Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Diplomaten-Paar: In die Welt und wieder zurück

Das Ehepaar Morhard lebt jetzt im südwestpfälzischen Nothweiler – mit bester Aussicht ins Grüne.
Das Ehepaar Morhard lebt jetzt im südwestpfälzischen Nothweiler – mit bester Aussicht ins Grüne.

Nach vielen Jahren im diplomatischen Dienst sind Petra und Jürgen Morhard ins pfälzische Nothweiler zurückgekehrt. Mitgebracht haben sie Erinnerungen an viele Begegnungen.

Es sind die Menschen, die besondere Erinnerungen entstehen ließen. Menschen, die den Lebensweg der Familie ein Stück weit mitgingen wie das US-amerikanische Botschafter-Paar Johnny und Angie Young. Menschen wie der indische Guru Sadhguru, dessen Spiritualität und Charisma die Morhards tief berührte. Menschen wie jene Frau in China, die dem jungen deutschen Rucksack-Reisenden half, sich im touristischen Niemandsland zurechtzufinden. Anfang der 1980er-Jahre war das, erinnert sich der Botschafter a.D. an seine erste China-Reise. Damals war er Mitte 20 und als einer der ersten Backpacker dort unterwegs. Den Pirmasenser, sagt er lachend, ziehe es eben in die Welt. Zahlreiche Fotos, noch auf Zelluloid gebannt, belegen die Reiselust.

Erster Dienstort: Japan

Es ist eines von vielen Fotoalben, das Jürgen Morhard auf der heimischen Terrasse mit Blick auf den Wald und die Wegelnburg aufblättert. Dort, im Südwestpfälzer Dörfchen Noth-weiler an der Grenze zum Elsass, leben Petra und Jürgen Morhard seit ihrer Rückkehr aus Indien 2022, als er seinen Ruhestand antrat. Ihr Domizil war das Ferienhäuschen seiner Eltern, die in Pirmasens ein bekanntes Farbengeschäft führten. Das Grundstück mit Obstbäumen hatte einst der Großvater entdeckt. Auch Petra Morhard stammt aus Pirmasens. Auch sie hat nach dem Abitur Betriebswirtschaftslehre studiert. Und als Jürgen Morhard für ein Promotionsstipendium nach Japan ging, zog sie mit – und arbeitete wie er im Projektteam für die Weltausstellung 1985.

Eine fantastische Zeit, schwärmt der Pirmasenser. Eine Zeit, in der er den Grundstein für seinen Eintritt in den Auswärtigen Dienst 1987 legte. Japan wurde später auch zum ersten Dienstort; dass Jürgen Morhard – neben Englisch und Französisch – über Grundkenntnisse der japanischen Sprache verfügte, war von Vorteil. Drei Jahre blieben Morhards in Japan, dort kamen auch die Söhne zur Welt.

Begegnungen mit ganz unterschiedlichen Menschen gehören zum Diplomaten-Job.
Begegnungen mit ganz unterschiedlichen Menschen gehören zum Diplomaten-Job.

35 Jahre gemeinsamer Dienst für die Bundesrepublik liegen hinter Petra und Jürgen Morhard: Jahre in Bonn und Berlin, wo Jürgen Morhard auch im Bundeskanzleramt mit Helmut Kohl arbeitete; Jahre in Japan, im afrikanischen Togo, in Hongkong, in den USA, als Botschafter in Sri Lanka und auf den Malediven, zuletzt als Generalkonsul in der indischen Millionenmetropole Mumbai.

Lieblingstätigkeit: Leute anquatschen

Auch davon erzählen Fotos. Und sie offenbaren: Der deutsche Diplomat ist gerne mittendrin gewesen, nah an den Menschen. Ob bei der Besichtigung einer Weberei, beim Besuch eines Waisenhauses, das mit Pirmasenser Unterstützung finanziert wurde, beim Treffen mit Studenten, mit Unternehmern. Oder beim Plausch auf der Straße. Wie auf jener Aufnahme mit Einheimischen vor einem indischen Tempel. „Bei meiner Lieblingsbeschäftigung“, sagt er dazu – „beim Leute anquatschen.“ Unvoreingenommen, einfach interessiert.

Ohne Zugewandtheit anderen gegenüber könnten Diplomaten schwerlich ihren Dienst verrichten. Denn Kontakte sind ein Arbeitsinstrument – belastbare Netzwerke zu knüpfen, beschreibt Jürgen Morhard eine wesentliche Aufgabe.

Zuletzt war er ab 2016 als Generalkonsul in Mumbai tätig, in einer von insgesamt fünf deutschen Vertretungen in Indien. Sein Schwerpunkt dort: die Förderung der außenwirtschaftlichen, wissenschaftlichen und kulturellen Beziehungen. Politik war Sache des Botschafters – worüber der promovierte Wirtschaftswissenschaftler gar nicht unglücklich war. In den meisten Ländern entsprächen die Wertvorstellungen der Menschen nicht jenen der Deutschen, stellt Morhard fest. Und das kann es schwierig machen. Der Pirmasenser hat selbst erlebt, wie es ist, bei einer Regierung in Ungnade zu fallen. Oder dass anderswo Wahlbeobachter und ausländische Reporter vor Militär und Staat geschützt werden mussten.

Jürgen Morhard bei einem der vielen Termine als Generalkonsul in Mumbai.
Jürgen Morhard bei einem der vielen Termine als Generalkonsul in Mumbai.

In Indien konnte der Diplomat sich darauf konzentrieren, seine Netzwerke zu knüpfen. Ob Wirtschaft, Bildung oder Kultur: Überall habe er runde Tische unterhalten, berichtet er – und sich überlegt, wo er einen Mehrwert erbringen könne. Delegationen begleiten, Kontakte vermitteln, Probleme lösen: Durch seinen Zugang zu Regierungsstellen habe er Möglichkeiten gehabt, zu helfen. Oft ging es um Verträge. Generell sei die rechtliche Durchsetzbarkeit, so beschreibt es die deutsche Außenhandelsgesellschaft GTAI, eine Schwäche des Landes, das ansonsten für deutsche Investoren immer interessanter wird.

Deutschland ist Indiens größter Handelspartner in der EU, in Indien hat wiederum die Präsenz deutscher Unternehmen eine lange Tradition: Siemens etwa ist seit 1867 in dem Land tätig, war am Bau des ersten Telegrafenmastes zwischen London und Kalkutta beteiligt. 1800 bis 2000 deutsche Unternehmen sind nach den Informationen der GTAI in Indien aktiv, viele in Morhards damaligem Amtsbezirk. Auch einige Rheinland-Pfälzer produzieren dort. Etwa Schott, Mainzer Hersteller von Spezialglas, oder die Pirmasenser Profine GmbH, die Kunststoffprofile herstellt.

Netzwerken im Team

Netzwerke zu knüpfen war jedoch nicht nur Sache des offiziellen Stelleninhabers. Das funktioniere nur im Team, sagt Morhard – zusammen mit dem Ehepartner. Für Petra Morhard war das nie eine Frage; sie hätten es von Anfang an als gemeinsame Aufgabe betrachtet, stellt sie fest. Und so war es auch für sie immer wichtig, schnell Anschluss zu finden. Am besten, erzählt sie, sei dies über Sportvereine gegangen. Denn beide seien sie sehr sportaffin, spielten etwa Tennis.

Menschen und Kulturen einander näher zu bringen: Darum geht es am Ende. „Kochen für Deutschland“ gehört dazu. Schließlich stoßen manche deutsche Speisen und Bräuche in der Ferne auf großes Interesse. Gut angekommen ist etwa ein „Oktober“-Straßenfest des Goethe-Instituts, bei dem auch Petra Morhard mitwirkte, stilecht im Dirndl. Einen besonderen Werbe-Coup konnte ihr Mann 2018 landen: Es gelang ihm, im Reisemagazin „National Geographic Traveller India“ einen zweiseitigen Bericht unterzubringen – über Nothweiler und natürlich auch den Rest der Pfalz.

Gerade auch Wirtschaftsthemen gehören zum Aufgabenbereich des Generalkonsuls in Mumbai.
Gerade auch Wirtschaftsthemen gehören zum Aufgabenbereich des Generalkonsuls in Mumbai.

Die Welt kennenzulernen und für die Heimat zu werben, ist die schöne Seite der Medaille. Doch eine andere Seite gibt es auch. Denn alle drei Jahre wird in der Regel ein Ortswechsel fällig – damit der Blick unvoreingenommen bleibt, wie Jürgen Morhard erklärt. Beim Wechsel soll es möglichst gerecht zugehen. Das heißt, es soll einen Ausgleich geben zwischen der unterschiedlichen Lebensqualität an verschiedenen Dienstorten. Denn nicht immer ist ein Auslandsaufenthalt das reinste Vergnügen. So seien sie auch in sehr bedrohliche Situationen gekommen, erzählt Morhard. Gleich zweimal wurden sie in Togo, wo er 1996 stellvertretender Botschafter war, Opfer eines bewaffneten Raubüberfalls im Auto – Erinnerungen, auf die sie verzichten könnten.

Die Söhne hätten das Reiseleben gut mitgemacht, sagt Petra Morhard. Da sie zweisprachig aufwuchsen – Deutsch und Englisch – habe es auch keine Sprachbarrieren gegeben. Dennoch, immer wieder umziehen, neue Schulen und Kontakte knüpfen, die Familie neu erden: Das mag nicht jeder. Für sie habe es gestimmt, sagt Petra Morhard – sie würde diese Entscheidung wieder treffen. Aber Jüngere hätten inzwischen andere Vorstellungen: dass der Partner alleine ins Ausland gehen solle und der Rest der Familie in der Heimat bleibe.

Aber selbst für offene Menschen wie die Pirmasenserin klappt das mit dem Anschluss an Land und Leute nicht überall zügig. In Washington etwa, sagt Petra Morhard bedauernd, sei es ihr kaum gelungen, richtig Fuß zu fassen. Die Amerikaner seien zwar nett, aber oft zu beschäftigt gewesen für gemeinsame Unternehmungen.

Schnell eingelebt

In Indien war das anders. Hier seien sie schnell aufgenommen worden, blicken Petra und Jürgen Morhard zurück. Das Land und die Menschen sind ihnen sehr ans Herz gewachsen, sie bleiben ihnen nicht zuletzt über die Deutsch-Indische Gesellschaft verbunden, deren Vorsitz Morhard übernommen hat. Und wie war das dort im Alltag, außerhalb des Konsulats? Wie sicher konnte sich eine Ausländerin dort bewegen? Immer wieder sorgten schließlich Vergewaltigungen für Schlagzeilen. Petra Morhard muss nicht überlegen. Sie habe sich nie unwohl gefühlt, sagt sie, obwohl sie mit einer deutschen Freundin auch alleine gereist sei. Übergriffe, ergänzt ihr Mann, habe es gegeben, aber vor allem im Norden Indiens, dort, wo es einen Männerüberschuss gebe. In seinem Bezirk sei das kein Problem gewesen. In den sechs Jahren, die sie dort verbracht hätten, sei auch noch nie jemand wegen eines gestohlenen Passes ins Konsulat gekommen.

Passangelegenheiten gehören ebenfalls zu den diplomatischen Aufgaben, ebenso die Betreuung von Deutschen in Not oder im Gefängnis. Und eine gewisse Sorge für die deutsche Gemeinschaft im Land. In Togo beispielsweise, berichtet Morhard, hätten sie alle Deutschen im Land vorsorglich erfasst, um im Falle von Unfällen schnelle Blutspenden zu ermöglichen. Und in Indien waren sie während der Coronapandemie an der weltweiten Rückholaktion des Auswärtigen Amtes beteiligt, das über 62.000 Menschen in Sonderflügen nach Deutschland brachte. Darunter befanden sich etwa 3000 Rückkehrer aus Indien. Für 1300 unter ihnen organisierte das Generalkonsulat in Mumbai fünf Sonderflüge mit allen erforderlichen Genehmigungen – ein Kraftakt während der Ausgangssperren. Die Pandemie war auch Grund dafür, dass die Morhards länger am Dienstort blieben als üblich. In dieser Phase in einem neuen Land Fuß zu fassen, wäre schwierig gewesen.

Sie sind gerne dort geblieben. Indien ist das Land, das beide am meisten fasziniert hat. Ein Land voller Widersprüche: bittere Armut neben unglaublichem Reichtum, Autokratentum neben Demokratie. Ein spirituelles Land, in dem sich reiche Familien einen eigenen Priester leisten.

Rückkehr mit Kulturschock

Und dann, 2022, die Rückkehr aus Mumbai nach Nothweiler. Ein „Kulturschock“, sagt Jürgen Morhard. Nicht wegen des Kontrastes zwischen der Metropole Mumbai und dem Dörfchen Nothweiler. Sondern vielmehr deshalb, weil Deutschland in vielen Dingen hintendran sei, Verwaltungsprozesse zu lange dauerten, Züge chronisch unpünktlich seien.

Doch nur zuzuschauen ist auch im Ruhestand nicht seine Sache. Seit Juni 2024 sitzt der Botschafter a.D. im Gemeinderat Nothweiler. Bei der Kommunalwahl hatte der 68-Jährige die meisten Stimmen bekommen. Deutsche Kommunalverwaltung, das ist jetzt eine neue Herausforderung für einen, der 35 Jahre lang Problemlöser in Deutschlands Diensten war.

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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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