Pfalz Die Suche nach den Alten Riesen: Wo stehen die Baumveteranen der Pfalz?

Diese gewaltige Edelkastanie in Gleisweiler (Kreis Südliche Weinstraße) wurde von der Initiative Nationalerbe Baum ausgezeichnet
Diese gewaltige Edelkastanie in Gleisweiler (Kreis Südliche Weinstraße) wurde von der Initiative Nationalerbe Baum ausgezeichnet.

Sie prägen unsere Orte und um manche ranken sich sogar Sagen: Alte Baumriesen gibt es in der Pfalz viele. Die RHEINPFALZ macht sich nun auf die Suche nach ihnen.

Ihr Ende glich einem Trauerakt. Als im vergangenen Oktober der letzte Ast der „Dicken Keschd“ in Dannenfels (Donnersbergkreis) abgesägt wurde, bedeutete dies das Ende des über die Ortsgrenzen so beliebten und bekannten Baumes. Die Dannenfelser hatten ihren wahrscheinlich über 400 Jahre alten Baum – so genau weiß das niemand – schon lange in ihre Herzen geschlossen. Umso schmerzhafter war für sie der Verlust dieses Wahrzeichens, zu dem viele von ihnen eine persönliche Geschichte erzählen können.

Ausgehend vom Ende der „Dicken Keschd“ in Dannenfels möchte die RHEINPFALZ sich in den kommenden Monaten auf die Suche nach besonderen, großen und uralten Bäumen machen. Denn die Pfalz ist reich an solchen alten Riesen und vor allem reich an Geschichten über sie. Wir möchten erfahren, wo diese Bäume stehen und welche Geschichten sich die Menschen über sie erzählen. Dabei soll das Alter kein Ausschlusskriterium sein. Auch vergleichbar „junge“ Bäume können Erwähnung finden.

Hohe kulturelle Bedeutung

Bäume haben für uns Menschen eine besondere Bedeutung – und das über ihren bloßen Wert als Holz- und Nahrungslieferanten hinaus. Sie spenden an heißen Tagen Schatten und sorgen für grüne Farbtupfer in grauen Städten. Schon als Kinder spielen wir unter ihnen und klettern bis in ihre Kronen. Über den Baum im eigenen Garten kann jeder eine Geschichte erzählen.

Um andere ranken sich Sagen und Mythen. „Diese Bäume standen zum Beispiel auf Tingplätzen, in der Dorfmitte oder im Hof der Kirchen und wurden selbst in Zeiten der größten Not nicht gefällt.“ So hätten sie die Jahrhunderte überdauert und seien zu riesigen Naturdenkmälern angewachsen, sagt der Forstwissenschaftler Andreas Roloff. Drei Jahrzehnte lang leitete er den Lehrstuhl für Forstbotanik an der Technischen Universität Dresden.

2019 gründete Roloff die Initiative „Nationalerbe-Baum“. In ihrem Auftrag spürt er seit Jahren alte Riesen auf. Auf der Suche reist er regelmäßig kreuz und quer durch Deutschland und verleiht ihnen den Titel „Nationalerbe“. Einmal machte Roloff auch in der Pfalz Station, als er eine andere „dicke Keschd“ in Gleisweiler (Kreis Südliche Weinstraße) zum Nationalerbe kürte.

Die Idee sei ihm bei seinen vielen Forschungsreisen nach England gekommen, berichtet Roloff. „Ich fragte mich, warum die Briten über hundert Bäume haben, die nachweislich tausend Jahre alt sind. Und wir in Deutschland haben keinen einzigen.“ Die Antwort liegt laut Roloff in der deutschen Gründlichkeit. Denn wo die Briten einem alten Riesen durchaus gestatten, dass ihm auch mal ein Ast abbricht, wird in Deutschland die Verkehrssicherungspflicht gnadenlos durchgesetzt. „Da wird mit der Kettensäge rabiat gekürzt und zurückgeschnitten“, sagt Roloff. Viele der alten Bäume würden so einen Rückschnitt jedoch nicht verkraften und kämen deutlich früher ans Ende ihrer Lebenszeit.

Ökologisch wertvoll

Wenn ein Baum hingegen zum Nationalerbe erkoren wird, kümmert sich Roloff gemeinsam mit der Eva Mayr-Stihl-Stiftung um den Erhalt und die Pflege. Den Eigentümern werden Experten zur Seite gestellt, die dabei helfen, den Baum optimal zu pflegen und für die kommenden Jahrhunderte zu erhalten. Die Kosten dafür trägt die Stiftung. Fast 50 Bäume hat Roloff inzwischen zum Nationalerbe ernannt. 50 weitere sollen noch folgen.

Dieser Schutz habe auch eine ökologische Bedeutung, sagt Roloff. „Um einen alten Riesen mit etwa 20 Meter Kronendurchmesser hinsichtlich seiner Umweltleistungen wie Luftfilterung, Beschattung, Kühlung und CO2-Speicherung zu ersetzen, braucht es zirka 400 Jungbäume“, rechnet Roloff vor. Außerdem fänden unzählige Tierarten in den großen Bäumen eine Heimat.

Das Erbe der alten Riesen

Und dann ist da noch das Erbe der alten Riesen. Denn die Bäume trotzten Jahrhunderte den wechselnden klimatischen Bedingungen. Sie überstanden Hitze, Kälte, Dürre und sind somit besonders widerständig gegenüber Klimaveränderungen. Diese Widerstandsfähigkeit tragen sie in ihrem Erbgut. Jungbäume, die aus ihren Samen entspringen, sind besser gegen sich wandelnde Bedingungen gewappnet.

In Rheinland-Pfalz hat deshalb die Stiftung Natur und Umwelt vor einiger Zeit das Projekt „Junge Riesen“ ins Leben gerufen. Gemeinsam mit der Forschungsanstalt für Waldökologie und Forstwirtschaft in Trippstadt wurden aus den Samen alter Riesen in Rheinland-Pfalz Sämlinge gezogen, die in Baumschulen zu Jungbäumen heranreifen. Das Ziel: Die Nachkommen der alten Riesen sollen in der Region, aus der sie stammten, wieder angepflanzt werden, um so das Erbe ihrer Vorfahren zu bewahren.

Auch in Dannenfels soll das Erbe der dicken Keschd bewahrt werden. Einige ihrer Nachfahren wurden bereits in Dannenfels als Straßenbäume gepflanzt. In der dicken Keschd selbst fand man zuletzt selbst einen kleinen Sämling, der in dem ausgehöhlten Stamm herangewachsen ist. Vielleicht steht in einigen Jahrhunderten dann die nächste dicke Keschd am selben Ort.

Zur Sache

Sie haben einen alten Riesen in Ihrer Nachbarschaft stehen und ihn verbindet eine besondere Geschichte mit Ihnen oder Ihren Heimatort? Dann schicken Sie uns eine E-Mail inklusive Foto des Baumes an redpfalz@rheinpfalz.de.

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