Wandern im Odenwald
Entschleunigt auf den Spuren der Römer: Marspfad bei Walldürn
Wer kann da schon widerstehen? Auch wenn es mir irgendwie kindisch und albern vorkommt, lasse ich es mir nicht nehmen, hinter der römischen Fotowand zu posieren. Der schöne Spaziergang bis zu dieser Familienattraktion hat Laune gemacht – das Erinnerungsbild muss sein, albern hin, kindisch her! Vor gut zwei Stunden sind wir in Glashofen-Neusaß bei Walldürn aufgebrochen. Eine geschwungene Wellnessbank markiert auf dem kleinen Wanderparkplatz am Ortsrand Start und Ziel des Marspfads, gesäumt von einer Wandertafel und dem Nachbau einer römischen Holzpalisade.
Schon sind wir mittendrin in der römischen Geschichte der Region: Holzpalisaden wie diese befestigten einst hier den obergermanisch-raetischen Limes. Seinem Verlauf folgen heute Wanderwege, die manche Reste des Grenzwalls erschließen und ihn anhand von Nachbauten dokumentieren. So auch der Marspfad, der kürzeste und leichteste der sechs „Römerpfade“ im Odenwald, auf denen mit einem Stempelpass Nadel und Urkunde erwandert werden können.
Wer ihn mit strammem Wanderschritt durchmisst, wird kaum eine Stunde brauchen. Weil wir aber die Rastmöglichkeiten unterwegs nutzen, um in der Stille der Natur immer wieder einmal für eine Weile die Seele baumeln zu lassen, füllt die Strecke uns nahezu den ganzen Nachmittag.
Gemütlich schlendern wir los, folgen dem roten „R“ für Römerpfade, genießen den sonnigen Tag und sind gespannt, was uns unterwegs erwarten wird. Zunächst führt ein tischebener, asphaltierter Feldweg schnurgerade am Waldrand entlang. Der Blick schweift nach links über Felder und Wiesen, bis rechts ein imposantes Solarfeld die Aufmerksamkeit auf sich lenkt.
Zwischen senkrecht aufgestellten, beidseitig nutzbaren Modulen weiden Schafe. Die sogenannte Agri-Photovoltaikanlage erscheint ungewöhnlich, wird aber von den Betreibern als „Win-Win-Projekt für Landwirtschaft, Klima und regionale Wertschöpfung“ gefeiert. Pro Jahr sollen mit dem hier erzeugten Solarstrom rund 2700 Tonnen Kohlendioxid-Emissionen vermieden werden. Hier weicht römische Vergangenheit erst einmal der Zukunft.
Hinter dem Solarpark tauchen wir in den Wald ein – und machen schon eine erste Pause an einer hübschen Schutzhütte, bevor es zur ersten Sehenswürdigkeit des Marspfads geht: zum „Altar für Mars und Victoria“. Eigentlich ist es nur ein Stein mit Inschrift, eine Nachbildung des Originals obendrein, das in Walldürn gefunden und dort im Stadtmuseum gezeigt wird. Aber interessant ist die Geschichte dahinter: Die Weihinschrift belege die Errichtung eines Tempels mit Standbildern des Kriegsgottes Mars und seiner Begleiterin, der Siegesgöttin Victoria, lesen wir auf einem Schild. Eine einladende Bank gibt es hier überdies ...
Nach einer weiteren Pause überqueren wir die schmale Straße nach Glashofen, folgen der Markierung gegenüber in den Wald und spazieren über breite Naturwege und schmale Pfade. Im scharfen Winkel geht es links ab zu weiteren Zeugen antiker Zeiten.
Benachbart von moosbewachsenen Mauerresten eines Limes-Wachturms reihen sich dicke Baumstämme zur meterbreiten, nachgebauten Palisade aneinander: Der „Wachtposten Steinernes Haus“ nebst Infotafel lässt die Dimensionen der damaligen Grenzbefestigung eindrucksvoll erahnen.
Nun liegt etwa die Hälfte des Wegs hinter uns. Leichtfüßig laufen wir weiter, gelangen wieder zur Straße, folgen ihr wenige Meter nach rechts, um dann auf der anderen Seite in den Wald einzubiegen und die letzte ausgewiesene Attraktion anzusteuern: besagte römische Fotowand.
Vorbei ist die interessante Tour allerdings noch nicht, denn zurück in offener Landschaft treffen wir auf alte Wegkreuze, bieten sich herrliche Ausblicke übers Land und obendrein Kunsterlebnisse: Der 1956 in Heidelberg geborene Künstler Rainer Englert wohnt und arbeitet in Neusaß, wovon eine originelle Fassadengestaltung und Skulpturen am Weg zeugen, der ein paar hundert Meter weiter am Ausgangspunkt endet.
Römerpfade im Odenwald
Marspfad bei Walldürn
Der Marspfad ist mit rund fünf Kilometern auf ebenen Wegen eine leichte Spazierwanderung. Einkehrmöglichkeiten gibt es in Walldürn, wo auch ein Ferienhof und eine Jugendherberge günstige Übernachtungsmöglichkeiten bieten. Übernachtungstipp: Landgasthof Linkenmühle in Walldürn-Rippberg (ab 66 Euro pro Person im Doppelzimmer mit Frühstück). Der Gasthof liegt idyllisch am Waldrand und hat einen schönen Biergarten. Infos: 06286 283, gasthof-linkenmuehle.de
Sechs Pfade, sechs Götter
Im Odenwald erschließen sechs Rundwege mit unterschiedlichen Längen und Schwierigkeitsgraden Spuren römischer Geschichte der Region. Neben dem Marspfad sind das die Minervatour in Elztal (7,5 km); der Jupiterweg von Mosbach nach Neckarburken (kein Rundweg, 7,3 km vom Museumshof in der Mosbacher Altstadt durchs ehemalige Landesgartenschaugelände); der Venuspfad bei Limbach (8,1 km); der Merkurpfad bei Osterburken (9,8 km) sowie der Herkulespfad bei Buchen (14 km). Die sechs Römerpfade wurden jüngst wieder mit dem Siegel des Deutschen Wanderverbandes „Kurzer Qualitätsweg Wanderbares Deutschland“ ausgezeichnet. An jedem Weg findet sich eine Stempelstelle für einen Pass, der online oder bei den Tourist-Informationen vor Ort erhältlich ist. Wer an fünf von sechs erwanderten Römerpfaden Stempel gesammelt hat und den Wanderpass einschickt, bekommt eine Urkunde und eine Wandernadel.
Kontakt: Touristgemeinschaft Odenwald, Neckarelzer Straße 7, 74821 Mosbach, info@tg-odenwald.de, Tel. 06261 841390; Infos: www.roemerpfade.de
