Am 11. April
Interview: Sängerin Youn Sun Nah beim Kammgarn-Jazzfestival
Youn Sun Nah ist seit 30 Jahren Sängerin – was sie ursprünglich gar nicht werden wollte. Den Jazz entdeckte sie spät, wollte ihr Jazz-Studium hinschmeißen, wurde dann doch ein internationaler Star. Nach Standards und vielen Kollaborationen mit Jazz-Kollegen schrieb sie eigene Lieder und Texte. Ihr jüngstes Album „Lost Pieces“ half ihr durch schlimme Zeiten. Am 11. April tritt die Künstlerin in Kaiserslautern beim Kammgarn International Jazzfestival auf. Über ihren langen musikalischen Weg sprach Youn Sun Nah mit Gereon Hoffmann.
Fangen wir ganz vorne an: Ihre Eltern waren beide Musiker. Wie war es, damit aufzuwachsen?
Beide waren auf ihren Gebieten Pioniere in Südkorea. Ich war sehr früh auf ihren Konzerten. Mein Vater hat den Nationalchor gegründet, und meine Mutter war der erste Musical-Star in der Nachkriegsgesellschaft. Natürlich war das für mich sehr wichtig.
Und Sie haben vermutlich schon als Kleinkind gesungen?
Ich habe früh als Kind gesungen, aber ich hatte später auch Hemmungen, vor meinen Eltern zu singen, weil sie so großartige Musiker sind. Ich glaube, sie haben mich erstmals richtig gehört, als ich 20 war.
War für Sie von vorneherein klar, dass sie Musikerin werden?
Nein, gar nicht. Ich habe meine Eltern immer hart arbeiten sehen, jeden Tag. Ich dachte, der Job ist einfach zu schwer für mich. Deshalb habe ich Literatur studiert und für ein Mode-Unternehmen gearbeitet. Aber als ich mich dann mit Singen mehr beschäftigte und generell die Schönheit der menschlichen Stimme entdeckte, wollte ich doch Sängerin werden. Vielleicht war es ja meine Bestimmung (lacht).
Die meisten Leute, die aus Südkorea in den Westen kommen, machen klassische Musik, arbeiten hier in Sinfonieorchestern und Ensembles. Wie haben Sie andere Musik als die Ihrer Eltern kennengelernt?
Sie haben Recht, in meiner Grundschule lernten die meisten Kinder klassisches Klavier. Ich habe auch mit vier Jahren angefangen. An der Uni habe ich dann mit verschiedenen Bands Pop und Rock und auch koreanische Folklore gemacht. Aber keinen Jazz. Später habe ich meinen Job als Mode-Verkäuferin aufgegeben, um mehr zu singen. Dann gab es hier eine Produktion des Musicals „Linie Eins“, und ein Freund schickte den Produzenten eine Kassette mit meinem Gesang – ohne dass ich es wusste! Als die mich anriefen, dachte ich, das müsse ein Irrtum sein. Aber dann sagten die: nein, das stimmt alles, und wir wollen Sie haben. Ich war völlig aus dem Häuschen. Aber ich wollte zuvor Unterricht nehmen und richtig singen lernen. Der Freund sagte dann, ich solle Jazz probieren. Damit könne ich alles singen. Nur hatte ich leider noch nie Jazz gehört!
Jazz war in Südkorea nicht populär?
Nein, selbst heute ist es noch schwer, dort guten Jazz live zu hören. Seit 15 Jahren gibt es einige Jazzfestivals, und vielleicht ist es für junge Leute jetzt leichter als für mich vor 30 Jahren. Es gibt ja auch Youtube, wo man viel findet. Das Interesse steigt langsam.
Die südkoreanische Gesellschaft ändert sich, wird offener. Jetzt ist ja K-Pop das große Ding weltweit. Was halten Sie davon?
(Lacht laut) Das hat sogar die Koreaner selber überrascht, warum das so eingeschlagen hat – das weiß wirklich niemand.
Ihr neuestes Album „Lost Pieces“ ist Ihr dreizehntes, aber erst das zweite, das Sie komplett selbst geschrieben haben. Wie haben Sie doch noch Ihren Weg gefunden, Singer-Songwriterin mit eigenen Stücken zu werden?
Ich habe einfach nicht geglaubt, dass ich das kann. Und im Jazz gibt es so viele Standards, die kann man gar nicht alle lernen. Als ich nach Paris kam, um Jazz zu studieren, habe ich wie ein Schwamm alles aufgesaugt. Ich habe zum Beispiel Brad Mehldau mit „Blackbird“ gehört und dachte: aha, Pop kann man also auch als Jazz singen. Es gibt da einfach so viele tolle Sachen, und man darf im Jazz ja alles verändern und seinen persönlichen Ausdruck finden. Erst später habe ich mal versucht, selbst ein Stück zu schreiben, das auf ein Album kommt. Dann kam Covid und ich saß in Korea fest und musste alles selber machen. Ich habe mir Software zum Aufnehmen und Schneiden geholt, sie bedienen gelernt und dann ganz allein ein Album daraus gemacht. Da habe ich gemerkt, wie sehr es mir Spaß macht, meine ganz persönlichen Gedanken und Gefühle auszudrücken und mit dem Publikum zu teilen.
Auf „Lost Pieces“ herrscht eine eher düstere Stimmung: Verlust, Einsamkeit, Schlaflosigkeit, sogar ein Zusammenbruch werden auf dem Album thematisiert. Ich hoffe die Frage ist nicht zu persönlich (Youn lacht), aber das klingt schon nach einer schweren Krise, durch die Sie gingen?
Ja, tatsächlich. Mein Vater ist gestorben, ich durchlebte eine Trennung, eine enge Freundschaft hat mich enttäuscht. Ich musste herausfinden, wer ich bin, inmitten des ganzen Chaos um mich herum. Solche Sachen erlebt jeder, aber alles auf einmal, da fühlt man sich schon ziemlich verloren. Vieles ging kaputt, und ich musste neu lernen, auf eigenen Füßen zu stehen. Dieses Album hat mir dabei geholfen, mich besser zu fühlen. Ich habe dabei sehr viel gelernt. Ich habe Frieden mit mir selbst gemacht, gelernt, zu mir zu stehen. „Lost Pieces“ klingt, als wäre etwas verloren gegangen, aber für mich bedeutet es, die Teile wieder zusammenzusetzen.
Sie haben Schmerz und Trauer in wunderbare Musik verwandelt. Wie ist es, das auf der Bühne vor Publikum zu präsentieren?
Das hab ich ja noch gar nicht gemacht. Erst in ein paar Tagen beginnt die Tour. Ich bin wahnsinnig aufgeregt. Im Studio waren wir nur fünf Musiker, das war einfach. Wissen Sie, ich bin sehr schüchtern, ich habe riesiges Lampenfieber. Manchmal zittere ich richtig, bevor ich rausgehe. Aber wenn ich dann auf der Bühne stehe, fühle ich mich sicher.
Können Sie das näher beschreiben?
Ich fühle mich geborgen und aufgehoben, und die Musik gibt mir so viel. Da sind gute Gefühle zwischen uns Musikern, die Energie, die das Publikum uns zurückgibt. Wenn das Konzert begonnen hat, ist alles gut. Aber vorher habe ich schreckliche Angst.
Ich habe Sie in Heidelberg mit dem Gitarristen Ulf Wakenius gehört, nur im Duo, und war extrem beeindruckt von der Weise, wie Sie Ihre Stimme einsetzen, von der originellen Art, Songs zu interpretieren. Das geht doch nur mit viel harter Arbeit oder?
In Korea heißt es immer, wir müssen „schnell-schnell-schnell“ machen. Das war die Art, wie wir unser Land nach dem Krieg wieder aufgebaut haben, und das steckt heute noch in uns drin. Schnell Ergebnisse produzieren. Als ich nach Paris ging, dachte ich, dass ich Jazz in drei Jahren Studium gelernt haben werde. Damit das schnell geht, habe ich zusätzlich zum Studium noch Privatunterricht genommen und mich an zwei weiteren Musikschulen eingeschrieben. Ich bin wie irre herumgerannt, nur um dann zu merken, dass man Jazz nicht auf die Schnelle lernt. Ich war zuerst ziemlich frustriert. Aber die Lehrer haben mir gesagt, ich solle Geduld haben. Das ist ein lebenslanger Weg – den ich jetzt seit 30 Jahren gehe.
Und was bringt Sie weiter auf diesem Weg?
Die Bühne ist auch so etwas wie ein Labor zum Experimentieren. Ich probiere Dinge aus und sehe, wie sie mit den Musikern funktionieren und wie das Publikum sie aufnimmt. Diese Rückmeldung ist mir sehr wichtig. Ich gehe nach jedem Konzert raus und rede mit den Leuten, die mir zugehört haben. Ich frage auch ganz konkret, wie war dies oder jenes. Und die Leute sind dann auch sehr ehrlich. Das macht mir Freude.
Und jetzt sind es auch Ihre eigenen Songs – anders als zu Beginn Ihrer Karriere ...
Natürlich. Damals habe ich angestrengt versucht, die großen Jazz-Sängerinnen zu imitieren. Das ging natürlich schief. Nach einem Jahr wollte ich hinschmeißen. Ich musste aufhören, jemand anderes sein zu wollen. Ich musste mich selbst und meine Stimme finden. Es wäre auch nicht ehrlich, mich als jemand anderes vor das Publikum zu stellen. Musik ist extrem subjektiv. Jeder macht sie anders, jeder fühlt sie anders, und ich musste lernen, das zu erfahren und mich selbst dadurch auszudrücken. Das bedeutet auch, zu akzeptieren, wie ich wirklich bin.
Dafür brauchen Sie aber auch die richtigen Musiker um sich herum, die Sie verstehen und den Weg mit Ihnen gehen. Wer geht mit Ihnen auf die Tour?
Ich bin mit großartigen Musikern unterwegs. Gitarrist Matthis Pascaud und Drummer Raphael Chassin waren auch bei den Studioaufnahmen dabei und kennen das Material daher bestens. Am Bass kommt für die Tour Brad Christopher Jones dazu. Mit dem habe ich früher schon gespielt, er war auch auf meiner „Waking World“-Tour dabei. Brad spielte schon mit Ornette Coleman und Marc Ribot.
Zur Sache: 31. Kammgarn International Jazzfestival – 8. bis 11. April in Kaiserslautern
Kein Geringerer als der weithin bekannte Saxophonist Jan Garbarek eröffnet das Jazzfestival am Mittwoch, 8. April, um 20 Uhr. Dabei wird die Garbarek Group vom indischen Trommel-Guru Trilok Gurtu verstärkt. Im Gegensatz zu den Konzerten der drei folgenden Festivaltage findet dieser Auftakt allerdings nicht in der Kammgarn selbst, sondern im Großen Haus des Pfalztheaters Kaiserslautern statt.
Auch für Donnerstag, 9. April, steht nur ein Konzert auf der Agenda: Omer Klein & the Poetics spielen ab 20 Uhr im Cotton Club der Kammgarn. Die Liebe des Pianisten, Keyboarders und Schlagzeugers zu den musikalischen Welten Brasiliens und Afrikas sei im Universum des Sextetts besonders deutlich zu spüren, versprechen die Festival-Macher.
Am 10. und 11. April sind die Konzertabende jeweils dreiteilig. Den Freitag läuten um 20 Uhr im Kammgarn-Kasino zwei renommierte Jazzmusiker ein, die zwar jeweils ihre eigenen Ensembles haben, hier aber als Duo auftreten: Michael Wollny & Emile Parisien. Zusammen verbinden der deutsche Jazzpianist und der französische Saxophonist klassisch-impressionistische Klänge mit freier, improvisierter Musik. Ab 22 Uhr beschallen Lauterer Lokalmatadoren, die Jazzevau Session Band, die Kammgarn-Schreinerei mit Hard Bob, Soul-Jazz, Funk und Latin, während zeitgleich im Cotton Club die Mammal Hands loslegen. Das britische Trio, gegründet 2012 und bestehend aus dem Pianisten Nick Smart, dem Saxophonisten Jordan Smart und dem Schlagzeuger Rob Turner, fusioniert mit hinreißendem Drive Jazz mit Electronica, Folklore-Zitaten, Neoklassik und Minimal Music à la Philip Glass. Im Gepäck haben die Mammal Hands Stücke ihres Albums „Circadia“, das Ende Februar beim Label ACT erschienen ist.
Der Samstag (11.4.) beginnt um 20 Uhr im Kasino mit dem ätherischen Jazz des schwedisch-finnischen Emil Brandquist Trios, gefolgt ab 21.30 Uhr von der aus Südkorea stammenden Sängerin Youn Sun Nah, die ihr neues Album „Lost Pieces“ vorstellt. Den Abschluss macht, ab 22.30 Uhr im Cotton Club, Elsa. Die vierköpfige Band um Sängerin und Songschreiberin Elsa Steixner bewegt sich stilistisch im Spannungsfeld von Art-Pop, Vocal Jazz, Folk und Blues. Die Songs, die man auf dem Youtube-Kanal der jungen Combo findet, klingen spannend und originell, und so wundert es nicht, dass Elsa bereits einige Auszeichnungen einheimsen konnten, darunter den Sparda-Jazzpreis und den Publikumspreis des Jazzfestivals von Avignon.
Karten: rheinpfalz.de/ticket, reservix.de; Info: www.kammgarn.de
