Burgen in der Pfalz
Neidenfels und Lichtenstein: Dem Wein und der Bahn geopfert
Bei Neidenfels denken die meisten an Papierfabrik. Der Glatz-Koloss prägt für alle, die auf der B 39 zwischen Neustadt und Kaiserslautern unterwegs sind, das Ortsbild. Doch wer abbiegt und einen Blick hinter die Industriekulisse riskiert, entdeckt Mittelalterliches. Über dem Ort thront Burgruine Neidenfels. Es gibt sogar noch eine zweite Burgruine: Lichtenstein. Doch die liegt so gut versteckt, dass wir in der nach ihr benannten Pfälzerwald-Vereinshütte nach dem Weg fragen müssen.
„Do is awwer nimmi viel do“, warnt die wegweisende Wirtin fürsorglich. Dass sie Recht hat, sehen wir 15 Minuten und 57 Höhenmeter später. Ein Stück Buckelquadermauerwerk mit fein gearbeiteter Kante, das, an höchster Stelle noch 22 Steinlagen messend, einen Felsklotz verschalt, ist das Ansehnlichste, was von Burg Lichtenstein übrig ist.
Die Autoren des Pfälzischen Burgenlexikons deuten den Buckelquader-Mantel als Rest einer einst wesentlich höheren Schildmauer, die in Richtung Nordosten, gegen den ansteigenden Bergrücken hin, keilförmig zugespitzt war. Der vorgelagerte Halsgraben ist zwar verschüttet, aber an einer steinbruchartigen Felsenflanke, den Burgresten gegenüber, noch zu erkennen. Hinter der Schildmauer, so vermuten die Burgenforscher weiter, dürfte sich auf dem nur 50 Quadratmeter messenden Felsplateau ein Wohnturm oder turmartiger Palas erhoben haben: Das war Lichtensteins bemerkenswert kleine Ober- oder Kernburg.
An der Nordecke des Felsklotzes hat sich außerdem ein Stück der Ringmauer erhalten. Sie gehörte zur Unterburg, welche das „Tiny House“ der Oberburg umgab und sich, wiederum mutmaßlich, vor allem in südöstlicher Richtung ausdehnte. Wie weit, weiß man nicht. Dazu müssten ausführliche Untersuchungen stattfinden, was bislang nicht geschah. „Burg Lichtenstein gehört zu den am wenigsten bauhistorisch erforschten Burgen der Pfalz. Selbst der Umfang der Burgruine, die zu den kleinsten Höhenburgen zählt, ist letztlich unbekannt“, schreibt dazu der Historiker Jürgen Keddigkeit auf der Internet-Wissensplattform „Kulturlandschaft digital“.
Schon 1281 zerstört
Dass hier archäologisch noch manches im Dunkeln liegt, macht Burg Lichtenstein, so spärlich ihre Reste auf den ersten Blick erscheinen mögen, interessant. Zumal sie historisch mit einem gewissen Knalleffekt aufwarten kann. Zerstört wurde die Burg der ab 1219 urkundlich nachweisbaren Herren von Lichtenstein nämlich bereits 1281 und damit verdammt früh. Ursächlich dafür war ein Konflikt innerhalb der Dienstadelsfamilie.
Wahrscheinlich weil ihm die Verwandtschaft sein Drittel an der Stammburg streitig machte, verbündete sich Johannes von Lichtenstein im April 1281 mit der Stadt Speyer gegen den eigenen Bruder und dessen Söhne. Welches Hühnchen die Speyerer mit diesen anderen Lichtensteinern zu rupfen hatten, weiß man nicht. Verbrieft ist, dass Johannes mit einem Speyerer Militärkontingent vor die Burg seiner Familie zog. Der Lichtenstein wurde belagert, eingenommen, zerstört, sein Wiederaufbau verboten. Aus die Maus. Wenn man dazu noch bedenkt, dass die Ruine in den Jahren 1845 bis 1848 als Steinlieferant für den Bau der direkt durch den Burgberg getriebenen Pfälzischen Ludwigsbahn herhalten musste, ist es verwunderlich, dass man heute überhaupt noch ein paar bauliche Reste vorfindet.
Wo die Sage irrt
Ein Echo fand der Untergang des Hauses Lichtenstein in einer Sage, die den Bruderzwist mit der nachbarschaftlichen Situation der beiden Neidenfelser Burgen verknüpft. Sie berichtet von zwei feindlichen Brüdern, von denen „der schlimmere“ auf Neidenfels gehaust haben soll, dem Lichtensteiner neidisch nach dem Leben trachtend.
Die Sage hat nur einen Haken: Lichtenstein und Neidenfels existierten nicht gleichzeitig. Neidenfels wurde erst 50 Jahre nach Lichtensteins Zerstörung errichtet, um 1330. Und zwar von den Pfalzgrafen bei Rhein, sprich, den Pfälzer Kurfürsten, die mit dieser Burggründung ihr Territorium um Neustadt weiter ins Hochspeyerbachtal ausdehnten.
Eine Verbindung zwischen den Pfalzgrafen und dem Hause Lichtenstein gibt es gleichwohl: Albrecht von Lichtenstein, der Vater des fatalen, mit Speyer paktierenden Johannes, wurde 1269 zum Burgmann auf der ebenfalls pfalzgräflichen Wolfsburg ernannt, und die ersten Niederadeligen, welche die Pfalzgrafen 1338 mit ihrer neu erbauten Burg Neidenfels belehnten, waren Verwandte der Lichtensteiner: die Herren von Odenbach.
Von Pfalzgraf Rudolf II. (1306-1353), der vermutlich auch der Burggründer war, weiß man, dass er ab und an auf Neidenfels weilte, um Rechtsakte auszustellen. Späterhin lenkten vor allem niederadelige Verwalter aus dem Kreis der kurpfälzischen Administration die Geschicke der Burg. In der Regel blasse Gestalten, mit einer Ausnahme: 1582 bezog mit Dr. Peter Beutterich eine illustre, geradezu „faustische“ Figur der Frühen Neuzeit den Neidenfels. Beutterich hatte Philosophie, Juristerei und auch Theologie mit Fleiß studiert und dann als ambitionierter Truppenführer und Diplomat im Dienst der Kurpfalz Karriere gemacht. Offenbar war insbesondere Pfalzgraf Johann Kasimir dem Herrn Doktor zu Dank verpflichtet, denn der Stifter des Neustadter „Casimirianums“ setzte ab 1575 alle Hebel in Bewegung, um Beutterich die zu diesem Zeitpunkt von den Herren von Angelloch „gepachtete“ Burg zu verschaffen.
Der verschwundene Wingert
Eine Vorstellung, wie Burg Neidenfels zur Zeit ihrer Erbauung im ersten Drittel des 14. Jahrhunderts ausgesehen haben dürfte, vermitteln Aufbaustudien des Landauer Architekten Arndt Hartung aus den frühen 1930er-Jahren. Auf den Zeichnungen, die im Stadtarchiv Landau aufbewahrt werden, sieht man eine Anlage, deren Wohnbebauung sich auf die Nordseite oberhalb des Halsgrabens und die Ostflanke eines in die Burg integrierten Felsenriffs konzentrierte. Im Süden und Westen bewehrte ein Zwinger mit runden Ecktürmchen die Kernburg – ein fortifikatorisches Konzept, das im 14. und 15. Jahrhundert groß in Mode war.
Übrig ist von all dem auch nicht mehr so viel: ein Brunnen, ein halbierter Wendeltreppenturm, der die Etagen zweier Gebäude erschloss, von denen das an den Zentralfelsen angelehnte noch zwei Stockwerke hoch aufragt, während vom östlich anschließenden Trakt nur das Erdgeschossgewölbe erhalten ist. Wer von Südwesten auf dieses Ruinenensemble blickt, hat den Eindruck, in aufgeplatzte steinernen Eingeweide zu schauen.
Zwei Felsenkeller weisen auf weitere Wohn- oder Wirtschaftsgebäude entlang des Zentralfelsens hin. Von den runden Ecktürmen des Zwingers hat sich am besten jener in der Nordwestecke erhalten, der den Halsgraben flankierte. Vom geduckten, nach Norden wohl zu einer Art Schildmauer verstärkten Wohnbau oder Wohnturm, den Arndt Hartung auf den Felskopf hockte, sind, am besten vom Halsgraben aus, nur noch wenige Lagen breiter Buckelquader mit Zangenlöchern zu entdecken.
Schuld an diesem mageren Zustand sind nicht nur die Kriege des 17. Jahrhunderts und der berühmte Zahn der Zeit, sondern auch die ehrgeizigen Weinbaupläne eines kurpfälzischen Forstmeisters: Georg Franz Glöckle ließ 1749 „unter der glorwürdigsten Regierung des Kurfürsten Carl Theodor“ vieles von dem, was damals von der zerstörten Burg noch vorhanden war, abreißen, um mit den so gewonnenen Steinen den Burgberg zu terrassieren und in einen Wingert zu verwandeln. Die Gedenktafel, mit der Glöckle sich und seinem Weingarten ein Denkmal setzte, findet man noch heute am Treppenweg, der vom Schlossbergweg hoch zur Burg führt.
Glöckels Reben-Experiment scheiterte seinerzeit – wer hätte es gedacht? – am Klima im Hochspeyerbachtal. Über des Forstmeisters Weinbergterrassen ist längst Gras gewachsen. Die stufenförmig abfallende Wiese gibt den Blick frei – auf die Papierfabrik.
Wegweiser
Beide Burgruinen sind frei zugänglich. Neidenfels ist über einen Treppenweg zu erreichen, der in der Mitte des Schlossbergwegs beginnt; ein Wanderweg zur Burg startet am Ende der Vordertalstraße. Ruine Lichtenstein liegt auf dem Berg westlich der Ortschaft, ein Zuweg zweigt in der Hintertalstraße zwischen Wohnhäusern ab. Einkehrmöglichkeit: Lichtensteinhütte des PWV.



