Burgen in der Pfalz
Folterknast im Reihenhaus: Die Geschichte der Dahner Burgen
„Anno 1372, als viel Räubereien und Plackereien unter dem Adel in dem Römischen Reich sonderlich an dem Rhein entstunden, hat Kaiser Carolus IV. mit Graf Emichen von Leiningen, auch den Städten Speier, Worms, Oppenheim und Mainz, sich in ein Bündnis gethan und heftig auf die Räubereien gestreift. Und ward in diesem Jahr Dahn, die Festung im Wasgau, zerbrochen und gewonnen, welche Stophes, ein schädlicher Mann, innen hatte von seines Weibs wegen, Walther von Dahns Mutter. Man fand auch darinnen manchen gefangenen Mann in den Stöcken und auch todter Menschen Glieder, die ihnen abgefaulet waren.“
Wenn es darum geht, sich das Klischee vom finsteren Mittelalter mit Kerker, Folter und Raubrittertum bestätigen zu lassen, sind die Dahner Burgen eine gute Adresse. Zumindest, wenn man diesem Bericht aus der von Friedrich Zorn zwischen 1565 und 1570 verfassten „Wormser Chronik“ Glauben schenken darf. Nun war der genannte Unhold, wie aus der zitierten Passage hervorgeht, freilich angeheiratet – und die eigentlichen Herren von Dahn eher ordentliche, verhaltensunauffällige Angehörige des Dienst- und Niederadels. Meistens.
Zurück zu den Wurzeln
Dass die Schreibung des Geschlechternamens während des Mittelalters zwischen Tanne und Danne, Tan, Than und Dahn fleißig schwankt, kann denjenigen zur Verzweiflung treiben, der in alten Schriftquellen nach den Rittern fahndet. Als frühester urkundlich fassbarer Vertreter des Geschlechts muss bislang ein gewisser Heinrich von Tanne gelten. Am 14. April 1189 war er als Zeuge zugegen, als Kaiser Friedrich Barbarossa in seiner Pfalz in Hagenau ein Tauschgeschäft mit dem Bistum Straßburg abschloss, um die Ländereien des Zisterzienserklosters Eußerthal zu mehren. Bis 1198 taucht dieser Heinrich noch mehrfach im Dunstkreis der Stauferherrscher auf. Ursprünglich waren die Herren von Tanne (oder Dahn) also Reichsministeriale; ihr Geschlechtername weist sie als Ritter aus dem Tann, dem Wald, aus.
Im Laufe des 13. Jahrhunderts bekamen die Dahner Ritter einen neuen Dienstherrn. An die Stelle des Königs trat der Speyerer Bischof. Bis zum Untergang des Hauses Dahn im ersten Jahrzehnt des 17. Jahrhunderts gingen alle vier Dahner Burgen vom Hochstift Speyer zu Lehen. Wann genau der großfamiliäre Bau-Boom begann, weiß man nicht. Die Vermutung liegt nahe, dass zumindest ein Teil der Burgengruppe auf dem Dahner Schlossberg zur Zeit Heinrichs von Tanne gegründet wurde. Und laut Pfälzischem Burgenlexikon weisen dort die ältesten baulichen Reste tatsächlich in die Zeit kurz vor oder kurz nach 1200.
Viele Ritter, viele Häuser
1288 enden die Spekulationen. Damals wurde ein Burgfriedensvertrag geschlossen, aus dem hervorgeht, dass alle vier Dahner Burgen zu diesem Zeitpunkt bereits existierten. Auf dem Schlossberg wohnten vier Ritter von Dahn mit ihren Familien. Diesem Stammbaum entspricht bis heute die Struktur der Anlage.
Fünf Felsriffe wurden befestigt. Die beiden östlichen nimmt Burg Altdahn ein, deren Ensemble optisch eine Einheit bildet. Auf dem mittleren Felsklotz thront Grafendahn. Tanstein zerfällt in einen Ost- und einen Westfelsen, jeweils mit eigener Unterburg und eigenem Burggraben, wodurch der Eindruck entsteht, dass die ritterliche Reihenhaussiedlung in Wahrheit nicht aus drei, sondern aus vier separaten Einheiten bestand.
Hinzu kommt, knapp fünf Kilometer entfernt auf einem Ausläufer des Kauerts gelegen, Burg Neudahn. Auch diese Dahner Filiale gab es 1288 wohl schon seit zwei Generationen, wenn auch in anderer baulicher Form als die Ruine, die man heute erblickt. Damals lebten hier die Schwäger des 1285 verstorbenen Wolfram von Dahn, Friedrich von Windstein und Anselm zu der Eichen.
Bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts wurden alle diese Befestigungen pauschal als „Than die burg“ bezeichnet, inklusive Neudahn. Eine namentliche Differenzierung entwickelte sich erst, nachdem die mittlere „borg Thanne“ auf dem Schlossberg 1339 in den Besitz der Grafen von Sponheim gelangt war. Zur Unterscheidung von diesem Grafendahn ist ab etwa 1340 von einer alten und einer neuen Burg Dahn die Rede, 1346 wird erstmals Dankenstein aktenkundig – Burg Tanstein.
Kluft in der Gesellschaft
Doch auf welcher dieser Burgen ließ nun der fiese Stophes seine Gefangenen schmachten und verrotten? Burg Altdahn war’s, die seinetwegen 1372 durch ein Militäraufgebot des Landfriedens unter Führung des Grafen Emich VI. von Leiningen-Hardenburg belagert und erobert wurde. Wobei man zu Gunsten des Bösewichts bedenken sollte, dass es sich bei der Schilderung in der „Wormser Chronik“ auch um Propaganda handeln könnte, mit der man die Strafaktion legitimieren wollte.
Auseinanderklaffende gesellschaftliche Entwicklungen ließen im 14. Jahrhundert den Vorwurf des Raubrittertums inflationär grassieren. Die Ritterschaft pochte auf ihr Fehderecht. Die aufstrebenden Städte, die ihren Handel und ihre Bürger schützen wollten, schmiedeten dagegen mit größeren Territorialherren sogenannte Landfriedensbündnisse. Wer den Landfrieden brach, wurde belagert. 1314 war der Berwartstein Ziel einer solchen Militäraktion, 1332 Burg Alt-Windstein, 1335 der Drachenfels, 1348 die Frönsburg, 1386 Burg Löwenstein. Die Belagerung Altdahns 1372 reiht sich also ein in eine ganze Kette gleichartiger Ereignisse. Und dabei sind nur die Burgen im Wasgau berücksichtigt.
Zoff mit König Ruprecht
Ziemlich berühmt ist die Belagerung der bei Seeheim-Jugenheim gelegenen Burg Tannenberg anno 1399, weil dafür eigens eine 3,5 Tonnen schwere Steinbüchse von 20 Pferden aus Frankfurt angekarrt wurde. Warum das hier eine Rolle spielt? Weil zwei Dahner Ritter, Johann und Heinrich, in die Ereignisse um das Raubritternest in Südhessen involviert waren. Laut einer Ganerbenliste besaßen sie ein Zwölftel von Tannenberg.
Wie diese Verbindung zustande kam, bleibt schleierhaft. Aus Urkunden des Pfalzgrafen Ruprecht III., der die Belagerung Tannenbergs 1399 leitete und ein Jahr später zum deutschen König gewählt wurde, geht jedoch klar hervor, dass zu den Verteidigern der Burg zwei Knechte der Dahner Ritter gehörten: Erhart und Henze. Diese gerieten bei der Zerstörung Tannenbergs im Juli 1399 in Gefangenschaft. Auch Heinrich und Johann wurden von Ruprecht bestraft: 1401 ließ der König Burg Neudahn beschlagnahmen, bis „der Streit gesühnt“ sei.
Schlimme Folgen hatten diese Vorgänge für die Ritterfamilie offenbar nicht. Johann von Dahn wurde noch in demselben Jahr von König Ruprecht mit der heute verschwundenen Geisburg bei Burrweiler belehnt. Und Altdahn konnte man im Laufe des 15. Jahrhunderts modernisieren. Aus der Zeit um 1450 stammen die beiden hufeisenförmigen Tor- und Geschützrondelle, die den Zugang zur Burg neu organisierten und Altdahns Erscheinungsbild bis heute prägen – zusammen mit dem älteren, noch aus dem 13. Jahrhundert datierenden Wohnbaurest auf dem Oberburgfelsen. Der dort aufragende Rechteckturm ist keinesfalls als Bergfried anzusehen. Vielmehr handelt es sich, den Kragsteinen auf seiner Nordseite zufolge, um einen Abortturm, der wahrscheinlich auch als Wachturm diente.
Während Altdahn ausgebaut wurde, wechselte Grafendahn seine gräflichen Besitzer. Auf die Sponheimer folgten um 1420 die Markgrafen von Baden, ab 1463 die Pfalzgrafen bei Rhein. Weil Kurfürst Friedrich I. von der Pfalz 1462 in der Schlacht bei Seckenheim auch über Markgraf Karl I. von Baden triumphiert hatte, gelang ihm der Zugriff auf Grafendahn. Doch keiner dieser Herren scheint in die Anlage investiert zu haben. Auch nicht Hans von Trotha, der die Burg 1480 zusammen mit dem Berwartstein von Friedrichs Nachfolger Philipp dem Aufrichtigen erhielt. Bereits 1485 soll Grafendahn unbewohnbar gewesen sein. Was heute von der Burg an Architektur übrig ist – eine Ecke der mit Buckelquadern verkleideten Schildmauer und ein daran anschließender Wohnbaurest – kommt am besten zur Geltung, wenn man es von Tanstein aus betrachtet.
Pracht trotz Pleite?
Den Autoren des Pfälzischen Burgenlexikons zufolge war es just diese dritte, am stärksten verfallene Burg der ritterlichen Reihenhausgruppe, die der Familie zum Verhängnis wurde. Heinrich XIII. von Dahn, der ab 1512 Tanstein besaß, war demnach ein Anhänger des Franz von Sickingen und in dessen Ritteraufstand 1522/23 verstrickt. Nachdem man Franz, den „letzten Ritter“, auf seiner Burg Nanstein „erledigt“ hatte, zog das Heer der Fürstenallianz auch nach Dahn. Burg Tanstein wurde zwar nicht zerstört, aber 20 Jahre lang von Kurtrier besetzt, was nach Meinung der Burgenforscher katastrophale finanzielle Folgen für die Herren von Dahn hatte: „Immer häufiger mussten sie in der Folgezeit Güter veräußern, um an Bargeld zu gelangen. Die Verarmung des einst reichen Geschlechtes nahm unaufhaltsam ihren Lauf.“
Wie aber passt zu dieser These, dass Neudahn im 16. Jahrhundert auf eine Weise umgebaut wurde, die einem Neubau gleichkam? Die Filiale über dem Moosbachtal bekam einen imposanten Doppelgeschützturm mit schmucken Maul- und Brillenscharten, außerdem einen gegen den Bergrücken gerichteten Sporn, der nach der neuesten Mode des Festungsbaus als Ravelin gestaltet wurde. Das alles sieht hochwertig und teuer aus. Waren vielleicht nur einzelne Teile der Großfamilie vom wirtschaftlichen Niedergang betroffen? Oder war es am Ende nicht das Tanstein-Desaster, sondern der ehrgeizige Neudahn-Ausbau, der das Geschlecht in finanzielle Schieflage brachte?
Man wird es vermutlich nie erfahren. Denn als 1689 französische Truppen während des Pfälzischen Erbfolgekriegs Neudahn zerstörten, ging wohl auch das Dahner Familienarchiv in Flammen auf. Der letzte männliche Vertreter des Geschlechts, Ludwig II. von Dahn, starb am 15. September 1603. Und zwar auf keiner der Dahner Burgen. Sondern in einem gegen Ende des 16. Jahrhunderts erbauten Schloss in Burrweiler, von dem noch ein schöner Renaissance-Torbogen erhalten ist.
Wegweiser
Die Dahner Burgengruppe ist täglich 10-18 Uhr geöffnet (bis 31.10.) und zurzeit nicht bewirtschaftet. Burg Neudahn ist frei zugänglich. Infos: www.burgenlandschaft-pfalz.de
