Ab 19. April
Interview: Bastian Bielendorfer über Gamechanger und Humor
Bastian Bielendorfer erzählt in seinem neuen Comedy-Programm „Gamechanger“ davon, wie sich plötzlich alles ändert: Nicht nur im Großen wie bei der Erfindung des Rades oder des Internets, sondern auch im ganz Persönlichen. Denn irgendwann steht man nicht mehr im Club, sondern im Möbelhaus, nicht mehr im Klassenraum, sondern am Wickeltisch. Mit dem typischen Mix aus Selbstironie, ehrlich gespielter Verzweiflung und entwaffnendem Humor berichtet Bielendorfer etwa davon, wie es ist, wenn die Freunde sich scheiden lassen, während man selbst noch überlegt, ob man überhaupt erwachsen ist. Über „Gamechanger“ sprach Bielendorfer mit Christian Hanelt.
Worum dreht sich Ihr Programm?
Es geht darum, wie fundamental sich unser und damit meine ich auch mein Leben geändert hat. Wir haben durch das Internet propagiert bekommen, dass sich durch dessen Zugang die Durchschnittsintelligenz des Menschen überproportional steigern wird. Doch wenn man überlegt, dass sich ein Großteil der Menschheit KI-generierte Katzenvideos auf der Toilette anschaut, habe ich nicht das Gefühl, dass wir dadurch sehr viel klüger geworden sind. Es laufen sehr viele Dinge auf der Welt schief und mit Social Media ist das nicht unbedingt besser geworden.
Und was war Ihr persönlicher „Gamechanger“?
Naja, mein Auftritt bei „Wer wird Millionär?“ vor 15 Jahren war sicherlich der größte „Gamechanger“ in meinem Leben. Unmittelbar danach hat ein Verlag mein Buch „Lehrerkind – Lebenslänglich Pausenhof“ veröffentlicht, das sich mehrere Wochen in den Bestsellerlisten hielt. Bis dahin war ich Psychologie-Student und dann auf einmal Autor, Komiker, Fernsehmensch. Das hat mein Leben wirklich fundamental verändert.
Zuvor haben Sie aber, wie unter anderem auch Urban Priol, Dieter Nuhr und Johann König, für das Lehramt studiert. Hilft Ihnen die Erfahrung des Studiums, komplexe gesellschaftliche Themen auf der Bühne zugänglich zu machen?
Ich bin ja kein Experte, aber ich weiß etwas vom Verhalten und Erleben des Menschen. Und als guter Komiker beobachtet man Menschen, sich selbst, andere, die Familie und setzt diese Beobachtungen um. Und wenn das für das Publikum sehr gut erkennbar ist, dann ist das meistens auch sehr lustig.
Ihre Kunst lebt dabei stark vom Erzählen, von Schule, Herkunft, digitaler Gegenwart. Wann wird eine biografische Anekdote aus Ihrem Leben zur allgemeinen Geschichte und wann bleibt sie bewusst privat?
Das, was eine gewisse Grenze, die ich mir selbst gesetzt habe, überschreitet. Darüber werde ich niemals sprechen.
Dennoch sind Sie sehr privat, reden im neuen Programm zum Beispiel über Ihre Scheidung und Ihre neue Freundin. Wenig dagegen über Politik.
Ich rede nicht viel über Politik, aber man muss ja nur zur „geisteskranken Mandarine“ ins Weiße Haus gucken, um zu sehen, dass wir an der Apokalypse stehen. Ich bin kein politischer Kabarettist, daher spreche ich eher über die persönlichen „Gamechanger“.
So spreche ich zum Beispiel kurz über meine Scheidung, aber auch über meine neue Lebensgefährtin, die Latina ist und mir jeden Tag versüßt mit ihren Neudeutungen der deutschen Sprache. Letztens meinte sie zu mir: „Ich bin so durcheinander, ich kann mich nie konzentrieren, ich glaube, ich habe ADAC.“ Sie haut nur so Dinger raus, die man sich als Komiker gar nicht ausdenken kann. Und sie serviert mir das auf dem Silbertablett.
Wo verläuft für Sie die Grenze zwischen Offenheit und Selbstentblößung auf der Bühne?
Da, wo ich mich nicht mehr wohlfühle. Ich würde also nicht ins Dschungelcamp gehen. Ich teile keine privaten Details meines Lebens mit dem Publikum, sondern ich dosiere ganz genau, was ich erzähle und was ich nicht erzähle.
Versuchen Sie, auch wenn Sie sich nicht als Kabarettist sehen, Botschaften zu vermitteln?
Ich versuche schon, Botschaften zu vermitteln. Zum Beispiel setze ich mich stark für eine größere Anerkennung von Pflegekräften in der Gesellschaft und Politik ein. Das ist ja ein Job für Idealisten. Alle Menschen, die in der Heilung und Pflege arbeiten, sind chronisch unterbezahlt und haben schreckliche Arbeitszeiten. Meine Mutter ist im Hospiz verstorben. Ich kann nur sagen, dass wir als Familie zerbrochen wären an der Aufgabe der Pflege. Während Corona haben wir gesehen, was Pflegekräfte zu leisten imstande sind, um sie nach Corona gemeinschaftlich wieder zu vergessen. Für mich sind das Real-Life-Superhelden.
Fühlen Sie sich in dem, was Sie sagen, durch den immer weiter um sich greifenden Hang zur Political Correctness eingeschränkt?
Sachen, die man in den USA oder in England auf der Bühne sagen kann, sind in Deutschland eher verpönt. Weil wir hier einfach eine etwas moralischere Wahrnehmung von Humor haben. Und dennoch müssen wir aufpassen, dass wir nicht zu viele Messer anlegen bei dem, was wir sagen dürfen und was nicht.
Sie sind mit dem Programm seit Oktober auf Tour. Entwickelt es sich seither stetig weiter und wird es dann im kommenden Sommer ganz anders aussehen?
Von Oktober bis Dezember habe ich sogenannte Previews gespielt. Das sind Testshows, wo man erstmal alles durchgeht und guckt, was funktioniert, was finden die Leute lustig und was nicht. Und das, wo sie an drei Abenden nicht gelacht haben, fliegt raus.
Wie spontan sind Sie auf der Bühne?
Sehr. Also 30 bis 40 Prozent des Abends sind immer anders. Das gibt jedem Auftritt eine andere Note. Es gibt Comedians, die ihre Programme wie Roboter aufsagen und nicht davon abweichen. Ich könnte das gar nicht. Das Programm verändert sich zwar ständig, sitzt aber nach einigen Auftritten. Dadurch habe ich dann noch mehr Freiheit, zu improvisieren.
Speichern Sie diese spontanen Sachen auch manchmal und arbeiten sie später zu einer Nummer aus?
Tatsächlich liefern mir Leute oft Sachen, die ich dann noch mal aufgreife. Zum Beispiel die Geschichte einer Testamentsvollstreckerin, die 5000 Pornofilme an die Familie des Verstorbenen verteilen musste. Das sind natürlich Geschichten, die sind einfach so herrlich und haben so viel komödiantisches Potenzial – wenn man sich das nur vorstellt: Da sitzen alle und warten darauf, dass Opa Ernst seine schöne Wohnung am Meer weitergibt, und am Ende sind es nur Filme wie „Heute juckt’s in der Lederhose“.
Viele Ihrer Texte entstehen ja aus Alltagsbeobachtungen heraus. Wann merken Sie beim Schreiben, dass der Gedanke eine Nummer trägt oder ob er vielleicht nur eine gute Pointe wäre?
Das merke ich erst durch das Publikum. Aber dafür gibt es ja diese ersten Shows, mit denen man testet. Und die Leute, die zu diesen Previews kommen, wissen, dass das Programm noch nicht fertig ist.
Wie verändert sich Ihr Blick aufs Publikum, wenn Sie merken, dass mehrere Generationen gleichzeitig lachen – vielleicht aus ganz unterschiedlichen Gründen?
Das ist schön für mich. Ich meine, ich habe ein sehr breites Spektrum. Ich habe wirklich Besucher von zehn bis 88 Jahren. Das ist ein großer Segen, denn ich bin keine Boyband, bei der das Publikum aus dem Programm herauswächst. Ich freue mich immer sehr, wenn ich sehe, dass so viele Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen zu meinen Shows kommen.
Was muss ein Abend haben, damit Sie sagen, „es war ein guter Abend“?
Wenn 95 Prozent der Leute glücklicher und fröhlicher aus der Vorstellung gehen, als sie reingegangen sind.
Bastian Bielendorfer: »Gamechanger« – So 19.4., 18 Uhr, Trier, Europahalle; Sa 16.5., 20 Uhr, Saarbrücken, Congresshalle; Sa 30.5., 20 Uhr, Landau, Jugendstil-Festhalle; Sa 20.6., 20 Uhr, Pirmasens, Festhalle; So 20.9., 18 Uhr, Mannheim, Rosengarten, Tickets: eventim.de
