Kusel / Mannheim / Neustadt Sweet kommen in die Region: Glitzernde Außerirdische

Andy Scott ist das letzte lebende Mitglied der klassischen Sweet-Besetzung.
Andy Scott ist das letzte lebende Mitglied der klassischen Sweet-Besetzung.

Machen sie weiter? Oder nicht? Bei The Sweet weiß man das nie so genau. Fakt ist: Die Rocker kommen gleich mehrfach in die Region.

Wer glaubt, dass das Spiel mit Geschlechterrollen, das Hinterfragen von Heteronormativität, ein Alleinstellungsmerkmal der gegenwärtigen Popmusik ist, der irrt. Hat es alles schon einmal gegeben. Der US-Rock’n’Roll-Sänger und Pianist Little Richard („Tutti Frutti“) hat in den 1950er Jahren schon mit seinem ondulierten Haar, seinen Outfits und seinem Make-up für mächtig Furore und Schockstarre beim konservativen Publikum gesorgt, für das ja schon Elvis’ Hüftschwung eine Erfindung des Teufels war.

Schock für Konservative

In den 1970er Jahren gingen die britischen Glam-Rocker dann den Weg konsequent weiter, den Künstler wie Little Richard geebnet hatten. Auch sie traten mit ordentlich Make-up im Gesicht auf, schlüpften in schrille, feminin wirkende Kostüme, trugen dazu hohe Plateauschuhe und lieferten theatralische Shows ab. Harter, krachender Rock-Sound, dargeboten von Männern, die dabei unheimlich futuristisch und androgyn anmuteten. Die Ästhetik speiste sich zum einen aus Vorbildern wie Little Richard, aber auch dem japanischen Kabuki-Theater oder Filmen wie Stanley Kubricks „Clockwork Orange“ und „2001: Odyssee im Weltraum“. Ein bisschen 1930er Hollywood-Glam, 1950er Pin-up-Sex-Appeal, Vorkriegs-Cabaret und viktorianische Elemente wurden ebenfalls mit verrührt. In ihrer glitzernden Opulenz und dekadenten Anmutung waren die Glam-Rocker der Gegenentwurf zu den Prog-Rockern ihrer Zeit.

Für die britischen Konservativen müssen die Glam-Rocker wie Außerirdische gewirkt haben. Das Spiel mit den Geschlechterrollen, das Vorzeigen von Queerness, das war damals noch keineswegs selbstverständlich. Homosexualität war erst 1967 in Großbritannien legalisiert worden, seit den späten 1950ern war darum gerungen worden, in entsprechend hitzigen Debatten. In Großbritannien war man gesellschaftlich aber trotzdem schon weiter als in den USA, weshalb Glam Rock zunächst ein rein britisches Phänomen blieb.

Zu den Early Adopters im Vereinigten Königreich gehörten Künstler wie Gary Glitter (dessen Namen sie gleich wieder vergessen dürfen), Marc Bolan und seine Band T. Rex, David Bowie, Slade, Roxy Music, Mud und Mott the Hoople, in einer zweiten (härteren) Welle stießen dann etwa Def Leppard und in den USA Van Halen, Poison und Kiss dazu. Auch Elton John, Queen oder die Rolling Stones spielten zeitweise mit Elementen aus dem Glam-Baukasten. Ohne die Vorbilder aus dem Glam-Rock der 1970er wären die New-Wave-Bands und New Romantics sowie die Hair-Metal-Bands der 1980er Jahre wohl in der Form nie entstanden.

Sweet gehörten noch zur ersten Glam-Welle, die über Großbritannien hereinbrach. Zunächst firmierte die Kapelle unter dem Namen Sweetshop, ehe sie 1970 den Namen The Sweet annahm. Das „The“ wurde dann später abgelegt. Zunächst arbeitete die Band mit den Songwritern Nicky Chinn und Mike Chapman zusammen, aus der Kooperation entsprangen Hits wie „Co-Co“, „Poppa Joe“, „Little Willy“, „Wig-Wam Bam“, „The Ballroom Blitz“, „Teenage Rampage“ oder „Block Buster!“. 1973 ging man mit dem Songwriter- und Management-Team getrennte Wege, es gab kreative Spannungen. Sweet schrieben fortan auch Songs in Eigenregie, mit „Fox on the Run“ und „Love Is like Oxygen“ gelangen auch noch zwei veritable Evergreens, aber spätestens ab 1978 war der Ofen aus. Sänger Brian Connolly verließ die Gruppe 1979, um eine Solokarriere zu starten, Sweet lösten sich dann 1981 komplett auf. Ab 1985 gingen ehemalige Bandmitglieder, auch Connolly, mit eigenen Sweet-Versionen auf Tournee. Von den Originalmitgliedern lebt heute nur noch Andy Scott, der Waliser führt seine Sweet-Variante immer noch durch die Welt, auch wenn er schon das ein ums andere Mal ankündigte, dass es dieses Mal nun wirklich das letzte Mal sei. Gefolgt vom allerletzten und vom allerallerletzten Mal, jetzt aber echt.

Schließt sich der Kreis?

Auch in diesem Jahr sind Andy Scott und seine Kollegen wieder unterwegs, schlagen unter anderem in Kusel (9. Oktober) und in Mannheim (18. Oktober) auf. Es wird nicht das letzte Mal sein, machen Sie sich da nichts vor, liebe Leserinnen und Leser. Für 2027 sind schon wieder Konzerte angekündigt, am 16. April steht da etwa schon Neustadt an der Weinstraße auf dem Reiseplan der Band, am 30. April wird die Band in Sinsheim Halt machen. Und dann? Wirklich Abschied, wirklich „Full Circle“, wie der Titel des letzten Albums und der Name der letzten Tour suggerierten? Die aktuelle Tournee heißt, ehrlicher, „Rockin’ for Eternity“ – Rocken für die Ewigkeit.

Info

Sweet – Fr 9.10., 19.30 Uhr, Kusel, Fritz-Wunderlich-Halle; So 18.10., 19 Uhr, Mannheim, Capitol, Tickets über www.eventim.de

Kein Titel (3000 x 2000 px)

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