Burgen in der Pfalz
Ein Archäologie-Krimi: Ruine Schlosseck bei Bad Dürkheim
Dieses aber ist das Erste, was einem ins Auge sticht, wenn man sich der Ruine von Norden nähert. Jenseits des Halsgrabens hebt sich die Glattquaderpracht des Tores deutlich ab von den archaisch groben Buckelquadern der Schildmauer. Ein doppelter romanischer Rundbogen ruht auf Konsolen, die mit Vogelskulpturen – Adlern oder Falken – geziert sind. Ein im Halbrund verlaufender Palmettenfries betont den Versatz zwischen den beiden Bögen. Auf dem Scheitelstein prangt ein grotesker Männerkopf, dem ornamentale Ranken aus dem Mund sprießen. Darüber sorgen ein Rundbogenfries und eine steinerne Zierleiste – wiederum mit Akanthusblatt- oder Palmettendekor – für den architektonischen Abschluss. Es gibt, aus dieser Epoche, nichts Vergleichbares in der pfälzischen Burgenlandschaft.
Doch wie kann es sein, dass diese erstaunlichen baulichen Reste der künstlerischen Aufmerksamkeit sämtlicher Romantiker, von Friedrich Christian Reinermann bis Heinrich Jakob Fried, entgingen, die sich zwischen 1820 und 1840 emsig durch die Pfälzer Ruinenlandschaft zeichneten? Ganz einfach: Sie konnten davon nichts ahnen. Bis ins späte 19. Jahrhundert hinein wusste kaum jemand von der Burgruine über dem Isenachtal.
Erst durch Ausgrabungen, die Christian Mehlis, seines Zeichens Historiker und Gymnasiallehrer, ab 1879 initiierte, trat die vergessene hochmittelalterliche Anlage richtig zutage. Aus den Funden, die man dabei machte, wurde das Burgtor 1883 wiedererrichtet. Weil damals die östliche Kämpferplatte fehlte – das Original entdeckte man erst im weiteren Verlauf der Ausgrabungen –, wurde sie durch eine Rekonstruktion ersetzt: Man erkennt das gut am Verwitterungszustand der Vogelskulpturen.
Was man heute weiß
Auf keinen Fall war Schlosseck nur eine Warte oder ein Vorwerk, wie der Pfälzer Historiker Johann Georg Lehmann noch 1834 glaubte. Vielmehr war die Burg unbekannten Namens eine eigenständige, mit erheblichem Aufwand errichtete Anlage, die dem staufischen „Masterplan“ einer Burg folgte, inklusive Spornlage, geometrischem Grundriss, Schildmauer und fünfeckigem Bergfried, dessen keilförmig zugespitzte Kante gegen die Angriffsseite zeigte. Aufbaustudien, die der Landauer Architekt und Burgenexperte Arndt Hartung 1933 anfertigte, entwickeln eine Vorstellung davon, wie Schlosseck, unzerstört, ausgesehen haben könnte.
Aus den modernen Grabungen, die Jochen Braselmann 2017 und 2018 auf Schlosseck durchführte, ergibt sich folgendes Bild: Die Burg wurde um die Mitte, wahrscheinlicher in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts errichtet, und das rasch, innerhalb von etwa fünf Jahren. Nach kurzer Nutzungsphase, belegt durch chronologisch entsprechende Keramikfunde, wurde die Burg bereits um 1200 zerstört, und zwar durch Beschuss mit einer „Blide“, einer großen Katapultschleuder. Davon zeugen Steingeschosse, die im Burgareal gefunden wurden.
Neben einem steinernen Wohnbau, der sich an die Westflanke der Ringmauer anlehnte, standen auf dem heute weitgehend überwucherten Burgareal weitere Gebäude in Fachwerkbauweise, die teilweise mit Kachelöfen beheizt wurden. Zum Zeitpunkt ihrer Zerstörung war die Ringmauer der Burg in ihrem südöstlichen Teil offenbar noch nicht vollendet: Die in diesem Bereich hinter der Ringmauer liegende „Zyklopenmauer“, von der die ältere Forschung vermutete, dass sie zu einer frühmittelalterlichen Fliehburg gehörte, wurde durch Braselmanns Ausgrabungen als Materiallager des 12. Jahrhunderts erkannt, das dem weiteren Ausbau von Schlossecks unfertiger Ringmauer dienen sollte.
Was man vermuten kann
Dass Schlosseck in strategisch wichtiger Lage errichtet wurde, ist evident: Unterhalb des Burgbergs verlief eine alte Straße, die das Reichsland um die staufische Kaiserpfalz in Lautern (Lutra) mit der Rheinebene verband. Heute führt hier die Bundesstraße 37 von Bad Dürkheim nach Kaiserslautern. Doch wer steckte hier mit Schlossecks Erbauung seinen „Claim“ ab? Das Reich, also der Stauferkaiser, selbst? Die Grafen von Leiningen? Der Abt oder der Schutzvogt des Klosters Limburg? Die jeweiligen Territorien grenzen in dieser Ecke aneinander.
Im Zuge seiner Ausgrabungen wies Jochen Braselmann auf interessante formale Ähnlichkeiten zwischen Schlosseck und Burg Hohenecken bei Kaiserslautern hin. Beide Burgen haben einen dreieckigen, zum Oval gerundeten Grundriss, beide einen fünfeckigen Bergfried, der mit seiner bugartig hinter der jeweiligen Schildmauer aufragenden Kante auf die zeitgenössische Entwicklung der Belagerungswaffen reagiert. Da nun Hohenecken – besetzt mit staufischen Ministerialen, die sich ursprünglich „de Lutra“ (von Lautern) nannten – eindeutig als Reichsburg anzusehen ist, liegt auf Grund der architektonischen Parallelen die Vermutung nahe, dass auch Schlosseck eine Staufer-Gründung war, aus der Zeit von Friedrich Barbarossa, der von 1152 bis 1190 regierte.
Möglicherweise, so eine von Braselmanns Hypothesen, wurde Schlosseck dann um 1200 von den benachbarten Grafen von Leiningen zerstört, gerade weil die Burg ein staufisches Machtsymbol war. Im „deutschen Thronstreit“, der ab 1198 zwischen dem Staufer Philipp von Schwaben und dem Welfen Otto von Braunschweig eskalierte, standen die Leininger nämlich zunächst auf der Seite des Welfen. Erst 1204 wechselten die Grafen ins politische Lager Philipps und wurden dafür mit der Schutzvogtei über das Kloster Limburg belohnt. In der Folgezeit begannen sie, weiter östlich im Tal und demonstrativ auf Klostergrund, mit dem Bau der Hardenburg.
Letztlich bleiben diese detektivischen Mutmaßungen spekulativ. Doch der mit ihnen angesprochene Zeithorizont deckt sich mit dem bauhistorischen Befund. Außerdem würde die These, der zufolge Schlosseck eine Reichsburg im Dunstkreis des staufischen Machtapparats in Lautern war, auch erklären, warum für die geheimnisvolle Burg so viel Baukunst aufgewendet wurde. Denn neben dem Wehrcharakter von Schildmauer und Bergfried sorgt das romanische Burgtor an strategisch eigentlich ungünstiger Stelle für einen repräsentativen Aspekt: Wer sich solch ein Entrée leisten konnte, hatte Macht, Geld und Stil.
Wegweiser
Burgruine Schlosseck liegt westlich des Bad Dürkheimer Ortsteils Hardenburg auf einem Südostausläufer des Rahnfelsens. Sie ist frei zugänglich und nur zu Fuß zu erreichen, zum Beispiel über den Wanderweg „Schätze der Leininger“ (12,5 km). Ein weiterer Fußweg beginnt an der B37, gegenüber einer Papierfabrik.



