Weinwelt RHEINPFALZ Plus Artikel Meinungsstarke Jungwinzer aus der Pfalz im Gespräch

Ermuntert dazu, mehr deutsche Weine zu trinken: Vera Keller vor dem Panorma der Göcklinger Weinberge.
Ermuntert dazu, mehr deutsche Weine zu trinken: Vera Keller vor dem Panorma der Göcklinger Weinberge.

In der Pfälzer Weinbranche klopft die nächste Generation an die Tür. Zwei Jungwinzer beantworten Fragen und berichten von ihren Erfahrungen und Zielen.

Was sind Ihre Aufgaben im Weingut?
Vera Keller aus Göcklingen: In kleinen Familienunternehmen Vera Keller Weine wie dem unseren ist es anders als in großen Firmen, wo jeder Mitarbeiter seinen genauen Aufgabenbereich hat. Im Familienbetrieb und gerade in der Landwirtschaft ist quasi jeder das Mädchen für alles. Zu meinen Aufgaben im Weingut gehören vor allem Vermarktung, Weinverkauf, die oenologische Arbeit im Keller, Buchführung und Traktorarbeiten wie beispielsweise Pflanzenschutz oder Entlauben. Aber genau dieses breite Arbeitsspektrum macht den Beruf des Winzers so wahnsinnig vielseitig und abwechslungsreich. Genau das ist aber auch ebenso herausfordernd, da man in allen Bereichen ständig auf dem neusten Stand sein muss und sich zum Beispiel weiterbilden muss. Macht uns Winzer aber somit auch zu Allroundern, die sehr vielseitig begabt sind.

Hans-Christoph Stolleis aus Neustadt-Gimmeldingen: Ich liebe die Abwechslung des Alltags in unserem Weingut Stolleis und im Verlauf der Jahreszeiten. Die Natur gibt uns den Rhythmus vor, unsere Arbeit und Themen passen sich daran an. Im Sommer viel Zeit in den Weinbergen, im Winter und Frühjahr mehr Reisen und Weinproben, Messen, Kundenveranstaltungen. Im Frühjahr auch viel Verkostungszeit im Keller, wenn das Abfüllen der Weine vorbereitet wird. Ich springe zwischen Weinberg, Keller, Kelterhaus und Vertrieb hin und her, und diese Abwechslung finde ich besonders schön. Die Lesezeit im Herbst ist für mich jedes Jahr das Highlight: Das, was man das Jahr über draußen aufgebaut und begleitet hat, wird nach Hause ins Trockene geholt. Viele Entscheidungen in kurzer Zeit, kurze Nächte, man formt die Stilistik des Jahrgangs.

Wer oder was hat Sie zum Wein gebracht?
Keller: Ich denke, die Liebe zum Wein lernt man nicht, sondern man bekommt sie, wie in meinem Fall, in die Wiege gelegt. Für mich war schon als kleines Mädchen klar, dass ich Winzerin werden möchte, was ich nach dem Abitur dann direkt mit dem dualen Studium verfolgt habe. Schon auf meine Schultüte musste mir meine Mutter einen Rebstock drauf basteln, weil ich unbedingt eine Winzer Schultüte wollte.

Stolleis: Die ersten beiden Praktika in anderen Betrieben nach dem Abitur: eines bei der Weinlese 2012 bei Pfaffl im österreichischen Weinviertel und das 2013 in Neuseeland bei Elephant Hill. Aber auch meine Eltern, die keinen Druck gemacht haben, dass ich Winzer werden soll, sondern ganz entspannt waren, als ich ihnen eröffnete, dass ich Wein und das Leben lang in Gimmeldingen zu bleiben überhaupt nicht so spannend finde und mich mehr für Banken und Unternehmensberatung interessiere. Während des ersten Praktikums in Österreich, das von Freunden geschickt in einem Weingut vermittelt worden war, das kurz zuvor bereits den Generationenwechsel vollzogen hatte, fing ich dann Feuer für Wein und verstand langsam, welch schöne Abwechslung und Freiheit das Winzersein bedeutet.

Gibt es Lieblingsweine in der Kollektion? Welche?
Keller: Einen genauen Lieblingswein habe ich tatsächlich nicht, dafür ist die Vielfalt der Rebsorten viel zu groß und viel zu lecker. (lächelt) Aber gerade im Sommer präferiere ich besonders Bukett-Weine mit einer fein duftigen Note und gern etwas Restsüße. Wie zum Beispiel unser Gelber Muskateller oder unsere Scheurebe feinherb. Im Winter darf’s dann auch sehr gern ein kräftigerer Rotwein sein, hier freue ich mich diesen Winter auf unseren neuen Syrah, den wir in diesem Sommer das erste Mal in einer kleinen Marge abgefüllt haben.

Stolleis: Ganz klar der Riesling, aber hier einen bei uns herauszupicken, fällt mir schwer. Diese Lebendigkeit, Frische, der präzise Ausdruck seiner Herkunft und die Reifefähigkeit, das gelingt hier in handwerklich arbeitenden Betrieben wirklich einmalig gut.

Können Sie uns Ihr schönstes oder verrücktestes Weinerlebnis erzählen?
Keller: Das schönste Weinerlebnis darf ich zum Glück sogar öfters erleben: Wenn ich mit unseren Gästen eine Weinbergswanderung mache und in den Göcklinger Weinbergen Weine verkoste, erzähle ich immer viel über die Arbeit mit und um die Trauben und den Wein. Das tolle Erlebnis für mich als Winzerin ist dann immer, wenn die Gäste begreifen, wie viel Arbeit, Wissen und Herzblut in so einer Flasche Wein steckt und dass wir Winzer, vielleicht auch entgegen der weit verbreiteten Meinung des „dummen Bauern“, sehr gut ausgebildete Fachleute sind. Das Wissen und die Fähigkeiten unseres Berufsstandes an die Gäste weiterzugeben und in die begeisterten Gesichter der Gäste zu blicken, erfreut mich jedes Mal wieder aufs Neue.

Liebt die Weinlese besonders: Hans-Christoph Stolleis vom Weingut Stolleis in Gimmeldingen.
Liebt die Weinlese besonders: Hans-Christoph Stolleis vom Weingut Stolleis in Gimmeldingen.

Stolleis: Ich liebe die Zeit der Weinlese. In kurzer Zeit müssen viele Entscheidungen getroffen werden und die Stilistik eines Jahrgangs formt sich. Jeden Tag wird der Leseplan der nächsten Tage mehrfach umgeworfen, und wir reagieren auf neue Wetterprognosen und die Reifeentwicklung der einzelnen Weinberge. Alles, was ein Jahr lang vorbereitet und aufgebaut wurde, wird nun ins sichere Trockene geholt. Und zentral dabei: Unser dreißigköpfiges Leseteam, mit dem wir gut die Hälfte der Weinberge per Hand lesen. Die älteste Helferin hatte mich dabei schon als Kind auf dem Arm und war bis letztes Jahr immer noch täglich dabei.

Haben Sie einen weinbezogenen Lieblingsspruch?
Keller: „Der beste Wein ist der, den wir mit Freunden trinken.“ Ich finde, auch das beste Glas Wein macht allein nur halb so viel Spaß. Ich treffe mich oft mit Freunden und Winzerkollegen und -kolleginnen, um gemeinsam gut zu essen und besondere Weine zu probieren. Es ist interessant, wer welche Aromen herausriecht oder herausschmeckt und welche Diskussionen aus den probierten Weinen entstehen. Aber auch abseits der „Winzerbubble“ trifft dieser Spruch zu, denn Wein schafft Geselligkeit und verbindet, rundet die besten Speisen perfekt ab und begleitet die schönsten Momente wie Hochzeiten, Abende mit Freunden oder auch Geburtstage.

Wie sehen Sie die Pfalz als Weinanbaugebiet in der Zukunft?
Keller: Ich denke, aktuell ist die Zukunft des deutschen wie auch des pfälzischen Weinbaus sehr ungewiss. Aber im Vergleich zu anderen Weinanbaugebieten sehe ich die Pfalz noch als eines der privilegierteren Anbaugebiete. Wir sind von der Landschaft und den geologischen Gegebenheiten her in der Lage, einigermaßen kostengünstig zu produzieren, im Vergleich beispielsweise zu Steillagen. Unsere große Ressource ist das mediterrane Klima in Kombination mit besonderen Lagen und der Vielfalt der bei uns mittlerweile heimischen Rebsorten. Wir können in der Pfalz die mitunter besten Rieslinge der Welt auf den unterschiedlichsten Böden produzieren, hier wachsen besonders ausgewogene Burgunder mit harmonischer Säurestruktur und die doch noch kühleren Nächte sorgen dafür, dass wir besonders aromatische Bukett-Weine produzieren können. Dieses Portfolio an Möglichkeiten, ausgebaut von den top ausgebildeten Jungwinzern der Pfalz, garantiert uns, in den kommenden Jahrzehnten auf neue Gegebenheiten und Trends reagieren und national wie auch international konkurrenzfähig bleiben zu können.

Stolleis: Auch wenn uns der zurückgehende Absatz in Deutschland aktuell sehr beschäftigt, denke ich, ist die Pfalz grundsätzlich gut aufgestellt. Wir haben viele starke, qualitätsgetriebene, innovative Betriebe, die Dichte an guten Betrieben und Austausch, insbesondere zwischen jungen Winzerinnen und Winzern, ist meiner Wahrnehmung nach in keinem anderen Gebiet so hoch und intensiv. Für Touristen und Stammkunden spielt die Sortenvielfalt, die hier mittlerweile klimatisch möglich ist, eine wichtige Rolle. In der qualitativen Spitze aber sollten wir uns fokussieren auf einige wenige Rebsorten, in meinen Augen Riesling und Burgundersorten, um damit unser internationales Profil als Region Pfalz zu schärfen und gute Qualitäten auch exportieren zu können, so wie dies andere erfolgreiche Regionen auch geschafft haben.

Was wollten Sie in einem Interview schon immer mal sagen?
Keller: Trinkt mehr deutschen Wein! Wir Winzer produzieren nicht nur Wein, sondern sind Pfleger unserer einzigartigen und besonderen Kulturlandschaft, die Einheimische wie Touristen ganz besonders lieben. Wenn die aktuelle Entwicklung am deutschen Weinmarkt so weiter geht, werden bis zu 50 Prozent der Winzer aufgeben müssen. Leider kommen in Deutschland von zehn getrunkenen Flaschen Wein immer noch sechs Flaschen aus dem Ausland und nur vier aus Deutschland. Wenn wir dieses Verhältnis drehen könnten oder zumindest auf fünf Flaschen deutschen, besonders Pfälzer Wein kommen könnten, ginge es den deutschen Winzern deutlich besser! Also genießt ab und an die ein oder andere Flasche deutschen Wein mehr und helft so mit eurem Genuss die schöne Landschaft der Weinreben zu erhalten.

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An dieser Stelle finden Sie Umfragen von Opinary.

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