Mannheim
Taylor Swift vom Thron gestoßen: Santiano kommen in die SAP-Arena
Da hatte selbst die eigentlich doch unanfechtbare Taylor Swift keine Chance. Auch für den US-amerikanischen Pop-Superstar galt es, den Platz an der deutschen Chart-Spitze zu räumen, als Santiano Ende Oktober ihr siebtes Studioalbum „Da braut sich was zusammen“ veröffentlichten. Und so riss die geradezu unheimliche Serie der Shanty-Rocker nicht ab: Jedes Album der Band aus Schleswig-Holstein erreichte bislang den ersten Platz der hiesigen Charts. Jedes! Ein Kunststück, das bisher keinem anderen Künstler beziehungsweise keiner anderen Band in Deutschland gelang, selbst Peter Maffay, Herbert Grönemeyer, BAP oder Andrea Berg nicht, Stars also, die in dieser Hinsicht in Deutschland beeindruckende Serien und Rekorde aufgestellt haben.
Dunkle Wolken am Horizont
Der bewährte Sound von Santiano, diese Mixtur aus Shanty, Folk, Rock und Pop, sie verfängt immer noch. Auch nach rund 15 Jahren. Während sich klangtechnisch bei der Kapelle nicht wahnsinnig viel verändert hat, war das jüngste Album inhaltlich doch deutlich ernsthafter als üblich bei den Party-Matrosen. Gute-Laune-Nummern hat es auf der Platte zwar auch, etwa „Tanzen wie die Teufel“ oder „Belle of Belfast City“, Santiano schlagen aber auch deutlich gesellschaftskritische Töne an. Exemplarisch dafür steht natürlich das Titelstück. „Denn ich kann’s in den Knochen spüren, mein Freund / Die Schatten kommen näher und es scheint / Dass keiner wissen will, was uns bald droht / Und es fehlt ein Rettungsboot“, heißt es da, oder auch: „Du glaubst, ich mal den Teufel an die Wand / Doch spüre ich den Strom am Horizont / Noch stellen wir uns blind und bleiben stumm / Reiß das Ruder nochmal um.“ Es ist der Rechtsruck, den die Band besingt, vor dem sie Angst hat, ebenso wie vor dem Sterben der freiheitlichen Demokratie in diesem Land. Dennoch ist die Platte nicht depressiv, durch die dunklen Wolken bricht auch immer noch ein bisschen Hoffnung, den Kahn doch noch irgendwie wieder flott zu bekommen. „Wir appellieren an positiven Mut zur Gestaltung. So frei nach dem Motto von Peter Fox: ,Wenn dir das Alte nicht passt, mach neu!’“, sagte Santiano-Frontmann Björn Both neulich im Interview mit der „Super Illu“, und zeigt dabei auf, dass die Band schon immer auch politisch war: „Unser Thema als Band ist Freiheit, wir singen viel darüber und oft haben unsere Texte eine zweite Erzählebene. Wie zum Beispiel ,Wenn die Kälte kommt’ – den Song kann man auch anders lesen. Nicht nur die Temperatur, sondern auch als gesellschaftliches Klima.“
Maximal anschlussfähig
Ziel der Band sei es, so verrät Both in dem Gespräch, für gesellschaftlichen Zusammenhalt, Respekt und eine gesunde Streitkultur zu werben, in der man auch mal aushält, wenn einer eine andere Sichtweise hat. Borth zu dem Blatt: „Die politische Klasse ist da gerade kein gutes Beispiel. Die Fronten sind mittlerweile sehr verhärtet. Wir vertreten Werte, die auf einem Schiff eine Relevanz haben: Respekt, ein gutes Miteinander, Toleranz, die Akzeptanz von unterschiedlichen Meinungen – und das nicht erst seit gestern, sondern seit vielen Jahren.“
Es ist diese Doppelbödigkeit, die die Band in so viele Richtungen anschlussfähig macht. In Santiano-Konzerten stehen Leute nebeneinander, die sich sonst in ganz unterschiedlichen musikalischen Welten bewegen. Die Gigs sind Schmelztiegel, auf die sich Wacken-Gänger und Helene-Fischer-Fans einigen können.
Natürlich polarisiert die Band auch. Wie immer, wenn man Haltung zeigt, gibt es auch den entsprechenden Gegenwind. Gegenwind, den die Band aushält.
Die Norddeutschen seien eine Art „Seemannschaft“, beschrieb es Björn Both neulich im WDR-Talk „Kölner Treff“. Und präzisierte: „Seemannschaft ist für mich wie ein Kodex, der auf die ganze Gesellschaft angewendet werden kann. Das bedeutet, dass man füreinander einsteht. Seefahrer waren wahrscheinlich die ersten Kosmopoliten auf dieser Welt, denn um sich auf seine Nebenfrau oder seinen Nebenmann verlassen zu können, hat es von Anfang an und immer schon ein bisschen mehr gebraucht als Religion oder Hautfarbe. Dass Du ein anständiger Mensch bist, zeigt sich in allen Aspekten.“
„Wir brauchen ihn“
Und dass das keine leeren Phrasen sind, beweist die Band im Umgang mit Bandmitglied Andreas Fahnert. 2014, drei Jahre nach der Bandgründung, wurde bei dem Gitarristen Parkinson festgestellt, live ist er nicht mehr dabei, im Studio aber weiter eine feste Größe. Weiter ein wichtiger Teil der Crew. „Und das ist kein Almosen und keine Freundschaftsgeste. Wir brauchen ihn auch“, so Borth im „Kölner Treff“.
2026 macht sich die Band nun zur großen, das neue Album begleitenden Tournee auf, auch in der Mannheimer SAP-Arena machen Santiano dabei Station. Es dürfte wieder voll werden, wie immer wenn diese Naturgewalt über die Quadratestadt hereinbricht. Und bei aller Sorge über die politische Weltgemengelage wird auch gefeiert werden. Das Schiff ist noch nicht untergegangen.
Termin
Santiano: »Da braut sich was zusammen. Die große Arena-Tour« – Sa 18.4.26, 20 Uhr, Mannheim, SAP-Arena; So 19.4., 20 Uhr, Frankfurt, Festhalle; Tickets: eventim.de
