Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Johannes Oerding: Erste Tour nach der Auszeit

Die Weltlage beeinflusst auch sein Songwriting: Johannes Oerding.
Die Weltlage beeinflusst auch sein Songwriting: Johannes Oerding.

Johannes Oerding geht nach einer Auszeit wieder auf Tournee. Im Interview erzählt er, was er auf seiner Weltreise über sich gelernt hat und wem er dankbar ist.

Johannes Oerding singt Lieder, in denen er nicht nur sich selbst, sondern auch die Gesellschaft analysiert. Sein achtes Studioalbum heißt „Hotel“ und wurde von einer Weltreise inspiriert. Es enthält Duette mit Sarah Connor, Michael Patrick Kelly und Peter Maffay. Oerding geht auf Tournee und ist dieses Jahr erneut Gastgeber in der TV-Show „Sing meinen Song“ (Staffel-Start: Di 14.4., 20.15 Uhr, Vox). Von dem 44-jährigen Sänger und Gitarristen aus Hamburg erfuhr Olaf Neumann, wie er über die Musik wieder zu sich selbst fand, warum er seiner Oma dankbar ist und wie Udo Lindenberg ihn anfangs ermutigt hat.

2024 haben Sie sich ein Sabbatjahr genommen und sind einmal um die Welt gereist. Haben Sie in den USA die berühmten Musikstädte besucht?
Johannes Oerding: Ich habe insgesamt 26 US-Staaten mit dem Auto bereist, ich war in Minneapolis in Princes ehemaligem Studio und bin von Chicago über Memphis und Nashville bis nach New Orleans gefahren. Das war so inspirierend, dass man es auch auf meiner Platte hört. Ich habe da den Nashville-Sound mit eingearbeitet, aber auch Gospelelemente. Als Musiker muss man das alles einmal gesehen haben, denn in den USA liegen die Wurzeln unserer Popmusik. Wenn ich den Sound einer gut gespielten Pedal- oder Lapsteel-Gitarre höre, muss ich weinen, weil es so berührend ist. Man nennt das die „Cry Machine“. Das wollte ich ganz behutsam in meine eigenen Songs einarbeiten. Ich habe auch jemanden, der die „Cry Machine“ für mich spielt und mich auf meiner Tour begleitet.

In dem euphorischen Lied „Hier gehör ich hin“ singen Sie, dass Sie nicht fühlen konnten, wer Sie sind. Woran lag das?
Nach über 20 Jahren im Musikgeschäft hatte sich bei mir das erste Mal Routine eingeschlichen. Sie hat mich müde gemacht. Bei meinem letzten Open-Air-Konzert in 2023 habe ich nicht mehr an den jeweiligen Song gedacht, sondern daran, dass ich morgen in Hamburg noch einkaufen gehen muss. Diese Routine hat dazu geführt, dass ich keine Lust mehr hatte, Songs zu schreiben. Da habe ich gemerkt, das wird weder mir noch dem Publikum gerecht, und dass ich einfach mal eine Pause einlegen sollte.

Was haben Sie dann getan?
Ich habe in meinem Schädel die Festplatte formatiert, und das hat ganz gut funktioniert. Nach drei, vier Monaten auf Weltreise habe ich „Hier gehör ich hin“ geschrieben. Das war in Chicago. Ich hatte keine Gitarre dabei, weil ich unterwegs keine Musik machen wollte, aber auf einmal spürte ich körperlich, dass ich jetzt eine brauche. Also kaufte ich eine kleine Taylor Traveller und schrieb darauf „Hier gehör ich hin“. In dem Song werden alle Themen angesprochen, die ich in den weiteren elf Stücken bearbeite.

„Ich kann ganz gut allein sein, zumindest für einen Tag. Denn sonst krieg ich das Gefühl, dass man mich vergisst und nicht mehr mag“, singen Sie im Titelsong „Hotel“. Es heißt, man müsse es mit sich selbst aushalten können, um innerlich zu wachsen. Funktioniert das bei Ihnen?
Ein schöner Satz. Und Heiner Geißler (Anm.: ehem. CDU-Politiker) hat mal gesagt: „Man muss von sich selbst begeistert sein, um andere zu begeistern“. Es gibt viele Momente, in denen ich an mir selbst zweifele, auch als Musiker. Lustigerweise war die Weltreise für mich entscheidend, weil mir in Chicago jede Faser meines Körpers sagte, dass ich mir jetzt eine Gitarre kaufen soll. Ich konnte einfach nicht ohne. Die Erkenntnis, dass es aus mir selber kommt, war sehr schön. Ich tue das alles nicht, weil ich jemand beeindrucken möchte oder berühmt sein will, nein. Es geht mir einfach besser, wenn ich Songs schreibe und Musik mache. Das war die zentrale Erkenntnis dieser Pause.

So kennen ihn seine Fans: Johannes Oerding bei einem Auftritt in Hannover.
So kennen ihn seine Fans: Johannes Oerding bei einem Auftritt in Hannover.

Ihr „Halleluja“ ist ein Dankbarkeitslied: Sie singen ein Halleluja auf die Kindheit ohne Sorgen auf dem Dorf, auf die Oma, die Ihnen die Musik beigebracht hat, auf die alten Freunde, auf den Rotwein und den Döner. Ist Dankbarkeit bei Ihnen eine Lebenseinstellung?
Absolut. Ich schreibe solche Songs, damit ich mich selbst daran erinnere, dass mein Erfolg nicht selbstverständlich ist. Ich vergesse manchmal, dass ich mit Leuten im Rücken aufgewachsen bin, die mir bis heute das Gefühl geben, dass es für mich ein Auffangnetz gibt. „Halleluja“ ist ein augenzwinkernder Song, der Spaß machen soll. Aber wer weiß, was gewesen wäre, wenn meine Oma Trudi in Datteln bei Recklinghausen nicht gewesen wäre. Immer wenn wir bei ihr waren, sagte sie nur zu mir und nicht zu meinen anderen vier Geschwistern, Johannes, komm mal her, du bist musikalisch. Setz dich zu mir, ich spiele dir mal etwas auf dem Klavier vor. Ich finde es spannend, darüber nachzudenken, welche kleinen Entscheidungen dazu geführt haben, dass ich jetzt hier sitze und mit Ihnen ein Interview machen darf.

Wer talentiert ist, wird mit größerer Wahrscheinlichkeit erfolgreich sein. Stimmt dieser Satz bezogen aufs Musikgeschäft?
Ich würde nicht sagen, dass Talent das A und O ist. Talent ist eine Zutat in einem großen Mix, um wirklich seinen Weg zu gehen. Ich glaube, die größte Zutat ist Glück. Man kann das Glück aber forcieren.

Auf welche Weise?
Mit 13, 14 war ich in einer Schülerband. Die anderen Gruppen haben zehn CDs gepresst und verteilt, ich aber habe 400 CDs gepresst und verteilt. Am Ende ist ein Musikproduzent neugierig auf uns geworden, auf die anderen nicht. Für mich ist Glück die Erhöhung von Wahrscheinlichkeiten. Ich habe nicht viel gelernt in meinem BWL-Studium, aber im Berechnen von Wahrscheinlichkeiten war ich am stärksten. Es gibt viele Menschen, die singen und die Töne treffen können, man muss sich nur einmal „The Voice of Germany“ angucken. Aber das ist nicht das Ding. Es geht eher darum, sein Talent in Ehrgeiz umzusetzen und zu zeigen, dass man auch etwas zu sagen hat. Ob in einem etwas ist, was Menschen berührt. Es scheint so zu sein, dass ich mit meiner Stimme über ein Transportmittel verfüge, das mir einen Zugang zu anderen Menschen verschafft.

Weltstar Michael Bolton sagt: „Es gibt immer Erfolgsdruck – aber dadurch entstehen Diamanten!“ Hat er recht?
Ja, total. Meine besten Leistungen sind passiert, als ich das Gefühl hatte, jetzt wird es mir zu viel. Wenn ich mir meinen Kalender angucke, denke ich immer, wie soll ich das nur alles schaffen? Ich muss noch bis morgen drei Songs auswendig lernen, dann muss ich in eine TV-Show, habe ein Treffen mit Maffay und muss auch noch Interviews geben. Aber am Ende geht man raus mit dem Gefühl, dass es besser war, als man es sich vorgestellt hatte. Ich brauche diesen Druck auch ein bisschen, um wirklich abliefern zu können. Nach all den Jahren kann ich damit entspannter umgehen, flippe nicht mehr aus und kriege auch keine Panikattacke mehr. Ich weiß einfach, dass ich es immer hingekriegt habe.

Zu Ihren besten Freunden im Musikgeschäft gehört der Sänger Max Giesinger. Lassen Sie bei Ihrer Freundschaft das Business außen vor?
Nein, wir sprechen genau über diese Dinge. In dem Moment ist das für uns auch kein Gespräch übers Business, sondern über die Dinge, die uns von morgens bis abends beschäftigen: Erfolgsdruck, Konzerte, Ticketverkäufe. Wir tauschen uns aus. Wir Künstler und Künstlerinnen können diese Themen nur unter uns besprechen, weil es niemand sonst nachempfinden kann. Wer nicht in der Branche ist, weiß nicht, was es bedeutet, Angst davor zu haben, an Relevanz zu verlieren. Max und ich reden da ganz viel drüber und machen uns gegenseitig Mut.

Gemeinsam mit Ihrem Künstlerfreund Peter Maffay haben Sie dessen Klassiker „Eiszeit“ aus der Ära des Kalten Krieges aktualisiert. Welches konkrete Ereignis hat die Neufassung „Eiszeit 2.0“ ausgelöst?
Der neuerliche Ostwest-Konflikt und der Krieg in der Ukraine, aber es kommt ja tagtäglich etwas Schreckliches hinzu. Das ist der Wahnsinn. Wie dumm ist der Mensch eigentlich, dass er 40 Jahre später wieder das Gleiche macht, nur weil ein paar alte weiße Männer Öl und Geld hin- und herschieben. Man darf sich nicht wundern, wenn da viele junge Menschen keinen Bock mehr haben, etwas aufzubauen.

Die letzten Jahre haben die Welt in ein Chaos aus Krieg, Autokraten und Ökokollaps verwandelt. Wie wirkt sich das auf Ihre Kunst aus?
Die Realität beeinflusst natürlich nicht nur mein Privatleben, sondern auch mein Songwriting. In „Eiszeit“ beschäftige ich mich ja mit genau diesen Fragen. Aber ich habe gemerkt, dass ich auch gern über Hoffnung und Zwischenmenschliches singen möchte. In dem Lied „Jahreszeiten“ etwa sage ich, dass wir all diese Turbulenzen überleben werden.

Hat eine Leidenschaft für Gitarren: J. Oerding.
Hat eine Leidenschaft für Gitarren: J. Oerding.

In „Niemals zu spät“ singen Sie die Zeile „Hinterm Horizont geht’s weiter“. Eine kleine Hommage an Udo Lindenberg?
Ja. Ich bin ein großer Fan von Udo und hoffe, er verzeiht es mir, dass ich diese Zeile von ihm gesungen habe. Wenn man es schon macht, dann muss man es auch richtig machen. Ich könnte aus so vielen Sätzen, die Udo schon zu mir gesagt hat, Songs machen. Wahnsinn, was dem manchmal aus dem Kopf kullert. Bei meinem ersten Auftritt in Hamburg im Hörsaal-Club auf der Reeperbahn war ich 19 oder 20 Jahre alt. Und da war auch Udo mit seiner Entourage und hörte sich meine ersten eigenen Songs an. Nach dem Konzert kam er zu mir und sagte: „Du hast eine goldene Kugel im Hals! Du wirst deinen Weg gehen“. Diese Sätze hallen in mir bis heute nach und motivieren mich. Also bin ich da richtig, wo ich bin. Ich passe heute genau darauf auf, was ich jungen Künstlerinnen und Künstlern sage, weil man sich das einfach merkt.

Auf der neuen Cover-Platte „We love Udo – Das Udo Lindenberg Tribute Album“ interpretieren Sie „Wenn du durchhängst“, ein Lied über Freundschaft. Sind Udo und Sie echte Freunde?
Ich glaube, wir würden beide sagen, ja, wir sind Freunde. Wir können uns leider nicht so oft sehen. Aber immer, wenn es passiert, haben wir eine große Wertschätzung füreinander und tauchen sehr schnell in Themen ab, die nicht oberflächlich sind. Das macht ja eine Freundschaft aus. Für das Tribute-Album gab es eine Liste von 50 Songs. Ich wusste ziemlich schnell, dass ich „Wenn du durchhängst“ aufnehmen wollte, weil ich diesen Titel einfach mag.

Am 17. Mai wird Udo 80 Jahre alt. Könnten Sie sich vorstellen, in dem Alter noch auf der Bühne zu stehen?
Das hoffe ich doch. Es ist für mich auch ein Vergnügen, mit Peter Maffay zusammenzuarbeiten, und der ist auch schon 78. Diese Jungs haben immer noch glänzende Augen, wenn sie auf die Bühne gehen und Musik machen. Ich hoffe, dass das dann auch bei mir noch der Fall ist. Ich wüsste auch nicht, was ich sonst machen sollte. Ich habe zwei linke Hände, ich muss auf die Bühne.

Johannes Oerding 2026: Tour-Info

Am 27. März ist Johannes Oerdings Album „Hotel“ bei Sony erschienen. Seine Arena-Tour startet am 10. April in Oberhausen, führt nach Münster (11.4.) und am Dienstag, 14. April, nach Frankfurt (19.30 Uhr, Festhalle). Weitere Stationen in der Region: Stuttgart (Di 28.4., 19.30 Uhr, Hanns-Martin-Schleyer-Halle); Freiburg (Mi 29.4., 19.30 Uhr, Sick-Arena, Messe). Im Sommer spielt Johannes Oerding Open-Air-Konzerte, unter anderem im August in Bruchsal (Fr 21.8., 19 Uhr, Schlossgarten) und im September in Koblenz (Sa 5.9., 19 Uhr, „Kaiserfestival“, Deutsches Eck). Karten: eventim.de

Jubel im Publikum: Johannes Oerding hat treue Fans.
Jubel im Publikum: Johannes Oerding hat treue Fans.
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