Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Andy Kuntz über Rockoper „Last Paradise Lost“

Vertreibung aus dem Paradies: Andy Kuntz als Erzengel (vorne Mitte) mit weiteren Akteuren in einer Szene der Rockoper „Last Para
Vertreibung aus dem Paradies: Andy Kuntz als Erzengel (vorne Mitte) mit weiteren Akteuren in einer Szene der Rockoper »Last Paradise Lost«.

Die Uraufführung der Rockoper „Last Paradise Lost“ am Pfalztheater in Kaiserslautern wurde vom Publikum frenetisch gefeiert. Im Interview eröffnet Hauptdarsteller Andy Kuntz einen Blick hinter die Kulissen des Stücks.

Bisher waren es Fantasy- und Mystik-Stoffe, die du mit Vanden Plas für Konzeptalben und mit deinem Keyboarder Günter Werno als musikalischem Leiter für die Bühne umgesetzt hast. Wie seid ihr jetzt auf den biblischen Stoff, ein wortgewaltiges Versepos von John Milton aus dem 17. Jahrhundert um die Vertreibung aus dem Paradies, als Inspiration für eine Rockoper gekommen?
Das war die Idee von Pfalztheater-Intendant Urs Häberli. Er kam nach dem großen Erfolg von „Everyman“ auf mich zu und signalisierte Interesse, eine weitere Auftragsarbeit an Vanden Plas und somit das Komponistenteam Werno, Kuntz, Lill zu vergeben. Anfangs waren einige Themen im Pott. Es haben sich dann schnell drei Favoriten herauskristallisiert. Das Llibre Vermell de Montserrat, Odysseus und Paradise Lost. Nach eingehender Prüfung der Stoffe haben wir uns als Grundlage unserer neuen Rockoper recht schnell für den epischen Gedichtband von John Milton entschieden. Wir denken, dass uns ein Thema, in dem es um den großen Kampf um den Himmel, Luzifers Fall, seinen infernalen Flug zur Erde bis hin zu der Verführung von Adam und Eva, welche dann in der Erbsünde gipfelt, irgendwie am besten zu Gesicht steht. Hier hatten wir sofort Bilder vor Augen, die wir mit unserer Musik und Lyrik gerne umsetzen wollten.

Ihr habt inhaltlich mit einer gewissen Endzeitstimmung den Bogen zur Postmoderne geschlagen. Ist das die zentrale Botschaft des Werks – die Schöpfung zu schützen, bevor es zu spät ist ?
Es ist interessant, dass du das fragst. Tatsächlich scheint dieses Thema in einigen der Songs durch, genauso wie auch ein Bezug zur aktuellen pandemischen Lage. Dies sind zeitgeistliche Anklänge – metaphorische Textpassagen, die auf unsere momentane Situation hinweisen jedoch nicht das Werk, welches zugrunde liegt, in seiner Substanz verraten. Unsere Rockoper soll kein Mahnmal sein. Der Zuschauer darf das, was er sieht und hört, gerne selbst interpretieren. Dazu habe ich die Handlung in einer zeitlich fiktiven Ebene irgendwo in der Zukunft angelegt. Vielleicht nachdem die Menschheit durch ein Virus komplett ausgelöscht wurde… Wie könnte ein weiterer Neuanfang aussehen. Wäre es ein Film hätte man Ihn sicher auch „Paradise Lost 2.0“ betitelten können.

Spiegelt das Stück dein ganz persönliches Empfinden? Wie gehst du mit existenzieller Bedrohung durch Klimakrise, Artensterben und Pandemie um?
Das sind Themen, die mich sehr bewegen. Sie stecken als Bilder natürlich auch in diesem Stück. Weil dieses Stück genau durch dieses Zeitgeschehen auch geprägt wurde. Aber ich sehe es – anders als Milton – nicht als meine Aufgabe an, es zu einem Politikum zu machen.

Ist dieser Bogen von der Bibel zur Postmoderne der „Trick“, mit dem alten Stoff Menschen von heute anzusprechen? Oder wie schafft man es ganz allgemein, ein Werk aus dem 17. Jahrhundert in moderne Rockmusik zu übersetzen und zugleich Menschen mitzunehmen, die weder eingefleischte Rockmusik-Fans sind noch mit John Milton viel anzufangen wissen?
Wenn Geschichten Bilder in uns auslösen, dann sind wir in der Lage, diese musikalisch in Szene zu setzen. Das ist ganz unabhängig vom Stoff. Wir denken viel weniger strategisch als künstlerisch. Wenn die eigene Idee wie bei unserer ersten Rockoper 2006 „Abydos“ oder beispielsweise die Dumas-Romanvorlage für unseren „Christ 0“ uns dazu treibt, eine gute Storyline zu erdenken und tolle Musik zu schreiben, ist das Thema fast zweitrangig. Bei „Last Paradise Lost“ war es dann halt mal ein 10.000-Verse-Epos in Mittelenglisch und in Jamben gereimt ...

Ihr habt die Rockoper in Zusammenarbeit mit dem Tiroler Landestheater Innsbruck und dem Theater Münster geschaffen. Wie kam es dazu und wie sieht diese im Detail aus?
Um ehrlich zu sein, sind die Theater Kooperationspartner, auf die wir sehr stolz sind. Das haben wir uns durch tolle Leistungen in der Vergangenheit, denke ich, verdient. Erschaffen haben Günter Werno, Stephan Lill und ich dieses „Monster“. Es hat vom Start bis zur Fertigstellung über drei Jahre gedauert. Großen Anteil an dieser Schöpfung haben dann natürlich noch Regisseur Johannes Reitmeier, welcher das Stück mit mir zusammen konzeptioniert hat, Thomas Dörfler, der für das Bühnenbild, und Michael D. Zimmermann, welcher für Kostüme verantwortlich zeichnet. In diesem Team hat jeder für seinen Bereich geholfen, den richtigen Outlook zu erschaffen.

Nicht nur die Zusammenarbeit mit Regisseur Johannes Reitmeier hat sich bei den Vanden-Plas-Rockopern ja seit Jahren bewährt. Mit Randy Diamond und Astrid Vosberg zum Beispiel stehen dir ja auch auf der Bühne langjährige Mitstreiter und beliebte Pfalztheater-Stars zur Seite. Läuft also alles nach einem bewährten Konzept ab – oder wie hebt sich die neue Produktion von den anderen ab?
Es ist immer gut, wenn du als Basis ein paar bewährte Player im Spiel hast, die sich blind vertrauen und verstehen. Ich denke aber, dass wir auch ein paar faustdicke Überraschungen bieten … Zum einen, weil sich einige der Mitstreiter mal anders als sonst präsentieren können, und zum anderen, weil wir aus Green Days „American idiot“ – unserer letzten Produktion am Prinzregenten Theater in einer Kooperation mit der August Ewerding Akademie, ein paar supertalentierte neue Gesichter mit ans Pfalztheater gebracht haben. Diese Mischung ist hochexplosiv! Wir haben eine super Truppe! Das Stück hatte lange genug Zeit, um zu wachsen, und ist glücklicherweise nicht nach altbewährtem Schema F kreiert worden. Wir sind sowohl lyrisch als auch musikalisch bewusst nicht die ausgetretenen Pfade gegangen. Ich finde wir haben uns was getraut.

Tatsächlich bietet ihr in der aufwendigen Produktion wieder nahezu alles auf, was das Pfalztheater zu bieten hat. Da ist man aber vermutlich zugleich auch besonders auf den Erfolg beim Publikum angewiesen und sieht sich sicher mit hohen Erwartungen konfrontiert. Wie gehst du, wie geht das Team damit um?
Ja, das stimmt – jeder erwartet jetzt einen weiteren Hammer, einen Paukenschlag, der sinnbildlich für einen Neuanfang im Theater steht. Das kann man natürlich nicht ganz steuern. Gerade nicht in Pandemie-Zeiten – wir sind noch in Vielem limitiert. Zuschauerzahlen, Abstandsregeln, Zeitdruck. Wir haben beispielsweise ein Bühnenstück, welches normalerweise sieben Wochen probt, in vier Wochen auf die Bühne gebracht. Mit dem Druck musst Du umgehen und dich der Herausforderung stellen. Da nützt kein Jammern. Obwohl in den letzten Monaten buchstäblich viel Blut, Schweiß und Tränen geflossen sind. Wir wollen aber endlich unseren Job wieder machen. Wir können hier nichts anderes tun, als uns auf unsere Intuition zu verlassen und hart zu arbeiten. Wenn du dein Bestes gibst, kannst du dir am Ende nicht viel vorwerfen.

Du spielst in „Last Paradise Lost“ den Arc Angel, also den Erzengel Michael. Wie gestaltet sich die Rolle und wie hast Du Dich darauf vorbereitet?
Während ich am Stück gearbeitet habe, konnte ich bereits eine Brücke in meine Kindheit schlagen. Frag nicht warum, aber ich hab mit fünf Jahren schon immer auf ner Trauerweide hinterm Kindergarten den Erzengel gespielt. „Fürchtet Euch nicht … ich komme nur um zu verkünden.“ Danach bin ich Gänseblümchen pflücken gegangen … Weil mich dieses Thema spirituell also schon mein ganzes Leben beschäftigt, glaube ich, einen sehr persönlichen Zugang gefunden zu haben.

Wie läuft es sonst in dieser durchaus immer noch schwierigen Zeit so für dich und deine Band Vanden Plas?
Glücklicherweise sind wir mittlerweile alle mit Homerecording Tools ausgestattet. So konnte vieles in den eigenen vier Wänden entstehen und hat sich dank der Technik dennoch miteinander verwoben. War am Anfang schwer so zu arbeiten, ist aber mit Sicherheit eine Arbeitsweise, die sehr effektiv ist. Wenn man sich so gut kennt wie wir uns und jeder weiß, wie der andere tickt, ist das auf jeden Fall eine Möglichkeit schnell flexibel und kreativ zu bleiben. So ist also viel Neues im Werden …

Was hast du denn aktuell so am Start? Hast du schon Projekte für die Zukunft in der Schublade?
Ja. Ich produziere gerade die Alternative-Folkband Wolfsherz, die Vocals für die hymnische Metal-Core-Band „Endtime Prophets“ und arbeite an einer Konzeption des neuen Albums der italienischen Band „For my Demons“. Zeitgleich basteln wir mit Vanden Plas an unserer zweiten DVD – die wir live in der Kammgarn aufgenommen haben. Des Weiteren wird es eine „Best of Everyman“-CD geben. Und wir haben gerade für zwei weitere Vanden Plas Alben bei Frontiers Records gesigned. Also sondieren wir hier auch schon wieder neue Songideen …

Info:

Alle Aufführungen von „Last Paradise Lost“ im Pfalztheater Kaiserslautern bis 17.10. sind ausverkauft. Am Do 19.5.22, 19.30 Uhr. wird das Stück wiederaufgenommen. Weitere Termine werden dann vom Pfalztheater bekanntgegeben. Karten: 0631 3675209, E-Mail vorverkauf@pfalztheater.bv-pfalz.de; Info: www.pfalztheater.de

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