Ab 20. Februar RHEINPFALZ Plus Artikel Interview: Leon Windscheid über seine Psychologie-Liveshow

Wie nimmt man den Druck aus dem eigenen Perfektionismus? Auch darum geht es in Leon Windscheids Psychologie-Show.
Wie nimmt man den Druck aus dem eigenen Perfektionismus? Auch darum geht es in Leon Windscheids Psychologie-Show.

Er wolle verstehen, wie Menschen ticken, stellt Psychologe Leon Windscheid fest. Bei seinen Auftritten, unter anderem in Ludwigshafen, nimmt er den Perfektionismus aufs Korn.

Wir müssen im Job, im Bett und auf der Yogamatte funktionieren. Jedes Kind ist hochbegabt, keiner will Falten, Therapie brauchen nur Versager. Höher. Schneller. Weiter. Wir spüren, dass uns das nicht gut tut, und hecheln trotzdem im Hamsterrad. Der Anspruch unserer Zeit lautet: Perfektion. Wie geht das besser? Wie gelingt ein Leben in echter Zufriedenheit? Das ist das Thema von Leon Windscheid. Wissenschaftlich fundiert und zugleich unterhaltsam nimmt der Psychologe sein Publikum im zweistündigen Programm „Alles perfekt“ mit auf eine Expedition durch den eigenen Kopf. Mit Windscheid sprach Christian Hanelt.

Psychologe, Autor, Moderator, Unternehmer, Podcaster, Wirtschaftsjournalist – irgendwo habe ich sogar gelesen, Sie seien Comedian. Als was von all dem sehen Sie sich selbst?

Als Comedian wahrscheinlich nicht. Ich bin eigentlich Psychologe, und alles andere sind Tätigkeiten, die sich daraus ergeben haben. Dass ich Sendungen über Psychologie im ZDF mache, dass ich eine Bühnenshow mache, wo es um Psychologie geht, oder einen Podcast, ist am Ende immer aus einer großen eigenen Neugier heraus entstanden, verstehen zu wollen, wie wir Menschen sind. Und da ist die Psychologie die Wissenschaft der Wahl.

Hat Sie die Teilnahme und letztlich auch der Sieg 2015 bei Günther Jauchs „Wer wird Millionär“ zu Ihrer Bühnenkarriere inspiriert?

Also ein handelsüblicher Windscheid steht beim Schulreferat in der zweiten Reihe und würde sich als letzter melden, wenn es darum geht, auf einer Hochzeit eine Rede zu halten. Wobei es damals scheinbar schon einen kleinen Teil in mir gab, der gesagt hat, „okay, du traust dich, da in die Sendung zu gehen“. Das war aus meiner Studenten-WG heraus in dem einzigen Bestreben, ein bisschen Geld zu gewinnen, denn ich hatte eine klamme Kasse. Ich hatte immer gedacht, ich mache einen wirtschaftspsychologischen Abschluss und gehe dann in ein Unternehmen. Ich hatte da auch schon einen Arbeitsvertrag unterschrieben. Als dann das viele Geld kam, was einem ganz viel Freiheit gibt, habe ich innegehalten und mich gefragt, was ich wirklich machen will. Und so habe ich in meinem WG-Zimmer ein erstes Buch über Psychologie geschrieben. Als das herauskam, hat eine Künstleragentur mich gefragt, ob ich damit nicht eine Lesereise machen möchte. Ich habe erstmal abgesagt, weil ich keine Zeit hatte, und dachte, dass das nichts für mich sei. Aber dann haben die gesagt, sie hätten schon eine kleine Halle gebucht in Düsseldorf, da passen 100 Leute rein, und sie wäre auch schon ausverkauft. Und nachdem sie nicht locker gelassen haben, habe ich dann doch zugesagt, ohne zu wissen, wie man sowas macht. Ich habe einen alten Skateboardhelm von mir genommen, mit Alufolie verpackt, habe Kabel daran geklebt und dachte, „das ist jetzt wie so ein Hirnscanner“. Dazu habe ich mir einen weißen Kittel bestellt, um ein bisschen wie so ein Professor auszusehen. Aber das war eigentlich alles Bullshit. Und der Abend kann auch nicht wirklich gut gewesen sein, aber ich habe irgendwie Feuer gefangen und gemerkt, „okay, man kann sehr komplizierte Sachen auch so erzählen, dass Leute, die mit Psychologie nichts am Hut haben, sich am Ende dafür interessieren“.

Ihre Auftritte sind durchaus humorvoll. Gibt es da einen Punkt, an dem Sie bewusst keine psychologische Erklärung mehr liefern, um den Humor nicht zu entzaubern?

Ich sage den Leuten immer, bevor es losgeht, dass wir uns zwei richtig gute Stunden machen. Und ich mag das total, wenn wir uns dann zusammen kaputtlachen und es richtig abgeht. Aber ich sage auch schon ganz am Anfang der Show, dass ich es genauso mag, wenn es plötzlich ganz leise wird, wenn ich das Gefühl habe, dass es gerade in 2000 Köpfen „klick“ macht, und ich sehr komplizierte und vielleicht auch mal traurige und schwierige Themen verbinden kann mit Momenten, in denen es lustig ist. Das, denke ich, macht Psychologie auch aus.

Ihr Programm trägt den Titel „Alles perfekt“. Was hat Sie an diesem Begriff gereizt?

Bei Perfektionismus geht es eigentlich nicht darum, irgendwas gut oder perfekt zu machen, sondern es geht darum, dass man etwas gut macht, aber nie so ganz zufrieden damit ist. Und das ist ein Gefühlszustand oder ein Lebenszustand, von dem ich garantiert auch betroffen bin und denke, dass das bei ganz vielen von uns so ist, und von dem ich sehr persönlich erzählen kann – auch, wie ich versucht habe, dem ein Stückchen Druck zu nehmen.

Fällt es Ihnen schwer, über eigene Schwächen zu sprechen?

Nein. Wenn es zum Beispiel darum geht, wie man mit seinem Körper zurechtkommt, kann ich Ihnen sagen: Ich bin jetzt 37, habe, seit ich 16 bin, hässliche Füße, weil ich Schuhgröße 49,5, gerne auch mal 50, habe, was ich lange nicht akzeptieren konnte, denn es hieß immer, „da kommt Ronald McDonald und geht wieder über das Wasser“. Deshalb habe ich mich in viel zu kleine Sneaker gepresst und heute entsprechend verkrümmte Zehen. Oder: Mir fallen Haare am Körper aus, wo ich sie gerne hätte, dafür kriege ich welche an Stellen, wo ich sie nie haben wollte. Das ist für mich einfach eine Ehrlichkeit, die ich dann auch brauche, denn ich glaube nicht, dass irgendjemand jemandem zuhören möchte, der auf einer Bühne steht und denkt, er wäre der Größte oder Tollste. Das Gegenteil ist wichtig: Erzähle ehrlich, dass du wie alle Menschen Fehler machst, dass du Macken hast, dass es Sachen gibt, für die du dich schämst und Dinge, die dich an dir stören.

Wir optimieren permanent unsere körperliche Fitness oder versuchen es zumindest. Aber ich lese oder höre so gut wie nichts über geistige Fitness. Lassen wir die bei der Suche nach Perfektion zu sehr außer Acht?

Gerade, wenn es um unsere Körper geht, sind wir Weltmeister darin, von außen drauf zu blicken. Dann suchen wir nur die Dellen und Kratzer und fragen überhaupt nicht, wie es eigentlich dem Organismus geht, der dahinter steckt. Diese klassische Trennung – hier der Körper, da die Psyche – ist ein absolut überholtes Denkmuster. Niemand in der Forschung macht das noch. Wir sind ein Organismus, und das bedeutet, es wäre viel wichtiger, sich mit seiner Psyche und seinem Gesamten auseinanderzusetzen, als einfach nur von außen auf sich zu schauen und eine Delle am Bein zu beklagen. Ich glaube, dass das, was Sie beschreiben, naheliegend ist in einer Welt, die von solchen Oberflächlichkeiten immer mehr lebt. Aber glaubt irgendwer von uns, dass, wenn es nur einen Mann oder eine Frau auf dieser Welt gäbe, dass die morgens auf ihrer einsamen Insel wach werden und sagen würden, „ich schneid mir meine gesunden Brüste auf und pump Silikon rein“ oder „ich muss nach Istanbul, Haare machen lassen“?

Gibt es einen Moment im Programm, der bewusst unbequem sein soll?

Mir ist klar, dass sich viele Menschen mittlerweile für Psychologie interessieren, dass da fast schon ein Hype entstanden ist. Dem versuche ich in meinem Programm etwas entgegenzuhalten, weil Psychologie nicht alles beantworten kann und wir auch nicht alles psychologisieren sollten. Manche in der Wissenschaft warnen davor, dass wir die psychischen Störungen zu weit ausbreiten, dass wir zu schnell von einer Depression sprechen, von einer Angststörung oder von einem Trauma. Das erzähle ich den Leuten mit der Botschaft, dass uns klar sein muss, dass nicht alles ein Trigger ist, nur weil wir jetzt dieses Wort gelernt haben, und dass, nur weil deine Chefin dich nervt, das noch lange nicht heißt, dass sie eine narzisstische Persönlichkeitsstörung hat. Oder wenn du mal drei Tage keine Lust hast, zur Arbeit zu gehen, dann muss das keine Depression sein. Und es haben auch nicht alle ADHS im Erwachsenenalter. Da merkst du, das macht etwas mit dem Publikum, da findet dann wirklich ein Umdenken statt. Wir müssen uns allerdings auch bewusst sein, dass jeder vierte Deutsche einmal im Jahr die Kriterien einer psychischen Störung erfüllt. Das sind Millionen. Von denen holt sich aber nur jeder fünfte professionelle Hilfe. Es mag also sein, dass wir Leute haben, die so tun, als hätten sie eine psychische Störung oder sich das irgendwie einbilden – aber es gibt viel, viel mehr Menschen, die so tun, als wären sie psychisch gesund, obwohl es ihnen eigentlich nicht gut geht.

Dr. Leon Windscheid: »Alles perfekt« – Fr 20.2., 20 Uhr, Karlsruhe, Schwarzwaldhalle; Di 17.11., 20 Uhr, Bensheim, Weststadthalle; Fr 11.12., 20 Uhr, Ludwigshafen, Friedrich-Ebert-Halle; Tickets: eventim.de

Kein Titel (3000 x 2000 px)

Lust auf mehr Veranstaltungen in der Pfalz?

Welches Fest kann ich heute Abend besuchen? Welche Ausstellung hat neu eröffnet? Und wohin plane ich meinen Ausflug am Wochenende? Alle Veranstaltungen aus dem LEO im Überblick.

An dieser Stelle finden Sie Umfragen von Opinary.

Um Inhalte von Drittdiensten darzustellen und Ihnen die Interaktion mit diesen zu ermöglichen, benötigen wir Ihre Zustimmung.

Mit Betätigung des Buttons "Fremdinhalte aktivieren" geben Sie Ihre Einwilligung, dass Ihnen Inhalte von Drittanbietern (Soziale Netzwerke, Videos und andere Einbindungen) angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an die entsprechenden Anbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät notwendig. Mehr Informationen und eine Widerrufsmöglichkeit finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

x