Trier Katie Melua im Interview: “Ich lebe wie im Märchen„
Katie Melua ist zurück. Fünf Konzerte gibt sie in diesem Sommer in Deutschland – zum Auftakt am 17. Juli beim Freiburger Zelt-Musik-Festival, gefolgt einen Tag später im Amphitheater Trier, ein Unesco-Weltkulturerbe und Ort voller Geschichte und einer Atmosphäre, die ihre Musik auf besondere Weise zur Geltung bringt. Schon 2019 sollte die in Georgien geborene und seit 1993 in Großbritannien lebende Sängerin dort auftreten. Doch dann kam eine Unwetterwarnung und die Show musste in letzter Minute in die Trierer Arena verlegt werden. Katie Melua zählt zu den erfolgreichsten Künstlerinnen Großbritanniens. Über elf Millionen verkaufte Alben, mehr als 56 Platin-Auszeichnungen und acht Top-Ten-Studioalben machen sie zu einer der meistgehörten Stimmen ihrer Generation. Seit ihrem Durchbruch 2003 mit „The Closest Thing to Crazy“ begeistert sie Fans weltweit mit ihrer unverwechselbaren Stimme, ihrer emotionalen Tiefe und der Fähigkeit, Songs mit einer fast magischen Intimität zu interpretieren. Hits wie „Nine Million Bicycles“, „If You Were a Sailboat“ oder „Piece by Piece“ sind längst Klassiker. Über ihre Musik sprach Katie Melua mit Christian Hanelt.
Du bist seit Beginn deiner Karriere regelmäßig Gast auf deutschen Bühnen. Hast du eine besondere Beziehung zu Deutschland?
Tatsächlich hatte ich bislang das Glück, so ziemlich jedes Jahr in Deutschland auftreten zu können. Es gab nur sehr, sehr wenige Sommer, in denen ich keine Konzerte hier gegeben habe. Und es gibt kein anderes Land, von dem ich das Gleiche sagen kann. Ich denke, es liegt daran, wie in Deutschland die Kultur gefördert wird, wie nah sich Menschen, Musik und Kunst sind. Das ist wirklich phänomenal und ermöglicht Musikern wie mir, fast jedes Jahr wieder zurückzukommen.
Worin unterscheidet sich das deutsche Publikum von dem in anderen Ländern?
Ich fühle diese Unterschiede bei jedem Konzert. Die Leute, die hier in die Shows kommen, sorgen für eine ganz besondere familiäre Atmosphäre, die auch mich ansteckt. In Deutschland hören die Menschen besonders intensiv zu. Da ist keine Oberflächlichkeit zu spüren.
Du spielst mittlerweile kürzere Tourneen. Folgst du damit einem besonderen Konzept?
Früher war ich bemüht, möglichst viele Konzerte zu spielen. Jetzt aber machen wir nur ein paar Shows, was wesentlich einfacher zu organisieren ist, die dafür aber auch einzigartig sind und für eine besondere Stimmung sorgen. Das bedeutet nicht, dass ich die Setliste immer verändere. Es ergeben sich so aber mehr Gelegenheiten für die Musiker, zu improvisieren und neue Ideen in die Songs einzubringen, deren Essenz, deren Botschaft und Bedeutung wir dabei aber nicht antasten.
Es gibt weltweit außer Großbritannien kein Land, in dem du mehr Alben verkaufst als in Deutschland. Erfüllt dich das mit Stolz, einer Art Verantwortung, oder setzt es dich eher unter Druck?
Es gab definitiv Zeiten, in denen ich das als Druck empfunden habe. Ich habe es aber auch immer faszinierend gefunden, ein Album zu machen, Songs zu schreiben und sie mit brillanten Musikern aufzunehmen, es dann zu promoten, damit auf Tournee zu gehen und dabei dem Publikum zu präsentieren. Das ist einfach magisch. Ich lebe wie im Märchen – auch wenn natürlich nicht immer alles eitel Sonnenschein ist. Da gibt es auch viel Druck und jede Menge absurde Spielchen. Aber für mich haben die positiven Aspekte immer überwogen.
Wie läuft deine Karriere in deiner Heimat Georgien? Gibst du dort auch Konzerte?
Ja, ich gebe dort auch Konzerte, auch wenn es schon ein paar Jahre her ist, seit ich dort zuletzt gespielt habe. Und ich bin so stolz darauf, dass ich 2016 mit „In Winter“ eines meiner Lieblingsalben mit dem Gori Women’s Choir, einem Georgischen Chor, in Georgien aufnehmen konnte.
Du lebst mit deiner Familie seit 1993 nicht mehr in Georgien. Hast du trotzdem noch engen Kontakt dahin?
Georgien ist in meinem Leben immer präsent, und wir fahren als Familie auch immer wieder dahin. Im Song „Love & Money“ aus meinem gleichnamigen Album, geht es um das Leben eines Immigranten, der von Georgien in den Westen übersiedelt und sich um seine Familie in der Heimat kümmert, die er finanziell unterstützt.
Georgien ist ein kleines Land mit gerade einmal rund dreieinhalb Millionen Menschen. Wie sieht da die Musikszene aus?
Georgiens Musikmarkt ist nicht mit dem der westlichen Länder vergleichbar. Als ich dort lebte, kauften wir Piraten-Kassetten. Das waren illegale Zusammenstellungen von Liedern. CDs hatten dort niemals den Stellenwert wie im Westen. Es ist also eine ganz andere sozioökonomische Situation für die Musikindustrie.
Bist du besorgt um Georgien, wenn du an den Krieg in der Ukraine und an die Versuche Russlands denkst, Georgien zu destabilisieren?
Ja natürlich, absolut. Georgien wurde schon 2008 von Russland angegriffen. Damals waren meine Mutter und mein Bruder gerade in Georgien. Da hatten wir wirklich große Angst. Sie wurden schließlich mit einem UN-Flug in Sicherheit gebracht. Auch wenn der russische Überfall auf die Ukraine jetzt schon vier Jahre her ist, weiß ich immer noch nicht, ob ich das wirklich ganz begreifen kann. Ich dachte immer, die Sowjetunion und diese verrückte Vergangenheit läge weit hinter uns. Ich habe nie geglaubt, dass die Lage wieder einmal so sein würde.
Trotzdem bist du kreativ. Wann wird dein neues Album erscheinen?
Ich arbeite daran, bin aber auch sehr dankbar, dass ich im Moment noch so nah am Publikum bleiben kann, weil ich Konzerte gebe. Ich brauche neue Songs, um für ein Album bereit zu sein. Aber sie sind noch nicht ganz fertig. Sie brauchen mehr Zeit.
In einem deiner bekanntesten Songs in Deutschland singst du von den „Nine Millionen Bicycles“, die es in Peking gibt ...
Der Song wurde sogar in Peking geschrieben, als ich mit meinem Mentor und Produzenten Mike Batt dort war. Ein Stadtführer erzählte beiläufig, dass es in der chinesischen Hauptstadt neun Millionen Fahrräder gebe. Diese Zahl, ob richtig oder nicht, faszinierte uns. Das Lied war dann mein Türöffner für Deutschland. Ich durfte es in der Fernsehshow „Wetten, dass…?“ singen, was entscheidend dazu beigetragen hat, das Lied und mich bekannt zu machen.
Du hast mit Mike Batt viele Alben produziert. Arbeitet ihr noch zusammen, und was hast du von ihm gelernt?
Wir haben in zwölf Jahren sechs Alben zusammen aufgenommen – das letzte 2012. Mike hat bis heute großen Einfluss auf meine Musik. Er hat mir gezeigt, wie man im Studio arbeitet, wie man die besten Musiker bekommt, wie man Lieder schreibt. Er war ein sehr schneller Arbeiter, was mich fasziniert hat. Manchmal hatten wir Sessions, in denen die Musiker da, die Lieder aber noch nicht fertig waren, und Mike war immer noch am Arbeiten. Das war unglaublich zu beobachten.
Du hast mit Peter Maffay zusammen „Wenn wir uns wiedersehen“ auf Deutsch gesungen. Wäre es angesichts deines Erfolges hierzulande nicht eine Option, mehr deutsche Texte zu singen? Andere englischsprachige Künstler wie die Beatles, Elvis, Johnny Cash oder Peter Gabriel haben deutsch gesungen.
Das ist eine wundervolle Idee und ich würde das wirklich gerne tun. Ich wusste bisher gar nicht, dass die Beatles oder auch Elvis deutsch gesungen haben. Das ist wirklich ein faszinierender Gedanke.
Du hast dein erstes Album vor 23 Jahren veröffentlicht. Inzwischen hast du einen kleinen Sohn. Hat er deine Perspektive auf die Musik verändert?
Ja, das hat er. Durch ihn habe ich erkannt, dass die Karriere und all die Sorgen über die Karriere einfach nicht wichtig sind, dass es Bedeutenderes und Nützlicheres für die Seele gibt, damit ich ihn stolz machen kann.
Termin
Katie Melua: Fr 17.7., 20 Uhr, Freiburg, Zelt-Musik-Festival; Sa 18.7., 20 Uhr, Trier, Amphitheater, Karten: eventim.de
Info
Katie Melua: Fr 17.7., 20 Uhr, Freiburg, Zelt-Musik-Festival; Sa 18.7., 20 Uhr, Trier, Amphitheater, Karten: eventim.de
