Pfalz
Thomas Mann, der Retter der Rittersteine
Thomas Mann ist froh, wenn ihn jemand fragt, ob die „Rittersteine“ im Pfälzerwald etwas mit Rittern zu tun haben. Denn so kann er leicht ins Gespräch kommen über jene Findlinge, die seit mehr als 100 Jahren im Wald liegen, um dort auf besondere Örtlichkeiten hinzuweisen. Thomas Mann kennt die 307 Rittersteine alle – und zwar von ihrer schmutzigen Seite. Denn der 57-Jährige aus Weidenthal (Kreis Bad Dürkheim) hat sie von Unkraut befreit, das Moos weggeschrubbt – und die Schrift gelb nachgezeichnet. Zwei Jahre lang war er mit Bürste und Heckenschere, Pinsel und Farbe unterwegs, um die steinernen Wegweiser aus dem Dornröschen-Schlaf zu holen.
Mann arbeitet bei der BASF in Ludwigshafen in der internen Arbeitsplatzvermittlung – und ist als Ausgleich zu seinem Job viel in der Natur unterwegs. Das Freilegen und Putzen der Steine habe er „einfach für mich angefangen“, sagt er. Aus Freude. Viele Wochenenden und manche Urlaubstage hat er im Wald verbracht – an einem Tag fuhr er 285 Kilometer zu Ritterstein-Stellen und zurück.
Heute gibt es Selfie-Points, vor 100 Jahren gab es Rittersteine
Der Pfälzer Heimatkundler und Geologe Daniel Häberle (1864-1934), der für die wissenschaftliche Etablierung des Begriffes „Pfälzerwald“ sorgte, hatte vor mehr als hundert Jahren die Idee, Orientierungssteine für Wanderer aufzustellen. Benannt wurden die Steine nach Oberforstrat Karl Albrecht von Ritter (1836-1917), der ab 1910 als Vorsitzender des Pfälzerwald-Vereins (PWV) die Umsetzung dieser Idee vorantrieb. In der Vereinszeitung „Der Pfälzerwald“ vom 1. Juni 1912 ist auch zu lesen, wie die Steine auszusehen haben: „In der Regel werden herbeigeschaffte rohe Sandsteine – Findlinge, die bisher schon Jahrtausende der Verwitterung widerstanden haben – von kegelplattenartiger Form angebracht, manchmal auch an der Örtlichkeit vorhandene Felsen, auch Mauern, in welche auf kleiner glatt bearbeiteter Fläche die zugehörige Bezeichnung und der Vermerk PWV eingemeißelt wird. Die Steine erhalten eine gewisse Mächtigkeit, damit sie vor zufälliger Versetzung gesichert sind, so dass angenommen werden kann, dass sie für langen Zeitraum ihren Zweck erfüllen.“
Steine für die Ewigkeit
Die Worte sollten sich als wahr erweisen – die Rittersteine stehen noch immer. Der letzte, Nummer 307, wurde erst im Jahr 2022 auf dem Hermersbergerhof (Kreis Südwestpfalz) aufgestellt: „PWV-Hain; 100 Jahre Pfälzerwald-Verein 2003“ steht darauf – und zwar als Erinnerung an die Eichen-Pflanzungen der Ortsgruppen zur 100-Jahr-Feier des Hauptvereins.
Bis 1917 gab es 87 Steine, die auf untergegangene Siedlungen, verschwundene Jagdhäuser, aufgegebene Höfe oder Naturdenkmale hinwiesen, bis 1956 waren es schon 144, sagt Thomas Mann. „Und nach dem Krieg gab es einen Boom. Viele Ortsgruppen des Pfälzerwald-Vereins haben einen Stein aufgestellt.“ Walter Eitelmann hat die Fakten im Standardwerk „Rittersteine im Pfälzerwald“ beschrieben, die auch auf der Wanderapp Komoot und auf kuladig.de zu lesen sind. Schon 1912 wird beschrieben, welche Abkürzungen zu verwenden sind: O.P. für Orientierungspunkt, Qu. für Quelle, R. für Ruine und F. für Forsthaus. Interessant ist, dass es für die Abkürzung des Pfälzerwald-Vereins auf den Steinen verschiedene Varianten gib: PW.V., P.W.V. und PWV.
Manche Steine waren umgefallen, manche zugewuchert
Thomas Mann freut sich, dass die Steine nun wieder mehr Aufmerksamkeit bekommen: Mittlerweile bekomme er Anrufe von Menschen, die die Rittersteine gezielt im Wald suchen – aber nicht finden. Er kann das nachvollziehen, es ist ihm ja selbst zuweilen so gegangen – obwohl er die Standorte wusste. Denn es gebe unterschiedliche Koordinatensysteme, nach denen die Rittersteine gelistet sind: das UTM-Koordinatensystem (globaler Standard) und das nur für Deutschland konzipierte Gauß-Krüger-System. Wie dem auch sei: Thomas Mann fand die Rittersteine alle – auch wenn er mitunter mehrmals fahren musste, um die teils umgefallenen, teils zugewachsenen Steine im Wald zu finden. Klaus Graßmück und Wolfgang Mildner, die die Steine abgegangen sind, seien ihm eine große Hilfe gewesen, sagt Mann. Er erinnert auch daran, dass sich vor ihm viele andere Menschen um die steinernen Orientierungshilfen kümmerten, diese beschrieben und pflegten.
Thomas Mann hat nicht nur Steine geputzt, er hat im Landesarchiv in Speyer auch Dokumente gelesen, um noch mehr über die Geschichte der Steine zu erfahren. Der Pfälzerwald-Verein, bei dem er noch gar nicht so lange Mitglied ist, habe ihm angeboten, die Kosten für das Engagement zu übernehmen. „Aber die Freude, die man daran hat, ist unbezahlbar. Da muss ich nicht hingehen, und mir einen Farbeimer bezahlen lassen“, sagt Mann.
PWV-Hauptwegewart Gerhard Bohl (Linden, Kreis Südwestpfalz) lobt Manns Engagement, er mache das gut: „Wenn ein Stein im Wald steht und da ist in großen gelben Buchstaben ein Name daraufgeschrieben, dann wird das die Leute interessieren“, sagt er. Und dadurch, dass die Inschriften nun besser sichtbar sind, bekämen die historischen Orte und auch der PWV nun mehr Aufmerksamkeit. Thomas Mann hat verschiedene Wanderführer-Zertifizierungen, ihm ist es ein Anliegen, den Menschen die Natur nahe zu bringen. Apropos Natur: Mann hat nur die Schrift auf den Steinen vom Moos befreit und nachgezeichnet. Die Steine selbst hat er grün gelassen. Denn wenn das Moos entfernt wird, zeigen sich manche Steine von ihrer fleckigen Seite. Und das muss dann doch nicht sein.
