Ab 26. März
Interview: Justina Lee Brown in Kaiserslautern und Karlsruhe
Geboren in den Slums von Lagos wuchs Justina Lee Brown unter schwierigen Bedingungen auf. Trotz des Überlebenskampfs an der Seite ihrer jugendlichen Mutter entdeckte sie früh die Musik als Trost und als Weg aus der Enge des Alltags. Schon bald fiel ihre außergewöhnliche Stimme Menschen auf, viele gaben ihr Trinkgeld, um sie zum Weitersingen zu ermutigen. So erkannte Justina, dass ihre Stimme anderen Freude schenkt. 2006 erreichte sie den zweiten Platz bei der „Nokia First Chance“-Castingshow in Nigeria. Im selben Jahr feierte sie mit dem Hit „Omo 2 Sexy“ ihren ersten großen Durchbruch. Ihr Erfolg blieb nicht auf die nigerianische Musikszene beschränkt: 2009 wurde sie in London mit dem „Women in Entertainment Award“ als Best African Voice ausgezeichnet. Inzwischen lebt sie in der Schweiz und hat mit ihrem Mix aus Afro, Funk, Soul und Blues zwei Alben aufgenommen, die sie in der Kammgarn Kaiserslautern (26.3.) und im Tollhaus Karlsruhe (8.5.) vorstellt. Über ihre Musik sprach Justina Lee Brown mit Christian Hanelt.
Du spielst demnächst in Kaiserslautern, einer Stadt, die nicht zu den ganz großen Tourneestädten zählt. Was reizt dich, in solchen Orten aufzutreten?
Für mich ist es egal, wo ich auftrete, solange es dort Menschen gibt, die meine Musik hören wollen. Ich möchte, dass meine Musik so viele Menschen wie möglich berührt – das ist der Grund, warum ich überhaupt Musik mache. Ich versuche mein Bestes zu teilen, wo auch immer ich das kann.
Was reizt dich an den kleineren Sälen?
Diese Säle sind für mich sehr persönlich, denn es sind diese intimen Orte, diese Clubs, in denen meine Karriere begann. Ich empfinde es als wichtig, zu wissen, wo die eigenen Wurzeln sind, sich zu besinnen, wo man hergekommen ist. Ich will die Leute sehen, ich will ihre Hände halten, ich will mich mit ihnen verbinden, mit ihnen sprechen und nach der Show auch gerne einen Whisky oder ein Bier mit ihnen trinken.
Beeinflusst die Atmosphäre eines Saals deine Songauswahl?
Manchmal ist es tatsächlich so. Wenn ich die Atmosphäre spüre, dann sagt mir mein Gefühl, was dieser Platz braucht. Und dann ändere ich auch schon mal ganz spontan das Programm.
Das heißt, du lässt den Raum ganz bewusst auf dich wirken?
Ja, das muss ich tun. Manchmal betrete ich einen Raum und bin voller Energie, aber der Raum kann das nicht verkraften. Das ist dann zu viel für den Raum, und ich muss mich dann runterfahren. Und manchmal ist es genau umgekehrt.
Du hast über die Jahre viele Konzerte in Deutschland gegeben. Kannst du das deutsche Publikum beschreiben – auch im Vergleich zum Publikum in der Schweiz, wo du lebst?
Das deutsche Publikum unterscheidet sich nicht sehr vom schweizerischen. Und da ich im deutschsprachigen Teil der Schweiz wohne, denke ich, den Vergleich zu haben. Die Deutschen sind vielleicht ein bisschen offener als die Schweizer, die zuweilen etwas Zeit brauchen, auch mal „oh wow“ zu sagen. Das deutsche Publikum öffnet sich schnell. Das ist aber auch der einzige Unterschied.
Du hast beim Festival in Burghausen gespielt, einer Stadt mit einer großen Jazz- und Blues-Tradition. Wie hast du dich da gefühlt?
Das war für mich ein großartiges Erlebnis, dort als diese verrückte nigerianische Frau mit ihrer eigenen Mischung aus Geräuschen aufzutreten. Ich habe von allem etwas – vom Jazz, vom Blues, vom Soul, dazu die Klänge meiner afrikanischen Wurzeln. Und ich war sehr glücklich, dass das Festival mir die Chance gegeben hat, all das auf die Bühne zu bringen. Das hat mich beeindruckt. Und dort treffen sich auch sehr gute Musikhörer. Ich genieße es, vor Leuten zu singen, die mit dem Herzen bei der Musik sind.
Deine Stimme wird oft als „mächtig“ beschrieben. Wann hast du bemerkt, dass deine Stimme dein stärkstes Instrument ist?
Am Anfang sah ich meine Stimme nur als Werkzeug, um für meine Familie zu sorgen. Ich denke, dass ich mir ihrer Kraft erst hier in Europa bewusst geworden bin, obwohl meine Karriere in Nigeria schon Jahre zuvor begonnen hatte. Es ist vielleicht fünf Jahre her, dass ich entdeckt habe, dass meine Stimme etwas hat, was die Menschen heilen kann. Ich wusste, dass da etwas ist, aber ich wusste nicht, dass es meine Stimme ist. Ich dachte, vielleicht ist es mein Charakter, vielleicht meine Energie, meine Ideen. Aber dann habe ich gemerkt, dass es die Stimme ist.
Der Blues ist inhaltlich in der Regel mit Schmerz und Leid verbunden. Was repräsentiert der Blues für dich?
Der Blues ist das, was meine Seele und meinen Geist heilt. Denn wenn du – außer du verstehst nicht, was du tust – den Blues singst, musst du dich mit deiner Seele verbinden. Wenn du das nicht tust, dann bist du einfach enttäuscht und enttäuschend.
Gibt es eigentlich eine Blues- oder Soul-Szene in Nigeria?
Eigentlich gibt es keine, deshalb versuche ich, sie zurückzubringen. In den alten Tagen gab es dort traditionellen Blues, aber er ist längst tot. Und doch gibt es viele Menschen, die tief in ihrem Inneren mit dem Blues leben. Aber weil der Blues in ihrer Umgebung nicht vorkommt, wissen sie nicht, wie sie es nennen sollen, was sie fühlen. Also lassen sie es einfach sein und folgen den Trends in der Gesellschaft. Aber für mich war der Blues da, er war ein Ort der Sehnsucht, und ich wusste, dass ich dieser Sehnsucht folgen musste. Also bin ich nach Europa gekommen, und hier hat sich mir die Tür zum Blues geöffnet. Das war das, was ich brauchte.
Der Blues ist mit geprägt von großartigen Sängerinnen, von Bessie Smith bis zu Etta James. Siehst du dich in deren Tradition?
Ja. Aber das Interessante ist, dass ich nie einen Blues-Mentor hatte, weil es in meinem Leben in Nigeria so etwas nicht gab. Aber ich kannte Leute wie Mariam Makeba aus Südafrika. Sie war für mich ein Idol in der afrikanischen Szene. Und dann war da Aretha Franklin. Und Anita Baker. Whitney Houston war damals die Pop-Seite der Musik. Sie hatte eine tolle Stimme und alle haben mich damals mit Whitney Houston verglichen. Aber als ich nach Europa kam und mich selbst in der Blues-Szene entwickelt habe, fingen die Leute an, mich mit Tina Turner zu vergleichen. Ich kannte Tina Turner nicht, was mir niemand glaubte. Also habe ich mich schlau gemacht. Ich fragte mich: Wer ist diese Frau? Alle sagten mir, ich sei wie sie, ich benehme mich wie sie, ich singe wie sie. Und dann entdeckte ich diese großartige Frau und sagte: „Wow, sie ist brillant.“ Aber es gab auch Etta James mit all ihrer Leidenschaft. Und da war auch Nina Simone. Sie sind alle großartig, und sie singen nicht nur, um dich zu unterhalten. Sie singen von innen mit ihrem ganzen Körper. Das geht direkt ins Herz.
Hat sich die Blues-Szene in den letzten Jahren verändert? Ist sie gerade für Frauen offener geworden?
Ich denke, sie hat sich in den letzten Jahren positiv verändert. Seit mittlerweile 20 Jahren lebe ich in der westlichen Welt, und seit 15 Jahren bin ich in der Blues-Szene unterwegs. In den ersten fünf Jahren habe ich versucht, mich zurechtzufinden. Ich habe viel kommerzielles Zeug gemacht, nur um in das Geschäft einzusteigen. Aber seit 15 Jahren bin ich ausschließlich in der Blues-Szene und im Funk und Soul tätig. Mir ist aufgefallen, dass es am Anfang nicht viele Frauen gab. Ich war eine der wenigen. Aber jetzt, wenn ich auf Tour bin, sehe ich viele Frauen auf der Bühne, und das macht mich glücklich. In der Vergangenheit, in der Zeit von Etta James und Aretha Franklin, gab es einige sehr gute Frauen. Aber dann hat sich etwas verändert, die Männer dominierten mehr und mehr die Industrie. Doch jetzt, denke und hoffe ich, kommen die Frauen wieder zurück.
Arbeitest du an einem neuen Album?
Ja, ich habe mit dem Demo angefangen und denke, dass Keziah Jones mit mir auf dem neuen Album zu hören sein wird. Aber ich habe gerade ein weiteres Album veröffentlicht, ein afrikanisches, denn ich habe seit über 20 Jahren keine afrikanischen Klänge mehr produziert und meine Leute dadurch ein bisschen verärgert. Sie sagten: „Du bist einfach weggegangen, und wir haben nichts mehr von dir gehört. Das ist nicht recht.“ Also habe ich entschieden, afrikanische Musik zu schreiben. Afrikanischen Pop, eine Mischung aus traditionellen Grooves und Afro-Beats.
Justina Lee Brown: Do 26.3., 20 Uhr, Kaiserslautern, Kammgarn, Karten: rheinpfalz.de/ticket; Fr 8.5., 20 Uhr, Karlsruhe, Tollhaus, Karten: www.tollhaus.de
