Kaiserslautern
Erkenntnisse aus der Asche: So arbeitet eine Brandermittlerin
Die junge Polizistin auf dem Foto verzieht das Gesicht. Sie trägt einen grünen Overall und einen Gummihandschuh. Was sie gerade macht, ist nicht erkennbar, doch Daniela Bullinger hat das Bild nicht ohne Grund in ihrem Büro im Polizeipräsidium Westpfalz in Kaiserslautern aufgehängt. Die Kriminalhauptkommissarin bewahrt sich damit eine Erinnerung an die Anfänge ihres heutigen Jobs. Denn die junge Frau auf dem Bild ist sie selbst, und sie stand damals vor einer verkohlten Mülltonne und musste die ebenso verbrannten, mit Löschwasser vermischten Reste des Inhalts durchsuchen, um etwas zur Ursache des Feuers herauszufinden.
Die Brandermittler der Kriminalpolizei befassen sich nicht mit jeder brennenden Mülltonne. Gerät nichts anderes in Brand, handelt es sich um einen Fall von „Sachbeschädigung durch Feuer“, um den sich die Schutzpolizei kümmert. Interessant wird es für Bullinger und ihre Kollegen vom Kommissariat 1 in Kaiserslautern immer dann, wenn es einen Verdacht auf Brandstiftung gibt. Die kann auch fahrlässig sein. Auch die berühmte weggeworfene Kippe, die einen größeren Brand auslöst, kann ein Fall von Brandstiftung sein, oder der auf dem Herd vergessene Kochtopf.
Gerade hat Bullinger – von der aus Sicherheitsgründen keine Fotos veröffentlicht werden dürfen – eine arbeitsreiche Zeit hinter sich, doch das sind sie und ihre Kollegen vom Kommissariat 1 gewohnt. Im Dezember brennt es öfter als in anderen Monaten. Der Grund seien keine ungeeigneten Heizungsversuche, sondern eher die vielen Kerzen, die in der Vorweihnachtszeit in den Wohnungen angezündet würden, berichtet die Polizistin.
Vor allem Teelichter, erklärt Bullinger, seien häufig das Problem. Die kleinen Kerzchen stünden aus irgendeinem Grund in dem Ruf, nicht brandgefährlich zu sein. Dem widerspricht Bullinger entschieden: „Die Aluminiumschalen der Teelichter werden extrem heiß“, warnt sie. Gefährlich werde es vor allem, wenn die Lichter zu einer Formation zusammengestellt würden, beispielsweise zu einem Herz, weil sich die Hitze dann konzentriere und die Umgebung in Brand setzen könne.
Wohin zeigt der Brandtrichter?
Aber was führt sie in einer vom Feuer verwüsteten Wohnung eigentlich zu den womöglich kaum wahrnehmbaren Überresten eines Teelichts? „Ich suche die Stelle, an der es zuerst gebrannt haben muss, weil dort beispielsweise der Putz am stärksten abgeblättert ist“, erklärt Bullinger ihr Vorgehen. Oft weist ihr ein „Brandtrichter“ den Weg. Dabei handelt es sich um ein charakteristisches Muster im Ruß, der sich an Wänden oder Decken niederschlägt. Die Spitze oder das Zentrum dieses Musters zeigt auf die Stelle, an der sich die Brandquelle befand.
Meistens wird die Polizistin auf der Suche nach dieser Quelle fündig. Ob und wie zuverlässig ein Brandermittler das tut, ist aber laut Bullinger auch sehr von der Erfahrung der Person abhängig. Sie selbst ist seit 30 Jahren bei der Polizei und hat seit 15 Jahren mit Feuer zu tun; schon in ihrer Zeit beim Kriminaldauerdienst (KDD) habe sie viel mit Bränden zu tun gehabt, erzählt die Westpfälzerin. Zur Brandermittlerin wurde sie dann durch Seminare. Ihr Wissen muss sie alle fünf Jahre mit einem weiteren Seminar auffrischen. Denn auch in Sachen Feuer gibt es immer wieder einmal was neues, zum Beispiel durch Fortschritte in der Technik. „Akkus waren vor 15 Jahren noch gar kein Thema. Die werden immer schmaler, immer leistungsfähiger“ – dadurch steige auch die Gefahr von Beschädigungen und daraus resultierenden Bränden. Und natürlich durch die reine Menge an Akkus an allen möglichen Stellen.
Eine besonders wertvolle Quelle für Wissen und ermittlungsrelevante Informationen ist die Feuerwehr. „Die kommen als erstes, haben viel Erfahrung und wissen einiges über Brandentwicklung“, sagt Bullinger. Diese ersten Informationen, die oft schon auf den Brandherd hindeuten, erhält sie über den KDD oder die Schutzpolizei und wertet sie aus, bevor sie den Brandort selbst besucht. „Und in 99 Prozent der Fälle hat die Feuerwehr aufgrund ihrer Erfahrungen Recht.“
Auch mit Gutachtern arbeitet die Kriminalhauptkommissarin eng zusammen. Diese Experten haben anders als sie oft eine wissenschaftliche Ausbildung, sind beispielsweise Chemiker oder Ingenieure. Doch dieser Beruf kenne auch Quereinsteiger: Beim LKA sei ein erfahrener Elektroinstallateur-Meister als Gutachter tätig – weil Probleme in der Elektrik eben häufig Brandursachen sind.
Rauchmelder auch für den Wohnwagen
Ihr Wissen als Brandermittlerin nutzt Bullinger durchaus auch beim heimischen Brandschutz. Und ihre Erfahrungen kann sie auch als Tipps an die Allgemeinheit weitergeben. Eine der wichtigsten: Rauchmelder helfen effektiv, Leben zu retten – und zwar nicht nur dort, wo sie vorgeschrieben sind, sondern auch an Stellen, an denen man sie erst nicht vermuten würde. Bullinger nennt einen Fall, den sie einst bearbeitet hat, als mahnendes Beispiel. Ein Dauercamper kam damals in den Flammen in seinem Wohnwagen um, weil durch Reste einer Zigarette Holzbriketts vor seinem Wohnwagen in Brand gerieten. Hätte der Mann einen Rauchmelder im Wohnwagen gehabt, ist Bullinger überzeugt, wären seine Chancen auf Überleben größer gewesen. Ein anderer Fall war eine alte Dame, die in ihrer Wohnung umkam, weil sie den vorhandenen Rauchmelder nicht hörte – sie hatte ihre Hörgeräte ausgeschaltet. Die anderen Bewohner des Hauses hätten den Alarm gehört und sich in Sicherheit gebracht.