Ab 23. Mai RHEINPFALZ Plus Artikel Stück „Sickingen“: Rittermythos, Romantik, rockende Spielleute

Lassen im Historical „Sickingen“ den Ritter-Mythos auf der Nanstein erstehen (v. li.): Andreas Lill, Andy Kuntz, Stephan Lill.
Lassen im Historical »Sickingen« den Ritter-Mythos auf der Nanstein erstehen (v. li.): Andreas Lill, Andy Kuntz, Stephan Lill.

Es ist eine Hommage an den letzten Ritter, und die Band Vanden Plas spielt eine Hauptrolle. Treffen mit drei Bandmitgliedern am Schauplatz ihres Rock-Historicals „Sickingen“.

„Hier unten soll Ritter Franz von Sickingen seinen Verwundungen aus dem Kampf erlegen sein“, sagt Vanden-Plas-Drummer Andreas Lill, während wir fast ehrfürchtig die ausgetretenen Stufen in den düsteren Turm der Burg Nanstein hinabschreiten. „Es ist ganz schön dunkel, feucht und kühl, das hat bei der Genesung seiner Wunden sicher nicht geholfen“, mutmaßt Gitarrist Stephan Lill mit Blick auf die Infotafel, die die Worte seines Bruders historisch verbrieft. Zusammen mit Sänger Andy Kuntz haben wir uns an dem historischen Schauplatz getroffen, der Kulisse für ein neues Projekt der Band sein wird: für das Rock-Historical „Sickingen“.

Kuntz verkörpert den Ritter in dem Stück. Es erzählt vom Aufstieg und Fall des Mannes, der zwischen Idealismus, Machtstreben und tragischer Liebe zerrieben wurde: „Sickingen – ein Ritter, Reformer und Freiheitskämpfer, der für Gerechtigkeit und den ,gemeinen Nutz’ eintritt, sich aber in seinem Glauben und Stolz verliert“, charakterisieren die Heimatfreunde Landstuhl auf ihrer Homepage die Hauptfigur der diesjährigen Burgspiele, die der Verein auf der Nanstein traditionell veranstaltet. Sickingen gilt als letzter Ritter, dessen Tod eine Zeitenwende markiert: Im ausgehenden Mittelalter kämpfte er an der Spitze eines Söldnerheers – inspiriert vom Humanisten Ulrich von Hutten – für die Reformation, die die Säkularisierung der kirchlichen Güter und die Beschränkung der Kirche auf das Verkünden des Evangeliums forderte. Am 7. Mai 1523 fand er bei Landstuhl – verwundet beim Beschuss der militärischen Allianz aus Fürsten und Kirche – den Tod.

Bandshooting mit Rittermythos

Inzwischen ist Fotograf Jannik S. Wagner zu uns gestoßen. Während er das gut gelaunte Vanden-Plas-Trio fürs Shooting überall in der Burg posieren lässt, stets das Equipment mit sich tragend, schaue ich mich in dem Gemäuer um und fühle mich dem Rittermythos ganz nah, hier in den altehrwürdigen Mauern hoch über Landstuhl. Der Blick schweift über die Burgmauer hinweg in die Ferne, das Kopfkino spult Bilder eines Heers ab, das die Festung belagert und immer wieder mit moderner Artillerie angreift, der die Ritterschaft nur wenig entgegenzusetzen hat. Die Neugier auf das Historical wächst trotz solch schauriger Fantasien. Zwei Demosongs daraus hat Andy Kuntz mir eben im Auto noch vorgespielt. Die Texte sind – völlig unüblich für Vanden Plas – komplett auf Deutsch. Und bei aller authentischen Rockpower erscheinen sie doch fast märchenhaft balladesk. Der Einsatz von Laute und Spinett sorgen zusätzlich für Mittelalter-Flair. „Es war einmal ...“ , beginnen drei Spielleute – zwei Frauen und ein Mann – das Heldenepos musikalisch zu erzählen. Jede Figur im Stück erhalte zudem eine Leitmelodie, verrät Kuntz. Spannend!

Vor historischer Kulisse: die Kaiserslauterer Musiker.
Vor historischer Kulisse: die Kaiserslauterer Musiker.

Dem Helden seiner Kindheit ein Rockmusical zu widmen, habe ihn viele Jahre lang umgetrieben, erzählt Andreas Lill später, der sich als Ritter- und Burgenfan outet: „Ich bin als Kind hier auf der Burg herumgeturnt, das war ein Riesenabenteuer“, erinnert er sich und streicht den Stellenwert Franz von Sickingens heraus: „Wenigen ist bewusst, dass er einer von 220 Rittern ist, die als Marmorbüste in der Walhalla stehen.“ Die Bandkollegen musste der Schlagzeuger freilich im beharrlichen Bemühen für seine Idee gewinnen, denn sie hegten Zweifel, ob die aufwendige Produktion des regionalen Bezugs wegen womöglich auf die Nanstein beschränkt bleiben müsse – im Gegensatz zu Rockopern wie „The Chronicles of the Immortals: Netherland“ oder „Paradise Lost“, die in Theatern über die Grenzen der Republik hinaus Anklang fanden. Doch Andreas Lill ließ nicht locker. Auf dem Heimweg von „Paradise Lost“-Gastspielen in Innsbruck kam es schließlich zur Wette.

Beim „Celebramus“-Umzug 2023: Frank Zimmer.
Beim »Celebramus«-Umzug 2023: Frank Zimmer.

Noch im Auto rief er Frank Zimmer vom Heimatverein Landstuhl an – und stieß auf offene Ohren. „Sickingen ist für uns immer ein interessantes Thema“, sagt Zimmer. „Wir als Heimatfreunde können den tragischen Stoff bei unseren Burgspielen allerdings schlecht selbst umsetzen, weil wir für humorvolle Mundartstücke stehen.“ Die regulären Burgspiele wären 2026 allerdings aufgrund von Grabungsarbeiten ausgefallen – es wurden Hinweise auf Geschützstellungen auf dem Burgareal gefunden. So passte das von Lill angediente Projekt mit einer begrenzten Anzahl an Aufführungen thematisch wie auch zeitlich gut. Bald erwuchs aus Lills Idee ein neues kulturelles Großprojekt der theatererfahrenen Band, die wieder Autor, Regisseur und Intendant Johannes Reitmeier und mit Astrid Vosberg, Randy Diamond, Adrienn Cunka und Manuel Lothschütz überdies Darstellerinnen und Darsteller des Kaiserslauterer Pfalztheaters ins Boot holen konnten. Mit der Personalie Reitmeier war auch der Heimatvereinsvorsitzende vollends überzeugt. Die Sache nahm richtig Fahrt auf. Kuntz schrieb zusammen mit Reitmeier das Libretto und mit Stephan Lill, der die Musik komponiert hat, die Songs. Unterdessen gelang es Zimmer, Fördermittel zu generieren und eine Pause der Grabungsarbeiten zu organisieren. „Das Gerüst wird im April abgebaut“, sagt er.

Inszeniert „Sickingen“: Johannes Reitmeier.
Inszeniert »Sickingen«: Johannes Reitmeier.

Johannes Reitmeier war von dem Stoff übrigens gerade deshalb angetan, weil er nicht weithin bekannt ist: „Obwohl Franz von Sickingen eine bedeutende Figur der deutschen Vergangenheit an der Schwelle zur Neuzeit ist, kennen doch die wenigsten unserer Zeitgenossen seine Geschichte“, glaubt er. „Selbst in der näheren Region, auch in Kaiserslautern, wissen viele nur wenig über seine Bedeutung und sein abenteuerliches Leben. Umso reizvoller und wichtiger fand ich die Auseinandersetzung mit dieser polarisierenden Persönlichkeit.“ Die konstruktive Zusammenarbeit mit allen Beteiligten empfindet er als bereichernd, auch wenn es ihn wie Andy Kuntz viel Zeit kostete, sich für das Libretto tief in das Thema einzulesen.

Historie und Dramaturgie

Wichtig bei der Umsetzung des Stücks, in dem auch Sickingens früh verstorbene große Liebe Hedwig von Flörsheim eine zentrale Rolle spielt, sei ihm das Ausbalancieren historischer Tatsachen und der Dramaturgie gewesen: „Bei Sickingen muss man sehr genau zwischen den historisch verbürgten Tatsachen und den tendenziell verklärenden Lebensbildern des 19. Jahrhunderts unterscheiden. Sickingen war weder ein heroischer Freiheitskämpfer noch ausschließlich ein skrupelloser Kriegsgewinnler. Da muss man einen guten Mittelweg finden. Deshalb haben wir darauf geachtet, dass sowohl die kritische Reflexion – verkörpert in den Rollen des Ensembles Burgspiele – und der emotionale Aspekt in den Musiknummern der Solistinnen und Solisten Eingang in das Stück finden“, erörtert der Regisseur. Dass der Vorverkauf gut läuft, bestätigt ihn und alle Akteure in ihrem Tun: „Wir sind ja nun schon lange im Geschäft, und ich habe eigentlich nicht mehr zu hoffen gewagt, dass ein solches Projekt mit allen früheren Mitstreiterinnen und Mitstreitern noch einmal zustande kommt“, sinniert Reitmeier. „Jetzt ist es doch so gekommen, und es freut mich wahnsinnig, dass so viele Menschen im Publikum uns treu geblieben sind.“

Auf der Burg Nanstein ist es inzwischen später Nachmittag. Die Kasse schließt gleich, die tiefstehende Sonne taucht die Mauern in gespenstisches Licht. Fotograf Jannik macht letzte Aufnahmen, packt dann zusammen. Wie es sich jetzt, so kurz vor der Premiere des Großprojekts, anfühlt, will ich noch von den Musikern wissen. „Wir haben vor jedem neuen Stück Respekt und fragen uns, wie es ankommen wird“, sagt Stephan Lill, ist aber zuversichtlich: „Inzwischen haben wir auch ein gewisses Selbstbewusstsein entwickelt.“ Andy Kuntz stimmt ihm zu, verweist zudem auf sein Vertrauen in die Arbeit des Regisseurs. „Wir haben drei Jahre lang darüber gesessen, für uns ist es jetzt perfekt“, bringt der Sänger es auf den Punkt. Für Andreas Lill indes ist es mehr als das, auch mehr als eine gewonnene Wette. Für ihn geht ein langgehegter Traum in Erfüllung.

Burgspiele: Hintergründe, Infos, Termine und Tickets

Der Heimatverein

Der Verein Heimatfreunde Landstuhl besteht laut Vereinsregister seit 1984 und ist der Nachfolgeverein des Heimat- und Verkehrsvereins aus Zeiten, in denen Landstuhl Kurstadt war. „Die Aufgaben sind satzungsgemäß allerdings immer gleichgeblieben“, betont der Vorsitzende Frank Zimmer, der die Pflege und die Förderung des Brauchtums und die Unterstützung kultureller Anliegen jeder Art als Hauptaufgaben und Ziele nennt. Neben den Theatersommern auf der Burg Nanstein organisierte der Verein auch weitere Veranstaltungen, etwa die Burgerlebnistage im vergangenen Jahr. Auch an den Feierlichkeiten des Jubiläumsjahres 2023 in Landstuhl waren die Heimatfreunde beteiligt. Gefeiert wurde unter dem Titel „Celebramus“ unter anderem mit einem großen historischen Umzug das Jubiläum „700 Jahre Stadtrechte Landstuhl“. Zugleich gedachte man des 500. Todestags Franz von Sickingens.

Die Burgspiele

Das Laientheater sei den Landstuhlern immer ein wichtiges Anliegen und Freizeitvergnügen gewesen, erklärt Frank Zimmer und verweist auf eine langjährige Tradition: „Nachgewiesen sind bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts Theatervorführungen in der alten Turnhalle oder dann auch im Kolpinghaus.“ 1963 habe der Heimatverein dann die Idee geboren, im Innenhof der Burg Nanstein eine Freilichtbühne zu errichten. „Theo Schohl ist hier als Gründer der Burgspiele und langjähriger Vorsitzender der Heimatfreunde zu nennen“, so Zimmer. „Der Ehrenvorsitzende der Heimatfreunde Landstuhl erhielt für seine jahrzehntelange Arbeit die Ehrenbürgerwürde der Sickingenstadt und das Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland.“

Das erste Stück, das 1963 zur Aufführung gebracht wurde, war „Ein wunderliches Dokument“ von Heinz Lorenz. Bühnenstücke von Karl Anton Vogt, Helmut Budenbender oder auch Shakespeare folgten. Seit den 1980er Jahren werden die Stücke in Westricher Mundart gespielt. Zimmer: „Dieser Idee ist man bis heute treu geblieben, und der Titel ,Burgspiele Landstuhl, das etwas andere Theater’ ist uns in Fleisch und Blut übergegangen“. Gleichzeitig verschrieb man sich dem humorvollen Volksschauspiel und erweiterte in Zusammenarbeit mit Stadt und Land kontinuierlich die Infrastruktur auf der Burg. „Eigene Umkleiden und Versorgungsräume stehen den Burgspielern seit 1980 im ausgebauten Batterieturm zur Verfügung“, ergänzt Zimmer, der seit dem letzten großen Umbau 2012 die Geschicke des Vereins leitet. Damals habe die Erweiterung mit einem zweiten Rettungsweg im kleinen Rondell und die Neuanschaffung der neuen Tribüne die Weiterführung der Burgspiele ermöglicht.

Die Burgspiele 2026: „Sickingen“

In diesem Jahr weicht der Heimatverein bei der Wahl des Stücks mit dem Rock-Historical „Sickingen“ von der Mundart-Tradition ab. Der Vorverkauf von Tickets in drei Kategorien (ab 24 Euro, Ermäßigungen für Schwerbehinderte, Kinder bis 16 Jahre sowie Studierende/Schüler/Auszubildende) läuft seit Dezember, die Premiere am Pfingstsamstag, 23. Mai, ist ausverkauft. Für die weiteren Aufführungen am So 24.5., Mo 25.5., Fr 29.5., Sa 30.5. sowie Fr 5.6. und Sa 6.6., jeweils 20.30 Uhr, gibt es teils ebenfalls nur noch Resttickets.

Infos/Tickets: heimatfreunde-landstuhl.de/sickingen-das-rock-historical, Tickets auch bei der Rheinpfalz

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