Ab 21. Februar RHEINPFALZ Plus Artikel Interview: Kabarettistin Sarah Hakenberg über ihre neue Show

„Es steckt viel echte Sarah in meiner Bühnenfigur“: Sarah Hakenberg.
»Es steckt viel echte Sarah in meiner Bühnenfigur«: Sarah Hakenberg.

Die preisgekrönte Kabarettistin Sarah Hakenberg zeigt „Mut zur Tücke“. Woher sie ihre Inspiration nimmt und was sie mit ihrer Arbeit erreichen will, verrät sie im Interview.

Die mit dem Deutschen Kabarettpreis ausgezeichnete Liedermacherin Sarah Hakenberg hat neue mitreißende Schmachlieder, raffinierte Protestsongs und unverfrorene Ohrwürmer geschrieben: über hilflose Traditionalisten beispielsweise, über tugendhafte Rammstein-Fans, über ratlose AfD-Wähler und moralisch korrekte Konsumenten. Auch in ihrem Programm „Mut zur Tücke“ haut sie dabei vergnügt in die Tasten, zupft die Ukulele und erzählt gleichermaßen von Abgründen, die in unserem Inneren schlummern, wie vom großen Wirrwarr da draußen. Woher sie ihre Ideen nimmt und wo sie ihre Grenzen zieht, verrät sie Christian Hanelt im LEO-Interview.

Wie viel Sarah Hakenberg steckt in Ihrer Bühnenfigur, und wie viel Figur braucht die reale Person, um den Alltag zu überstehen?
Es steckt schon erstaunlich viel echte Sarah in meiner Bühnenfigur. Manchmal erschrecke ich selbst darüber, wie ehrlich ich auf der Bühne bin! Menschen mit mehr Distanz zu sich selbst bekommen sicher den Alltag einfacher geregelt. Aber selbst wenn ich wollte – ich kann gar nicht anders. Und Authentizität hat ja zum Glück auch ihre Vorteile.

Wie entsteht ein Lied? Aus einem Satz, einer Melodie oder aus Langeweile?
Langeweile kann tatsächlich ein hervorragender Motor für Kreativität sein. Aber leider fühlt sich mein Leben so vollgepackt an, dass ich mich schon gar nicht mehr erinnern kann, wann ich mich das letzte Mal gelangweilt habe. Da in meinen Liedern eindeutig der Text im Mittelpunkt steht, fängt der Arbeitsprozess meistens mit einem Satz oder einer prägnanten Zeile an. Oft grüble ich dann Wochen oder sogar Monate lang über einzelne Wörter und Verse. Wenn dann nach viel Rumheulerei und halben Nervenzusammenbrüchen endlich mal wieder ein Liedtext fertig wird, setze ich mich erleichtert ans Klavier und erfinde entspannt Melodie und Harmonien in wenigen Tagen. Das fühlt sich dann an wie Urlaub.

An dieser Stelle finden Sie ein Video via YouTube.

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Gibt es derzeit mehr Themen für das Kabarett, als Sie bearbeiten können?
Themen gibt es gerade ohne Ende, aber sie sind ja leider oft so zum Verzweifeln, dass es gar nicht so leicht ist, sie für die Bühne zu bearbeiten. Satire entsteht ja erst dann, wenn man einen lustigen Ansatz zu einem schweren Thema findet. Umso schwerer die Themen, umso schwieriger die lustigen Ansätze. Merz und selbst Trump – das geht ja alles noch. Aber ein lustiger Ansatz zum Ukraine-Krieg? Da hört der Spaß wirklich auf.

Kennen Sie beim Schreiben so etwas wie Selbstzensur?
Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der schwarzer Humor auf der Tagesordnung steht. Manchmal schreibe ich also Liedtexte, die mein Bruder und meine Schwester unglaublich lustig finden, aber alle anderen finden sie zu hart. Ich habe zum Beispiel ein Lied über einen Abtreibungsgegner in der Schublade, das ich bis heute kein einziges Mal vor Publikum gespielt habe. Zwei von 100 fänden es vermutlich zum Umfallen lustig, die anderen 98 jedoch pietätlos und empörend. Da ich nun mal auf mein Publikum angewiesen bin, versuche ich einen Mittelweg zu finden.

Gibt es Themen, bei denen Sie bewusst auf den Witz verzichten, weil er zu bequem oder zu grausam wäre?
Ich möchte mein Publikum durchaus pieksen und auch mal ein bisschen ärgern, aber grobe Verletzungen versuche ich zu vermeiden. Das meine ich mit Mittelweg. Auch wenn es sich für eine satirische Liedermacherin natürlich immer als eine Auszeichnung anfühlt, wenn jemand beleidigt aufsteht und den Saal verlässt! Aber dadurch erreiche ich ja nichts. Vielleicht denke ich da zu pädagogisch, aber vermutlich ist mir der Wunsch, mit meinem Publikum gemeinsam ein ganz klein wenig die Welt zu verändern, wichtiger, als die Grenzen der Kunstfreiheit auszuloten.

Ihre Lieder wirken wie präzise gebaute Miniaturen zwischen Chanson, Kabarett und Kurzprosa. Schreiben Sie sie eher als Musikstücke, als Gedichte oder als kommentierende Zeitdiagnosen?
Es ist eine Mischung aus allen drei Komponenten. Meistens steht am Anfang ein gesellschaftlich relevantes Thema, das mich gerade angeht oder aufregt. Dann versuche ich in gereimter Form eine lustige und originelle Geschichte zu diesem Thema zu schreiben. Und dann braucht es noch die Musik, damit das Ganze eingängiger und kurzweiliger wirkt – und nicht etwa sperrig und anstrengend. Auch wenn es immer um etwas geht: Ich will ja trotz allem unterhalten!

Kabarett gilt als moralische Kunstform. Wie entgeht man da der Rechthaberei?
Es ist eine Gratwanderung. Wichtig finde ich, dass man sich nicht nur über die anderen lustig macht, sondern auch über sich selbst. Also auch seine eigenen Macken und inneren Widersprüche aufs Korn nimmt. Sonst sehen alle zu Recht den altbackenen, erhobenen Zeigefinger, und wer will den schon?

Wie politisch darf oder muss Humor heute sein?
Humor darf, muss aber nicht politisch sein. Mir persönlich ist es jedoch ein großes Bedürfnis, meiner demokratischen Grundhaltung auf der Bühne Raum zu geben. Damit verbunden sind auch Themen wie soziale Gerechtigkeit oder ökologisches Bewusstsein. Die Konsequenz ist, dass sich in meine Show nur sehr selten AfD-Wähler verirren. Auch Fans eines radikal-konservativen CDU-Flügels bleiben tendenziell eher weg oder kommen nicht wieder. Aber damit kann ich gut leben.

Wie viel Hoffnung steckt dabei in Ihrer Kunst – und wie viel Resignation?
Definitiv viel mehr Hoffnung als Resignation!

Ihre Pointen kommen selten frontal, oft beinahe freundlich. Vertrauen Sie darauf, dass der Witz sich im Kopf des Publikums vollendet, auch auf die Gefahr hin, dass er erst verzögert zündet?
Bei mir bauen sich Pointen tatsächlich oft langsam auf. Manchmal muss mein Publikum zwei Strophen lang aufmerksam sein, damit die Pointe in der dritten Strophe zündet. Aber alle, die gut zugehört haben, lachen dann umso lauter. Langsam aufgebaute Pointen wirken meiner Meinung nach tiefer und nachhaltiger als ein schneller Gag. Mein sehr geschätzter Kollege Josef Hader hat schon Pointen über eine Viertelstunde aufgebaut – davon bin ich dann aber doch weit entfernt.

In vielen Ihrer Texte liegt eine politische Dimension, ohne dass Parolen formuliert werden. Ist in einer Zeit permanenter Empörung Gelassenheit die radikalere Form des Widerstands?
Ich persönlich finde Parolen ziemlich langweilig. Sie haben zwar viel Energie und eine schnelle Wirkung, sind aber meistens oberflächlich. Vermutlich denke ich auch da wieder pädagogisch: Es braucht erstmal eine freundliche Zugewandtheit, um etwas verändern zu können. Neulich meinte mal ein junges linkes Pärchen nach der Vorstellung, ich sei nicht radikal genug. Das sehe ich tatsächlich anders. Ich will ja nicht mit den gleichen simplen Mitteln kämpfen wie die, über die ich mich lustig mache. In unserer jetzigen Gesellschaft kommen wir nicht weiter, wenn wir immer nur konfrontativ voreinander stehen und Parolen brüllen. Auch wenn das sehr unsexy ist: Wir müssen erstmal die fast verloren gegangene Mitte reaktivieren, die zwischen Links und Rechts steht. Wenn wir das schaffen, können wir uns auch wieder viel mehr radikale Provokationen in der Satire leisten. Ich freue mich schon jetzt darauf!

Welche Kolleginnen oder Kollegen haben Ihnen gezeigt, dass leise Töne oft länger nachhallen als laute?
Mascha Kaléko, Kurt Tucholsky, Reinhard Mey, Jochen Malmsheimer, Uta Köbernick ...

Was unterscheidet für Sie gutes Kabarett von gut gemeintem Kabarett?
Auch wenn gutes Kabarett manchmal nicht mehr so provokant ist wie früher: Es darf nie brav werden, nie gemütlich, nie allen gefallen dürfen! Etwas muss immer weh tun, wenn auch nur kurz, sonst wird es belanglos.

Man spürt im Saal oft ein Lachen, das weniger Erleichterung als Wiedererkennen ist. Merken Sie, wann das Publikum über sich selbst lacht?
Ja, auf jeden Fall! Und ich liebe es! Wenn ein Publikum fähig ist, über sich selbst zu lachen, ist es ein gutes Publikum! Dann gehen wir alle befreit und glücklich nach Hause – beziehungsweise ins Hotel zurück.

Sarah Hakenberg: »Mut zur Tücke« – Sa 21.2., 20 Uhr, Karlsruhe, Tollhaus, Karten: www.tollhaus.de; Do 26.2., 20 Uhr, Mainz, Frankfurter Hof, Karten: rheinpfalz.de/ticket, reservix.de

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