Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Wie lebt es sich mit einem Kangal? Eine junge Pfälzerin erzählt

Vicky Eckert aus Lingenfeld mit Kangal-Hund Baschi.
Vicky Eckert aus Lingenfeld mit Kangal-Hund Baschi.

Vicky Eckert hat einen Kangal. Der Hund ist goldig. Aber die 22-Jährige muss ihn immer im Auge behalten. Denn Herdenschutzhunde haben das Potenzial, zu töten.

Mutter und Tochter sind sich einig: „Niemals“ hätten sie sich einen Herdenschutzhund angeschafft. „Das sind keine netten Familienhunde. Definitiv nicht“, sagt Diana Eckert. Und doch besitzt ihre Tochter Vicky einen Kangal, einen anatolischen Hirtenhund. Ein stattliches Tier, das Eindruck macht – und natürlich wird die 22-jährige Studentin aus Lingenfeld (Kreis Germersheim) oft auf Baschi angesprochen: „Die Leute sind beeindruckt.“

Sie erzähle ihnen dann, welche Eigenschaften der Hund hat: „Der kann supernett sein. Aber das kann innerhalb von Sekunden ins Gegenteil umschlagen.“ Menschen aus der Türkei oder aus Rumänien allerdings machten „einen besonders großen Bogen“, wenn Vicky Eckert mit Baschi (50 Kilo schwer, einen Meter groß bei erhobenem Kopf) unterwegs ist: „Denn die wissen, wofür die Hunde eigentlich da sind.“

Da wirkt selbst ein Labrador klein: Diana und Vicky Eckert mit Labrador Cody und Kangal Baschi.
Da wirkt selbst ein Labrador klein: Diana und Vicky Eckert mit Labrador Cody und Kangal Baschi.

Kangals sind Tiere mit einer „Mission“ – so hat es die Bad Dürkheimer Hundetrainerin und Tierärztin Ina Ziebler-Eichhorn jüngst im Interview mit der RHEINPFALZ formuliert. Sie sind gezüchtet, um zu bewachen und zu verteidigen. „Kangals sind so sozialisiert, dass sie bei der Herde bleiben. Sie verteidigen die ihnen anvertrauten Tiere, das ist ihre genetische Aufgabe“, sagt Ziebler-Eichhorn. Deswegen hätten die drei Kangals, die vor einigen Wochen in Ludwigshafen eine Frau und deren Labrador angegriffen haben, „völlig normal“ reagiert. Man dürfe diese Hund niemals unbeaufsichtigt alleine laufen lassen, sagt die Tiertrainerin. Der Labrador hat das Zusammentreffen nicht überlebt, die Frau wurde verletzt. Die Polizei habe den Hundehalter, der die drei Hunde im Maudacher Bruch frei herumlaufen ließ, noch nicht ermittelt, heißt es vom Polizeipräsidium Rheinpfalz.

In Ludwigshafen sind laut Stadtverwaltung 17 Kangal-Hunde und sieben Kangal-Mischlinge gemeldet, die Behörden hätten nach dem Beißvorfall etliche der Halter aufgesucht. Ohne Erfolg. „Es wird vermutet, dass Kangal-Hunde auch ohne steuerliche Anmeldung gehalten werden“, heißt es von der Stadt. Zur Erklärung: Für die Hundesteuer muss man die Rasse angeben. Weil der Kangal in Rheinland-Pfalz kein „Listenhund“ ist, gibt es aber keine speziellen Auflagen für die Halter. In Hessen und Hamburg ist das anders, dort gelten Kangals als „gefährliche Hunde“. Für ihre Haltung ist eine Erlaubnis nötig, der Hund muss sich einem Wesenstest unterziehen, der Halter seine Zuverlässigkeit zeigen. In ganz Hessen gibt es laut dortigem Innenministerium derzeit 94 gemeldete Kangals – in den letzten zehn Jahre schwankte deren Anzahl zwischen 111 und 152.

Einen Kangal zu sozialisieren, ist echte Arbeit

Vicky Eckert sagt über den Vorfall in Ludwigshafen: „Mir tut es so leid für die Frau und ihren Hund.“ Sie weiß, wie sehr man an einem Hund hängen kann. Und sie kann davon berichten, wie viel Mühe und Anstrengungen es kostet, den Kangal zu einem Hund zu machen, der sich hier zurechtfindet, auch wenn man weder eine Schafherde noch einen Schrottplatz zum Bewachen sein Eigen nennt. Manchmal bedauere sie, dass sie ihrem Hund keinen solchen Bewacher-Job bieten kann, sagt Vicky. „Aber er hat doch ein gutes Leben abgekriegt.“

„Die Leute denken, der Hund muss einfach freundlich sein“, sagt Vicky Eckert. Sie klärt sie dann auf.
»Die Leute denken, der Hund muss einfach freundlich sein«, sagt Vicky Eckert. Sie klärt sie dann auf.

Denn die Alternative für Baschi wäre gewesen, bis ans Ende seiner Tage im Tierheim zu bleiben, und ein „Dauersitzer“ zu werden – ein Hund, der nicht vermittelt wird. Kangals sind häufig Dauerbewohner in Pfälzer Tierheimen, wie eine RHEINPFALZ-Recherche im vergangenen Jahr ergeben hat. Und: Sie werden von ihren Besitzern mitunter auch einfach „entsorgt“ – so wie im Januar 2024 in Speyer oder im August 2023 in einem Weinberg bei Niederkirchen (Kreis Bad Dürkheim), wo eine trächtige Hündin ausgesetzt worden war.

Vickys Kangal Baschi, heute vier Jahre alt, war zwei Jahre lang in der Tierauffangstation Terra Mater in Lustadt (Kreis Germersheim) untergebracht. Der Hund war beschlagnahmt worden, als er fünf Monate alt war, weil der Besitzer ihn nicht gut gehalten habe, erzählt Vicky. Als der Hund ins Heim kam, war sie noch Schülerin in Speyer und fuhr jeden Nachmittag nach dem Unterricht in die Auffangstation, um Zeit mit ihm zu verbringen. Zwei Jahre lang ging das so, sechs Tage die Woche war sie dort. Mutter Diana sagt heute, ihre Tochter habe Ausdauer gezeigt: „Vicky hat mit ihm gearbeitet.“

Nach zwei Jahren nimmt sie den Hund mit

Als sie ihr Studium begann, hat Vicky den Hund zu sich geholt – das Tier wohnt mit ihr in der Studenten-Wohnung in Mannheim, kommt mit nach Lingenfeld zu den Eltern und ist auch mit dabei, wenn die junge Frau beim Hundesportverein Harthausen (Rhein-Pfalz-Kreis) die Junghundegruppe trainiert. Zwei bis sechs Stunden pro Tag investiert sie in Baschi, erzählt Vicky, abhängig davon, ob sie selbst an Trainings und Übungstreffen mit anderen Hundebesitzern teilnimmt. „Es ist kein Hund, der einfach so mitläuft. Er kostet mich viel Zeit, Kraft und Nerven“, sagt die Studentin der Wirtschaftspädagogik und fügt an: „So ein Hund ist Management. Erziehung kann man bis zu einem gewissen Grad vollziehen, aber in einigen Punkten, gerade in denen, die genetisch bedingt sind, muss man lernen, das Tier zu managen und mit seinen Verhaltensweisen umzugehen.“

Baschi ist (mit erhobenem Kopf) einen Meter groß und wiegt 50 Kilogramm.
Baschi ist (mit erhobenem Kopf) einen Meter groß und wiegt 50 Kilogramm.

Das ist es auch die Haltung, die sie während des ganzen Gesprächs zeigt: Es gebe viele schöne Situationen und Momente mit dem Tier, das schon. Aber Herdenschutzhunde könnten eben auch „massiv beschädigen“ oder töten: „Sie haben ein heftiges Potenzial“, sagt Vicky: „Die fangen nicht an, mit dem Wolf zu diskutieren. Da wird gehandelt.“

Der Hund bringt die junge Frau an Grenzen

Baschi (der je nach Situation auch einen Maulkorb trägt) habe sie mitunter an ihre Grenzen gebracht, Grenzen ausgetestet. Da sei es wichtig, schnell zu reagieren, sagt die Hundebesitzerin. Das heißt: „Dass man in die körperliche Korrektur geht wie Hunde es auch untereinander tun würden.“ Es sei grundsätzlich auch nie verkehrt, sich professionelle Hilfe von Hundetrainern zu holen.

Ihre Eltern unterstützten Vicky bei den Kosten für den Hund, neben dem Studium geht sie aber auch arbeiten: „Ich versuche schon, so viel wie möglich aus eigener Tasche zu bezahlen.“ Denn einen Hund zu halten, geht ins Geld: 200 bis 300 Euro gibt Vicky im Schnitt monatlich für das Tier aus, manchmal kommen weitere Kosten dazu: Knapp 3000 Euro habe sie im November für Röntgen, MRT und CT ausgegeben, weil Baschi unrund gelaufen ist.

Kangal Baschi kommt mit dem Familien-Labrador, den Katzen und Kaninchen im Elternhaus bestens aus. Denn auch sie gehören gewissermaßen zu Baschis Herde. Freundinnen und Freunde von Vicky haben es da nicht ganz so einfach, wenn sie zu Besuch in Mannheim oder Lingenfeld sind: Selbst wenn sie nur kurz vor die Tür gehen und dann wieder reinkommen, behandle der Hund sie erneut wie Fremde. Vicky sagt, sie gebe dem Hund dann zu verstehen, dass es okay ist, wenn die Freunde die Wohnung betreten. Das Leben mit einem Kangal sei nie ganz unbeschwert – man müsse immer ein Auge auf ihn haben. „Es ist“, sagt Vicky, „eine Lebensaufgabe.“ Vicky hat diese Aufgabe angenommen, um dem Hund ein Zuhause zu geben. Und aus dem „Niemals“ zum Herdenschutzhund wurde ein „Ja“ zu Baschi.

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