Panorama Trauer und Trotz in Mainz

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Mainz. So wechselhaft wie das Wetter war gestern die Stimmung in Mainz. Nach dem am Vorabend abgesagten Rosenmontagszug blieben die meisten Besucher zu Hause und die Garden in ihren Quartieren. Etwas verloren wirkten die Feierlustigen in ihren meist plüschigen Katzen-, Tiger- oder Panda-Kostümen. Auf den Straßen herrschte kaum Verkehr, gefühlt die Hälfte der Fahrzeuge waren Polizeiwagen.

In den Geschäften, die ihre Türen bis 11.11 Uhr geöffnet hatten, war die Stimmung gedrückt. Nicht viel besser war es im Mainzer Staatstheater, wo der Mainzer Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD) zum Empfang gebeten hat. Den Blick auf die verwaisten Tribünen gerichtet, sagte er: „Das ist großer Mist, aber nicht das Ende der Fröhlichkeit.“ Die stellvertretende Ministerpräsidentin Eveline Lemke (Grüne) konnte der Situation etwas Gutes abgewinnen: So könne sie im Büro Mails abarbeiten. Das machen an einem Rosenmontag in Mainz nur ganz wenige Menschen. Der Himmel veränderte binnen Minuten die Farbe von tiefschwarz bis sonnig. Aber der große Sturm blieb aus. Neunmal sei bis Mittag die gefährliche Windstärke acht gemessen worden, sagt Michael Bonewitz, Sprecher des Mainzer Carneval Vereins (MCV), der den Rosenmontagszug organisiert – und abgesagt hat. Gefährlich fühlte es sich aber nicht an, nur ungemütlich. Dem Wetterdienst sollte im nächsten Jahr vielleicht ein eigener Motivwagen gewidmet werden. Gegen die Tristesse spielten Musikgruppen in der Mainzer Altstadt an. Als kurz nach 13 Uhr die Guggemusiker „Meenzer Nodequetscher“ bei strahlendem Sonnenschein an der Hauptfeiermeise aufspielten, setzte sich sofort ein Zug der Feierlustigen in Gang. Dieter Wenger wäre auch lieber auf der Straße gewesen. Der Speyerer, der seit 54 Jahren für den MCV die Motivwagen baut, saß in der Halle im Mombacher Industriegebiet und war hörbar frustriert. Vier Monate Arbeit stecken in den Wagen. Doch statt die Janusköpfigkeit eines Putin der breiten Öffentlichkeit zu präsentieren, bewegte sich – nichts. Auch die Nachbildung der CDU-Landeschefin Julia Klöckner, die sich bei Wenger von Burkas umzingelt fühlt, blieb in der Halle. Die Helfer luden die Süßigkeiten in Kartons. Was damit passiert? „Früher hätten wir es den Kindergärten gegeben, aber die nehmen ja nur noch Karotten“, sagt Wenger. Sein Humor ist sehr schwarz an diesem Rosenmontag. Vielleicht könnten die Wagen beim Rheinland-Pfalz-Tag im Juni in Alzey mitfahren, sinniert er laut. Ob der Rosenmontagszug nachgeholt wird, will der MCV laut Bonewitz in den nächsten zwei bis drei Wochen entscheiden. Vom Bund Deutscher Karneval (BDK) kam eine eindeutige Empfehlung: „An Aschermittwoch ist alles vorbei.“ Fasnacht sei in den christlichen Jahreskreis eingebettet und lasse sich nicht einfach nachholen, sagte der Vizepräsident des BDK, der frühere Mainzer Kulturdezernent und Fasnachter Peter Krawietz. Was die Absage finanziell bedeute, stehe noch nicht fest, sagte Bonewitz. Dies werde vor allem davon abhängen, ob die Sponsoren ihr Geld zurückforderten. Die Polizei war bis auf die Kräfte, die sonst den Verkehr regeln, in voller geplanter Stärke im Einsatz. Denn die Rosenmondnacht, die Feier nach dem Zug, wurde nicht abgesagt. Und der Alkoholpegel schien schon gestern am späten Nachmittag hoch zu sein. Am Sonntagabend waren laut Polizei drei Frauen sexuell belästigt worden, die Täter waren den Angaben nach Araber. Organisierte Banden sollen es aber nicht gewesen sein. Bonewitz musste außerdem Verschwörungstheorien dementieren, wonach das Wetter nur der Vorwand, der wirkliche Grund für die Absage des Rosenmontagszuges aber die Angst vor Terror gewesen sei. Der Anti-Terror-Einsatz in einer Flüchtlingsunterkunft im Landkreis Mainz-Bingen hatte diese Theorie beflügelt, die in den sozialen Netzwerken kursierte. Doch in diesem Zusammenhang hatte es gar keine Terrorwarnung gegeben. (Siehe Bericht auf Seite Südwest.) Auf den Mainzer Straßen spielte das keine Rolle. Von Angst schien niemand geplagt zu sein.

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