Kunst und Grossindustrie
Die Mega-Maschine und die Frage nach dem Menschen: Ein Besuch in der Völklinger Hütte
Der Kerl hat beängstigende Dimensionen. Zehn Meter hoch ragt er vor einem auf, breit, kolossal, wuchtig, Beine wie Baumstämme. Drohend ist sein Gorilla-Gesicht dem Industrie-Leichnam der Kokerei der Völklinger Hütte vis-à-vis zugewandt, als gelte es, ihr Wiederaufleben und das des gesamten Werkes zu verhindern.
„King Kong“, geschaffen von Otmar Hörl, ist der spektakuläre Schlusspunkt der kilometerweiten Tour durch das 1986 stillgelegte Roheisenwerk im saarländischen Völklingen. Und es ist, als bündele der schwarze Riese dort, im sogenannten „Paradies“, vieles, was einem auf den Wegen durch die Eisenlabyrinthe und die reichen künstlerischen Kontrapunkte dieser Unesco-Weltkulturerbestätte durch den Kopf gegangen sein mag. Das erdrückend Monumentale der Industrieanlage, die verschwindende Kleinheit und Bedeutungslosigkeit des Einzelnen in ihrem Räderwerk, der Kampfschauplatz zwischen Mensch und Natur, der – siehe „Paradies“ – ökologische Sündenfall. Auch zur aktuellen Afrika-Ausstellung im Gebläsehaus stellt King Kong – obwohl schon länger hier auf Wache – Bezüge her.
Der Besuch in der Völklinger Hütte, heute Industriedenkmal und Kulturraum mit großer Strahlkraft, setzt Gedanken in Bewegung. Denn die Kunstakzente, mal geballt, oft wie beiläufig in den Raum gestellt, transformieren die kolossale Maschinerie mit ihren bizarren, wie zu einer anderen Welt gehörenden Formspielen zur Mega-Installation, die mitten ins Herz der Epoche der industriellen Revolution zielt und nach dem Ort des Menschen darin fragt.
Glück auf in Oshiwambo-Sprache
Stunden zuvor: Erstmal tief Luft holen. Angekommen auf dem riesigen Parkplatz ist einem schon bewusst, dass man Gewichtiges vor der Brust hat – Großindustrie im Breitwandformat und weite Wege in die Länge, Breite, Höhe. Als Eingang dient der turmhohe Wasserhochbehälter von 1917/18, hinter dem man das bizarre Rost-Panorama der Hochöfen mit ihren Rohrleitungen, Förderanlagen, Gitterkonstruktionen und Schornsteinen aufragen sieht. Dass an der Kasse gerade die Technik streikt, lässt schmunzeln. „Kartenzahlung geht im Moment nicht“, bedauert die Ticketverkäuferin, die schon ungeduldig auf den Service wartet. Aber Bargeld ist da, und an ermäßigtem Eintritt gibt es nichts zu meckern.
Nun gilt es – Glück auf. Die Maschinenwelt öffnet sich dem Besucher über das Pumpenhaus – wo ihm auf dem Weg über eine Metallbrücke die Ohren aufgehen. Nicht von Maschinenlärm, den gibt es hier nicht mehr, sondern vom berühmten „Steigerlied“ – aber mit neuem Text von einem nigerianischen Männerchor in der Bantu-Sprache Oshiwambo gesungen. Der Gesang, das Klangerlebnis – es ist einfach nur schön! Viele bleiben überrascht und angerührt stehen. Die Schönheit reißt aber Bitteres an, die Wunden aus der Ausbeutung von Land und Menschen in Afrika. Die Soundinstallation des Nigerianers Emeke Ogboh öffnet Köpfe und Herzen für das, was folgt: Die Ausstellung „The True Size of Africa“ in der Gebläsehalle.
Der wahren Größe Afrikas entspricht die wahre Größe dieser Ausstellung – wer sie erfasst, fühlt sich fast erdrückt von dieser Phänomenologie eines Kontinents. Das Dämmerlicht, von Screens, Bildschirmen und Lichtinseln um die Exponate gemustert, dämpft den Eindruck ein wenig, hilft, sich zu fokussieren. Was nicht einfach ist, denn der gehaltvolle Dialog der Exponate mit den Maschinen in dieser Riesenhalle wird auch zum Ringen um Aufmerksamkeit in Anbetracht überbordender Schauwerte.
So pendelt der Blick zwischen Mumiensarkophagen und Schaltschränken, Kunsthandwerk und gewaltigen Rohrleitungen, Installationen und den atemberaubenden, sechs Meter durchmessenden Schwungrädern, die früher die Verbrennungsluft in die Hochöfen gepresst haben. Derweil reist man im „Museum of Memorability“ durch die Geschichte des geschundenen Kontinents – Menschheitserwachen, Pharaonenreiche, Kolonialismus. Vieles verstört. Da hängt etwa ein nüchterner Plan von der Decke, der zeigt, wie die größtmögliche Zahl an Sklaven in ein Schiffsunterdeck gepfercht werden kann. Schon werden die Maschinen symbolhaft zum Räderwerk der Ausbeutung – auch Erze aus dem Süden Afrikas, so erfährt man, wurden hier zeitweise verhüttet.
Die Kunst Afrikas tritt dem frei und selbstbewusst gegenüber – auffällig die raumgreifende Installation von Roméo Mivekannin „The Souls of Black Folk“, die 68 Porträts bedeutender schwarzer Künstler, Politiker, Menschenrechtsaktivisten von der Decke herabhängen lässt, alle gemalt aus Textbahnen aus W.E.B. DuBois’ gleichnamigem Buch von 1903, einem frühen Fanal der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Insgesamt 26 Künstlerinnen und Künstler setzen in der Halle und weiteren Räumen mit Gemälden, Installationen, Videos, kreativem Reichtum auf der Höhe der Zeit dem europäischen Blick souverän ihre Sicht auf die Welt entgegen und bringen ihren Kontinent zum Sprechen.
Nach dieser Sinnesreise durch die Welten Afrikas geht es tiefer ins Innere des Werks auf der anderen Seite der Zufahrtsstraße, dort warten Sinteranlage, Möllerhalle, Erzhalle, Hochöfen und vieles andere – ein mehrstöckiger Eisen-Irrgarten, treppauf, treppab, über Gitterböden und metallbeplankte Stege, eiserne Freitreppen. Wie hieß es an der Kasse: Gut sieben Kilometer Wegstrecke sind zu bewältigen. Die Beschilderung hält den Besucher auf dem Hauptweg, der immer auch einlädt zu Ab- und Umwegen.
Die Frage nach dem Menschen
Die Frage nach dem Menschen – sie stellt sich immer wieder in diesen Orten harter, schwerer Arbeit in zum Teil höhlenartigen Räumen wie etwa in der Sinteranlage. Und natürlich kann ein Denkmal nicht alles konservieren, was zur Präsenz gehört. Den ohrenbetäubenden Lärm, die Gluthitze, die Vibrationen muss die Fantasie beisteuern. Tief unter die Haut geht ein Blick auf düstere Kapitel der Hütte. In der Sinteranlage – 1928 erbaut und damals eine der größten Europas – stößt man in einer dunklen Raumecke auf eine Installation des Pariser Erinnerungskünstlers Christian Boltanski (1944-2021). Zahllose rostige Archivkästen, akkurat übereinandergeschichtet, schaffen bedrängend schmale Durchgänge zu einem Haufen zerlumpter Arbeitskleidung. Beim Durchschreiten der beklemmenden Gassen erhebt sich gespenstisches Geflüster. Es sind Namen, die hier wie aus Grüften zu vernehmen sind, Namen derer, die hier in zwei Weltkriegen als Zwangsarbeiter geschuftet haben und von denen nur die Namen und die leeren Hüllen ihrer einstigen Präsenz geblieben sind. Über 12.000 Männer, Frauen und Kinder waren betroffen, 261 starben, darunter 60 Kinder und Kleinkinder, wie man vor Ort erfährt. Boltanskis „Die Zwangsarbeiter“ ist ein Erinnerungsort, der emotional anrührt und nachhallt.
Die Geschichte des Werks, die bis ins Jahr 1873 zurückreicht (siehe „Stichwort“), wird im übrigen an vielen Orten Thema. Dokumentarisch in der reichhaltigen Videoinstallation „Bewegung. Macht. Geschichte“ im Wasserhochbehälter, künstlerisch verdichtet in Remy Morkowitschs spektakulärer Totalinstallation „We all (except the others)“ mit Videoprojektionen auf Boden, Decke und Wänden und mit gespielten Filmsequenzen. Beides geschaffen anlässlich des Jubiläums 150 Jahre Völklinger Hütte vor zwei Jahren.
Auf den weiteren Wegen durch die Innereien der Hütte tritt zwar das Industriedenkmal vor die Kunst, die sich gleichwohl verlässlich in Erinnerung bringt. Etwa in der lichteren Möllerhalle mit ihren Kavernen, wo der „Möller“, das Rohstoffgemisch für die Hochöfen, gelagert wurde. Dort stößt man am Ende auf das Bild einer Gruppe fröhlicher schwarzer Jugendlicher – „Black is beautiful“, gesprayt von Jef Aérosol und verblieben von einer früheren Urban Art Biennale. Die Halle, ein Schauplatz dieses zweijährigen Festivals der Streetart, zeigt bei genauerem Hinsehen weitere Spuren des kreativen Sich-Austobens der Sprayer. Untergründig bleibt das Thema Afrika, das Thema Mensch, präsent, gewollt oder zufällig – oder weil der Blick von der Ausstellung eingenordet ist. So kommt einem auch bei der Pyramide aus Bauhelmen, von Icy & Sot als Ode an Arbeiterinnen und Arbeiter aller Zeiten aufs Dach der Erzhalle gestellt, wieder Afrika in den Sinn.
Grandioser Ausblick
Unter der Hochofengruppe angelangt – dort sind gerade Bauarbeiten im Gange – geht es nur mit Helm weiter, etwa dorthin, wo das glutflüssige Eisen aus dem Hochofen abgestochen und zum Abfluss in Bodenrinnen geleitet wurde, einer der heißesten und gefährlichsten Arbeitsplätze im Hüttenwerk. Ein besonderes Bonbon wartet hier auf die Besucher, denn von hier ranken sich Freitreppen um den Hochofenbehälter – einen von insgesamt sechs, erbaut zwischen 1883 und 1916 – und seine Aggregate und Anbauten hinauf zur Gichtbühne, die alle Hochofen verbindet. Dort fasziniert eine Aussichtsplattform mit grandiosem Blick über die Anlage in 47 Metern Höhe – Schwindelfreiheit wäre angeraten.
Und dann wartet am Ende hinter der Kokerei dieser ganz besondere Ort, der so vielversprechend „Paradies“ genannt wird; denn hier darf sich die Natur zurückerobern, was ihr genommen wurde, hier, wo mit der Kokerei die „Hölle“ in Betrieb war. Maschinenungetüme zeugen noch davon wie die meterhohe, klotzige Kokskohlenstampfmaschine, auf Schienen gesetzt, in deren Gleisbett nun Gras und Sträucher wuchern dürfen. Hier, wo Steinkohle zu Koks für die Befeuerung der Brennöfen verarbeitet wurde, sollen die schwersten, belastendsten Arbeitsplätze im Werk gewesen sein, erfährt man.
Drumherum ist ein großer Garten entstanden, hier Park, dort wuchernde Wildnis, Grünanlagen, ein zugewachsener Teich zwischen alten Betonwänden, ein durch Büsche und Sträucher geschnittener Spazierweg, alles wie beiläufig mit Kunst aus früheren Urban Art Biennalen betupft. Ein mit floralen Mustern zerschnittenen VW-Golf etwa, geschaffen von Dan Rawlings, oder das ikonische überdimensionale Porträt einer Marokkanerin des Graffiti-Künstlers Hendrik Beikirch – von ihm stammt auch das gut 600 Quadratmeter große Porträt des früheren Hüttenarbeiters Kaya Urhan an der Fassade der Saarstahl-Werkhalle, an der man bei der Einfahrt zur Völklinger Hütte vorbeikommt, ein Wahrzeichen des Areals und Reverenz an die Menschen aus vielen Ländern, die hier gearbeitet haben. Und aus verfallenden Schuppen, Garagen oder dem Sockel eines abgerissenen Schornsteins grüßt durch offene oder fehlende Türen kreativer Geist, der hier Malerei aller Arten in Kontexten des Verfalls hinterlassen hat. King Kong hat das Areal fest im Blick, das hier wirkt wie eine Kulisse aus einem Endzeitfilm. Vielleicht kommt ja jetzt Mad Max um die nächste Ecke?
Stichwort: Völklinger Hütte
Geschichte: Gegründet 1873 von Julius Buch, wird das Werk 1881 übernommen von den Gebrüdern Carl und Theodor Röchling. 1890 sind die „Röchling’schen Eisen- und Stahlwerke“ bereits der größte Eisenträgerhersteller Deutschlands. Ab 1926 ist Carls Sohn Hermann Röchling alleiniger Geschäftsführer. Er stellt das Werk ab 1936 in den Dienst der NS-Politik, setzt ab 1940 Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene ein und wird später als Kriegsverbrecher verurteilt. 1956 erhielt die Familie Röchling das Werk nach Jahren französischer Verwaltung zurück. In der Nachkriegszeit profitiert die Hütte vom Bauboom, 1965 beschäftigt sie 17.000 Menschen. Zehn Jahre später beginnt mit der Stahlkrise der Niedergang. 1986 wird die Hütte stillgelegt und unter Denkmalschutz gestellt. Seit Anfang der 90er Jahre ist sie für die Öffentlichkeit zugänglich, seit 1994 wird sie von der UNESCO als Weltkulturerbe anerkannt. Seither ist sie Industriedenkmal und Ort großer kultureller Veranstaltungen.
Öffnungszeiten: Bis Ende März täglich 10-18 Uhr (Paradies und Hochofengruppe 10-17.30 Uhr), von April bis November jeweils eine Stunde länger, Café 11-18 Uhr, Frühstück ab 10 Uhr nach Voranmeldung
Führungen: Öffentliche Führungen durch die Anlage gibt es Mo-Fr 11.30, Sa/So 15 Uhr, Führungen durch die Ausstellung „The True Size of Africa“ Sa/So 11.30 Uhr; Individual- und Gruppenführungen können auch separat gebucht werden.
Info: Die Homepage https://voelklinger-huette.org informiert umfassend über die Hütte und ihre Geschichte, das Veranstaltungsprogramm, Anfahrtswege, Angebote für Besucher. bke
