Frankfurt
Wenn das Cover besser als das Original ist: Wet Wet Wet kommen nach Frankfurt
Es gehört zu den kleinen Tragödien des Musikgeschäfts, dass ein Cover manchmal erfolgreicher wird als das Original. Wie mag sich ein Musiker vorkommen, der erleben muss, dass der eigene Song erst in der Version eines anderen so richtig durch die Decke geht? Wie ein frisch entlassener Fußballtrainer, der mitansieht, wie die eigene, personell unveränderte Verlierer-Truppe mit einem neuen Coach plötzlich Spiel um Spiel gewinnt?
Selbst den Größten passiert’s
Beispiele für Cover, die erfolgreicher waren als das Original gibt es in der Musikgeschichte zuhauf. Von Gloria Jones’ Versionen von „Tainted Love“ (1964 und 1976) nahm kaum einer Notiz, Soft Cell stürmten mit ihrer Synthie-Pop-Variante 1981 damit weltweit die Charts. Die „Don’t Cha“-Originalversion von Tori Alamaze lief 2004 unter ferner liefen, die Pussycat Dolls hingegen landeten mit der Nummer ein Jahr später einen globalen Erfolg. Oder: „Torn“, ein Riesenhit für Natalie Imbruglia (1997). An der Nummer hatten sich zuvor schon Lis Sørensen (1993, auf Dänisch) und die Band Ednaswap (1995, auf Englisch) versucht, ohne auch nur ansatzweise den gleichen Durchschlag damit zu erzielen.
Selbst Superstars wie Leonard Cohen, die Beatles oder Prince waren nicht davor gefeit, dass mal einer ihrer Songs aus dem Mund eines anderen Künstlers eine ganz andere Strahlkraft entwickelte. Jeff Buckley stahl 1994 Cohen mit seiner Variante von „Hallelujah“ die Show; Joe Cockers Idee für „With a Little Help from My Friends“ verfing mehr als die von Ringo Starr dargebotene Version – und Sinéad O’Connors herzzerreißende Interpretation von „Nothing Compares 2 U“ stellte die ursprüngliche Prince-Einspielung in den Schatten.
Auch „Love Is All Around“, mit dem Wet Wet Wet 1994 ihren internationalen Durchbruch feierten, ist ein Cover. Zuerst nahmen The Troggs den Song 1967 auf, waren damit eigentlich auch ganz erfolgreich, mit dem Lied landeten sie sowohl im Vereinigten Königreich als auch in den USA in den Top Ten der Charts. Die Wet-Wet-Wet-Version fast 30 Jahre später ging dann aber im UK sogar auf Platz eins.
Mitverantwortlich für den Erfolg der Wet-Wet-Wet-Variante war natürlich der Umstand, dass der Song auf dem Soundtrack der britischen Liebeskomödie „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“ (1994) landete, die Hugh Grant seinerzeit zum internationalen Superstar machte.
Stolze 15 Wochen lang hielt sich „Love Is All Around“ auf Platz eins der UK-Charts, der Titel war allgegenwärtig, es gab praktisch kein Entrinnen. Und wie das bei Liedern so ist, die im Radio in der Heavy Rotation laufen: Irgendwann beginnen sie, einen Teil des Publikums zu nerven. Das war auch bei „Love Is All Around“ der Fall, das so erfolgreich und auch totgenudelt war, dass manche Radiostationen den Song irgendwann aus ihrem Programm verbannten, weil zu viele Hörer entnervt beim Sender durchklingelten.
Irgendwann wurde es selbst der Band zu viel, und sie nahm die Nummer freiwillig aus dem Verkauf (obwohl dieser immer noch mehr als anständig lief). Wet Wet Wet räumten absichtlich das Feld, so kam dann Whigfield immerhin mit „Saturday Night “zu ihrem Nummer-eins-Hit.
Für Wet Wet Wet war „Love Is All Around“ nicht die erste Nummer eins, nicht mal die erste Nummer eins, die ihnen mit einem Cover gelang. 1988 schafften sie das Kunststück bereits mit einer Version von „With a Little Help From My Friends“. Auch mit dem selbst geschriebenen „Goodnight Girl“ erreichten sie den Platz an der Sonne der UK-Charts.
Neue Stimme am Mikro
Nach „Love Is All Around“ begann der Erfolg der Schotten aber zu schwinden, 1997 war nach 15 Jahren dann erst einmal Schluss. Zumindest vorübergehend. 2004 fand die Kapelle nämlich dann schon wieder zusammen, bis heute ist die Soft-Rock- und Blue-Eyed-Soul-Kapelle umtriebig. Zuletzt sind – nach 14 Jahren Veröffentlichungspause und Fokus aufs Live-Geschäft – sogar wieder Alben der Briten erschienen: „The Journey“ (2021) und „Strings Attached“ (2025). Auf „The Journey“ präsentierten die langjährigen Mitglieder Graeme Clark und Graeme Duffin mit Kevin Simm (Sieger von The Voice UK 2016 und früheres Mitglied von Liberty X) einen neuen Sänger, Originalstimme Marti Pellow stieg 2017 aus, um sich seiner Solokarriere zu widmen. In der neuen Formation sind Wet Wet Wet gerade auf Europa-Tournee, auch Frankfurt steht dabei auf dem Tourplan. Eine gute Möglichkeit, mal abzuchecken, ob die neue Besetzung taugt – oder Wet Wet Wet nun praktisch zu ihrer eigenen Coverband werden ...
Info
Wet Wet Wet: »Love Is All Around Europa. The Greatest Hits Tour 2026« – Sa 9.5., 19.30 Uhr, Frankfurt, Batschkapp, Tickets: reser
