Mannheim / Landau
„Ich bin Deutscher mit Abschiebeoptik“: Abdelkarim im Interview
Und der Gewinner ist ... – Abdelkarim. Dem gebürtigen Bielefelder mit „Migrationsvordergrund“ wird am 14. März im Mainzer Unterhaus der Deutsche Kleinkunstpreis in der Kategorie Stand-up-Comedy verliehen, weil er, so die Begründung der Jury, „auf sich, sein Umfeld und die ganze Welt mit ostwestfälischer Gelassenheit und analytischer Schärfe schaut. Ob Konflikte im Nahen Osten, Homophobie oder Alltagsrassismus, den er oft selbst erlebt – seine Geschichten mitten aus dem Leben transportieren zugleich die aktuellen Themen unserer Zeit. Mal subtil, mal schonungslos und immer mit dem großen Ziel der Völkerverständigung. Seit seinem Bühnendebüt 2007 beweist Abdelkarim wie kaum ein anderer, dass Stand-Up-Comedy nicht nur witzig, sondern auch politisch und gesellschaftlich relevant sein kann.“ Christian Hanelt sprach mit Abdelkarim über den Preis und anderes.
Was bedeutet Ihnen persönlich dieser Deutsche Kleinkunstpreis? Bestätigung, Ansporn oder Verpflichtung?
Hauptsächlich bedeutet er erst einmal eine große Ehre und eine noch größere Freude. Der Deutsche Kleinkunstpreis bedeutet aber auch Verpflichtung, und er wird mein Leben hier und da nachhaltig verändern. Mein Nachbar zum Beispiel hat mir gesagt, dass ich ab heute für Fotos ein Hemd anziehen muss.
Was, glauben Sie, hat die Jury in Ihrer Arbeit entdeckt, das andere zuvor übersehen haben?
Gute Frage.
Preise binden Künstler oft in eine Tradition ein. In welcher Tradition sehen Sie sich?
Ich sehe mich in der Tradition der Menschen, die gerne beobachten, was passiert, wenn Menschen, die sich nicht kennen, zu lange gemeinsam an einer kaputten Ampel stehen.
Spüren Sie nach einer solchen Anerkennung auch Erwartungsdruck?
Um Gottes willen, jetzt bloß keinen Erwartungsdruck und bloß nicht versuchen, alles anders zu machen! Nicht dass es irgendwann noch heißt: „Der Preis hat ihn verändert ...“
Sie thematisieren Migration, Herkunft, Klassenfragen und Zugehörigkeit, ohne je in Betroffenheitsrhetorik zu verfallen. Wie gelingt dieser Balanceakt?
Humor hilft, Abstand zu halten, aber trotzdem genau hinzuschauen. Ich bin ein großer Fan davon, dass es auch bei ernsten Themen, soweit möglich, leicht bleibt.
Wie würden Sie selbst Ihren Humor definieren?
Selbstbeschreibung war noch nie meine Stärke. Aber was ich auf jeden Fall sagen kann, ist, dass ich Geschichten super finde, die so, wie sie passiert sind, auch 1:1 auf der Bühne funktionieren.
Wie oft erleben Sie, dass Ihr Humor anders rezipiert wird, je nachdem ob Menschen Sie als Marokkaner oder Deutschen sehen?
Die Zuschauer merken bei mir schnell: Für mich gibt es kein „Oder“. Ich bin Deutscher mit Abschiebeoptik. Deutscher und Marokkaner gleichzeitig, je nachdem, wer gerade vor der Tür steht. Ab und zu ist es aber so, dass Menschen mit Migrationshintergrund meine Geschichten sofort glauben und laut lachen, weil sie ähnliche Erlebnisse hatten, während die urdeutschen Zuschauer zwar auch lachen, mich aber nach der Show fragen: „Saßen Sie als Kind wirklich von Deutschland bis Marokko drei Tage im Kofferraum?“
Wie viel Herkunftsthematik ist Ihnen heute noch wichtig? Und was wollen Sie hinter sich lassen?
Da sogar der aktuelle Bundeskanzler – unser aller Bundespascha – auch noch im Jahre 2025 Menschen gerne nach Herkunft und Aussehen sortiert, wird Herkunft wohl auch in Zukunft zu den Themen gehören, die es auf die Bühne schaffen. Mal mehr, mal weniger. Und machen wir uns nichts vor, die Herkunftsfrage sollten sich eigentlich viel mehr Menschen stellen. Ich zitiere da sehr gerne einen sehr guten Freund. Ali sagt immer: „Wenn du im Leben Erfolg haben willst, stell dir drei Fragen: Woher komme ich? Wohin will ich? Und sind Kontrolleure im Zug?“
Welche Missverständnisse über das „Deutschsein“ nutzen Sie für Humor?
Da gibt es einige Missverständnisse. Angeblich sind die Deutschen pünktlich, aber ausgerechnet die Deutsche Bahn hat zelebrierte Unpünktlichkeit als Markenzeichen. Angeblich geht in Deutschland nichts ohne Regeln, aber irgendwie hat jede Regel 37 Ausnahmen. Angeblich sind Deutsche diplomatisch, aber in einem Meeting den Satz raushauen „Guter Gedanke, aber lass uns mal schauen, was wir sonst noch auf dem Tisch haben“, ist jetzt nicht so diplomatisch.
Wie politisch ist Ihre Comedy? Und wie politisch muss sie sein, gerade in Zeiten, in denen Polarisierung zunimmt?
Unterschiedliche Menschen, unterschiedliche Erwartungen, kaputte Schultoiletten, ein günstiges Fahrticket, das immer teurer wird, Moscheebau, Straßenbahn-Gespräche, Weihnachtsessen. Comedy, die über das Leben spricht, ist immer auch politisch, mal mehr, mal weniger. Nach meiner Meinung muss Comedy aber nicht politisch sein. Man kann auch ausschließlich unpolitische Themen anpacken, und es kann trotzdem sehr lustig sein. Wenn wir schon den Luxus haben, uns ab und zu ablenken zu können, dann sollten wir das auch tun.
Sie sind ein präziser Beobachter sozialer Räume. Recherchieren Sie bewusst oder reicht der tägliche Blick auf die Straße?
Der tägliche Blick auf die Straße ist eine große Quelle. Wenn mich aber eine Beobachtung oder ein Thema richtig interessiert oder ein bisschen aus der Bahn wirft, recherchiere ich auch.
Was halten Sie von „Political Correctness“ in der Comedy? Ist sie hinderlich oder ein kreativer Stimulus?
Political Correctness (PC) ist wie ein korrekt geparkter SUV: zeigt guten Willen, steht aber trotzdem im Weg. Das ist vollkommen okay. Im schlimmsten Fall muss man dann halt mal einen kreativen Weg finden, über ein Thema zu reden. Und man kann sogar über PC Witze machen. PC ist nämlich eine große Kommode mit unzähligen Schubladen. Viele Schubladen beinhalten nachvollziehbare und berechtigte Anliegen, einige Schubladen sind zu gut gemeint.
Wie erleben Sie Publikumsreaktionen in verschiedenen Regionen Deutschlands? Gibt es Orte, an denen Witze anders funktionieren?
Ich achte ab und zu darauf, gerade, weil die Frage so oft kommt. Mir sind keine Unterschiede aufgefallen.
Wie verändert Social Media das Verhältnis zwischen Künstler und Publikum?
Social Media hebt die Distanz auf. Der Künstler ist nicht mehr nur der Typ auf der Bühne, sondern auch der Typ, der zwischen Katzenvideos und Motivationssprüchen auftaucht. Das Publikum ist nah dran und sogar ein bisschen Teil des kreativen Prozesses, weil es liked, kommentiert und kritisiert. Das Publikum kann den Künstler oder die Künstlerin direkt erreichen, und wenn der oder die Betreffende etwas loswerden will, erreicht er sofort sein Publikum. Das sind Vorteile. Social Media hat für alle Beteiligten aber auch einen großen Nachteil: Der Laden ist immer auf. 24 Stunden, sieben Tage die Woche, einfach immer.
Welche Begegnung hat Ihren künstlerischen Weg deutlich beeinflusst?
Da gibt es einige. Heute fällt mir als Antwort Georg ein. Er war der Veranstalter der offenen Bühne im Wohnzimmertheater Köln. Da hatte ich meinen allerersten Auftritt und ich bin mir immer noch sicher, dass der Auftritt nicht gut war. Ich habe mir sogar nach dem Auftritt – noch auf der Bühne – gedacht: „Comedy als Hobby ist ja auch okay“. Nach der Show hat mir Georg aber zum Glück gesagt, dass es für den allerersten Auftritt gut war und ich da immer wieder auftreten kann. Das hat mich definitiv motiviert, so schnell wie möglich wieder aufzutreten.
Wenn Sie diese Auszeichnung nutzen könnten, um eine einzige Botschaft zu senden, welche wäre das?
Guckt Nachrichten, seid informiert, alles gut! Aber wir sollten eins nicht vergessen: Nachrichten zeigen in erster Linie, was schiefläuft. Sie berichten über den Bankraub, nicht über die 10.000 Leute, die legal Geld abgehoben haben.
Termin
Abdelkarim: „Plan Z. Jetzt will er’s wissen“ – Do 22.1., 20 Uhr, Mannheim, Capitol; Sa 24.1., 20 Uhr, Frankfurt/Main, Jahrhunderthalle; So 25.1., 20 Uhr, Ingelheim, Kultur- und Kongresshalle King; Sa 21.2., 20 Uhr, Landau, Universum-Theater; Tickets jeweils: www.eventim.de
