekommen sind“, erläuterte die rheinland-pfälzische Europa-Abgeordnete Jutta Paulus (Grüne) zu einer Anfrage an die EU-Kommission in Brüssel. „Wir müssen aus diesen Versäumnissen lernen, denn Extremwetterereignisse werden zunehmen.“

Der Landkreistag Rheinland-Pfalz forderte neue Sirenensignale, damit die Menschen in Risikogebieten rechtzeitig gewarnt werden können. „Die digitale Alarmierung funktioniert nicht, wenn kein Ton da ist“, sagte der Geschäftsführende Direktor des Landkreistags, Burkhard Müller. Die etablierten Signale etwa zum Fliegeralarm oder zum ABC-Alarm bei einem Angriff mit atomaren, biologischen oder chemischen Waffen seien nicht mehr zeitgemäß. „Ich halte vier bis fünf neue Signale für zwingend erforderlich.“ Dazu sollte auch ein Signal gehören, sich auf keinen Fall in Kellerräumen aufzuhalten.

Kritische Stimmen kamen auch aus dem Landtag Rheinland-Pfalz. Die dort neu vertretene Fraktion der Freien Wähler sprach von einem „Versagen in Meldeketten“. Der Fraktionsvorsitzende Joachim Streit schloss sich dem Vorwurf der britischen Wissenschaftlerin Hannah Cloke an, die den Behörden ein „monumentales“ System-Versagen in der Flutkatastrophe vorwarf. Cloke war am Aufbau des EFAS (European Flood Awareness System) beteiligt, das nach den verheerenden Überschwemmungen an Elbe und Donau im Jahr 2002 gegründet wurde. Die AfD-Fraktion forderte einen Untersuchungsausschuss.

Im Katastrophengebiet stehen jedoch die Suche nach Vermissten und die Hilfe für die Betroffenen ganz im Mittelpunkt. Die Zahl der in der Katastrophe ums Leben gekommenen Menschen steige weiter an, hatte Innenminister Roger Lewentz erklärt.

An der Ahr wird die Bevölkerung davor gewarnt, das Wasser des Flusses zu trinken oder es zur Reinigung von Gegenständen zu nutzen. Das Ahr-Wasser sei durch Heizöl, Abwasser sowie Schlamm und Unrat stark verunreinigt, teilte das Pressezentrum Hochwasser-Ahrweiler am Montagabend mit.

Die Landesregierung will nun dafür sorgen, dass die Katastrophe nicht zu steigenden Corona-Infektionszahlen führt, etwa durch Hilfsaktionen oder die Unterbringung in Notunterkünften. „Derzeit kommen viele Menschen auf engstem Raum zusammen, um die Krise gemeinsam zu bewältigen. Wir müssen jetzt aufpassen, dass die Bewältigung der Katastrophe nicht zu einem Superspreader-Event wird“, sagte David Freichel vom Corona-Kommunikationsstab der Staatskanzlei in Rheinland-Pfalz dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND/Dienstag).

Das Landesgesundheitsministerium bereite in Absprache mit den Behörden der betroffenen Landkreise eine Sonderimpfaktion in den Katastrophengebieten vor. Viele Rettungskräfte hätten schon den vollen Impfschutz. An Orten, an denen viele Menschen auf engstem Raum zusammenkommen, sollten Helferinnen und Helfer aber dafür sensibilisiert werden, trotz des Ausnahmezustands Corona-Maßnahmen weiter einzuhalten.

© dpa-infocom, dpa:210719-99-442004/4

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