Burgen in der Pfalz
Die Rietburg bei Rhodt und die Entführung einer Königin
Es ist das Jahr 1255, als die Rietburg über Rhodt auf einen Schlag zum Brennpunkt der Weltpolitik wird. Unruhige Zeiten herrschen damals im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Stauferkaiser Friedrich II., zuletzt im Dauerclinch mit dem Papst und 1245 offiziell „abgesetzt“, ist seit fünf Jahren tot. Bereits 1247 wurde von der päpstlichen Partei Wilhelm von Holland als Gegenkönig nördlich der Alpen installiert. So richtig König nennen kann sich Wilhelm aber erst, als auch Friedrichs Sohn Konrad IV. im Mai 1254 in einem süditalienischen Heerlager stirbt, angeblich an einem Fieber, manche munkeln von Gift. Dass Wilhelm 1252 Elisabeth von Braunschweig geheiratet hat, stärkt nun seine Position im Reich zusätzlich: Seine Frau entstammt dem mächtigen Geschlecht der Welfen, das bereits in der Vergangenheit durch Opposition gegen die Staufer aufgefallen war.
Diese Elisabeth befindet sich im November 1255 auf dem Weg zum Trifels, dem staufischen Machtsymbol, als sie und ihr Tross bei Edesheim überfallen werden. Hermann von Rietberg verschleppt die Königin und den Grafen Adolf von Waldeck, Wilhelms Hofrichter und Statthalter, auf die Rietburg. Doch warum tut der Pfälzer Ritter das?
Neue These zur Tat
War Hermann von Rietberg, ganz banal, auf den Schmuck der Königin scharf? Wollte er Lösegeld erpressen? Oder war die Entführung politisch motiviert? Wenn ja: mit welchem Lager sympathisierte Hermann? Handelte er – die Autoren des Pfälzischen Burgenlexikons stellen es als These in den Raum – als treuer Anhänger der Staufer, der die neue Königsmacht schwächen wollte? Doch welchen Sinn hätte das noch gehabt, nachdem mit Konrads Tod das Ende der Staufer-Dynastie im Grunde besiegelt war?
In seinem 2023 veröffentlichten Buch „Raub der Königin“ entwickelt Daniel Heintz, Historiker beim Rietburg-Verein, deshalb eine andere Theorie: Demnach wäre es möglich, dass sich die Aktion des Rietbergers in erster Linie nicht gegen die Königin, sondern gegen den Statthalter Adolf von Waldeck richtete – und mithin gegen den Rheinischen Städtebund, der sich 1254 unter Wilhelms Herrschaft gegründet hatte. Mitglied in dieser Organisation, die sowohl ein gesteigertes Sicherheitsbedürfnis während des Interregnums (1245 bis 1273) als auch den Aufstieg eines neuen Standes spiegelt, war die Stadt Speyer. Was wiederum dem Speyrer Bischof, der damals Heinrich von Leiningen hieß, kaum gefallen haben dürfte. Die Stadt emanzipierte sich im Laufe des 13. Jahrhunderts vom Bistum, die Bürgerschaft ließ sich vom Bischof immer weniger diktieren.
Die Rietburg andererseits ging vom Speyerer Bischof zu Lehen, der Rietberger war dessen Vasall. Was also, wenn der Bischof den Ritter mit der Entführung der Königin beauftragt hätte, um das Erstarken der Städte zu unterminieren? Oder gab ein Karriereknick in Heinrichs Vita den Anlass zur Tat? Fühlte sich der Leininger, der anfangs Wilhelms Reichskanzler war, vom König in seinem ehrgeizigen Ringen um die Würzburger Bischofswürde nicht hinlänglich unterstützt?
Man weiß es nicht. „Letztlich ist auch das nur eine These“, betont Heintz, „wir können über die Beweggründe des Herrn von Rietberg nur spekulieren.“ Verbrieft ist dagegen, durch Friedrich Zorns „Wormser Chronik“, dass Kontingente aus Worms, Mainz und Oppenheim – alle drei Städte gehörten dem Rheinischen Städtebund an – aufmarschierten und die Rietburg belagerten. Am 4. Dezember 1255 gab Hermann von Rietberg auf. Der Entführer wurde genötigt, ins Kloster Eußerthal einzutreten. Die befreite Königin blieb in der Pfalz, ihren Gemahl sollte sie nie wiedersehen. Auf der ehedem zwischen Bellheim und Hördt aufragenden, heute völlig abgegangenen Reichsburg Spiegelberg erhielt Elisabeth Ende Januar 1256 die Nachricht von Wilhelms Tod: Der König war aufständischen Friesen in die Hände gefallen.
Archäologische Erkenntnisse
Dass die Rietburg damals zerstört oder stark beschädigt wurde, belegen archäologische Funde, die bei den aktuellen Sanierungsarbeiten zutage traten. Dabei wurden drei Typen von Blidensteinen entdeckt, die auf den Einsatz von Katapultgeschossen hinweisen. Außerdem „besteht die Schildmauer, die wir heute sehen, aus Steinen in Zweitverwendung“, erklärt Heintz. Wie die um 1200 gegründete Burg ursprünglich aussah, weiß man folglich nicht genau. Was heute – am besten aus der Vogelperspektive – erkennbar wird, ist ein Befestigungskonzept, das womöglich erst mit dem Wiederaufbau ab 1256 entstand.
Bautypologisch gehört diese Version der Rietburg zu den Schildmauer-Burgen ohne Bergfried, vergleichbar mit der Ramburg oder der Wasenburg bei Niederbronn-les-Bains. Aufbaustudien, die der Landauer Architekt und Burgenforscher Arndt Hartung in den Jahren 1932 bis 1934 anfertigte, vermitteln ein plausibles Bild der Rietburg des 14. Jahrhunderts. Auffällig an der Anlage ist das flächenmäßige Ungleichgewicht zwischen Kern- und Unterburg, das dem unterschiedlichen Bodenniveau geschuldet ist.
Die Wohnbauten der Rietburg konzentrierten sich, direkt an die Schildmauer anschließend, auf die Nordwestecke des Burgareals. Diese Fläche nehmen – fein für Ausflügler, schlecht für Burgenromantiker – seit 1957 die Höhengaststätte und ihre Aussichtsterrasse ein. Die tiefer liegende Unterburg war wesentlich größer als dieser Kern und bot Raum für Ställe und Wirtschaftsgebäude. Von ihr hat sich nur die Ringmauer erhalten.
Pfandobjekt der Bischöfe
Doch was passierte hier, nachdem mit Hermann Junior, dem Sohn des Entführers, 1260 der letzte Edelfreie von Rietberg kinderlos gestorben war? Nach Ausweis der Urkunden nichts mehr Spektakuläres. Bischof Heinrich gab die Burg seinem Bruder, dem Grafen Emich von Leiningen-Landeck. Der Nachfolger auf dem Speyerer Bischofsthron, Friedrich von Bolanden, belehnte Otto von Ochsenstein mit der Anlage. Ab 1330 diente die Rietburg den Speyerer Bischöfen wiederholt als Pfandobjekt, um Löcher in der Haushaltskasse zu stopfen.
1349 zum Beispiel verkaufte Bischof Gerhard von Ehrenberg die Burg für 3000 Pfund Heller an das Speyerer Domkapitel, das sich 1372 seinerseits finanziell gezwungen sah, die Anlage zusammen mit den Dörfern Weyher und St. Martin zu veräußern. Der Käufer, ein Ritter Arnold von Engassen, sollte „die stark geschädigte Burg ausbessern“ und innerhalb von fünf Jahren 400 Gulden darin verbauen. Die Lehenshoheit des Hochstifts Speyer blieb von solchen Transaktionen unberührt.
„Wir wissen heute, dass die Rietburg ihren baulichen Zenit um 1400 hatte“, erklärt Daniel Heintz. Danach setzte offenbar ein schleichender Niedergang ein. Bereits um die Mitte der 1460er-Jahre war die Burg in so schlechtem Zustand, dass ihre Kapelle nach Marientraut verlegt wurde, die heute verschwundene Wasserburg der Speyerer Bischöfe bei Hanhofen. Wurde die Rietburg vielleicht gar nicht in einem der Kriege des 16. und 17. Jahrhunderts zerstört, sondern einfach aufgegeben? „Es wurde jedenfalls bislang nichts gefunden, was auf eine Nutzung der Burg nach 1500 hinweisen würde“, weiß Heintz.
Wegweiser
Die Rietburg, auf einer Höhe von 531 Metern über Rhodt und Edenkoben gelegen, ist über Wanderwege oder mit der Rietburgbahn (ab 7.3. wieder in Betrieb) zu erreichen. Derzeit laufen Sanierungsarbeiten. Die Ruine ist trotzdem zugänglich, auch die Höhengaststätte in der Rietburg hat geöffnet (Sa/So 10-17 Uhr, ab 5.4. Mo-Fr 10-17 Uhr, Sa/So 10-18 Uhr). Die Schildmauer ist zurzeit eingerüstet, ab Mitte des Jahres soll man sie wieder betreten können.
