Wissenschaft RHEINPFALZ Plus Artikel Ranga Yogeshwar:„Mein Ziel war, die Welt ein bisschen besser zu machen“

„Es gibt Wörter, die man nie verwenden sollte – ,nie’ und ,immer’ gehören dazu“: Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar.
»Es gibt Wörter, die man nie verwenden sollte – ,nie’ und ,immer’ gehören dazu«: Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar.

Jahrzehntelang stand Ranga Yogeshwar für verständlich aufbereitetes Wissen im deutschen Fernsehen. Der Physiker und Moderator erzählt, was ihn dabei stets motivierte.

Herr Yogeshwar, viele Leute verbinden Sie mit der Sendung Quarks. Werden Sie oft darauf angesprochen?
Ja, erstaunlicherweise immer noch, obwohl ich die Sendung seit vielen Jahren nicht mehr verantworte. Menschen sagen mir oft: „Ich bin mit dir groß geworden.“ Das ist sehr schön.

Warum haben Sie 2018 aufgehört, die Sendung zu moderieren?
Weil es für alles eine Zeit gibt. Ich war immer ein guter Mann im Loslassen. Als junger Journalist habe ich die Sendung Kopfball entwickelt und das lief fantastisch. Irgendwann habe ich gesagt: Das ist genug, jetzt muss das ein anderer machen. So ähnlich war es mit Wissen vor Acht, das ich ebenfalls ein paar Jahre gemacht habe. Bei Quarks war es schwierig. Mir war wichtig, dass die Sendung weiterläuft. Ich habe das Format entwickelt und viele Jahre nicht nur moderiert, sondern auch gestaltet. Als ich Mai Thi Nguyen-Kim gesehen habe, wusste ich: Sie ist so gut, jetzt ist der richtige Zeitpunkt für mich, loszulassen.

Haben Sie seither schon mal bereut, dass Sie dem Fernsehen den Rücken gekehrt haben?
Nein. Ich habe sehr gerne Fernsehen gemacht und eine fantastische Zeit erlebt. Aber man muss zwei Dinge sehen: das eigene Erleben und die medialen Veränderungen. Heute, im Zeitalter von Internet, sozialen Medien und YouTube, hat das lineare Fernsehen eine andere Gewichtung. Ich habe die beste Zeit dieses heute klassischen Fernsehens erlebt und gelebt – und das war großartig. Das Leben hat immer Kapitel. Gerade in meinem Alter ist es wichtig, sich die Fähigkeit zu bewahren, loszulassen. Ich kenne viele Kolleginnen und Kollegen, die das nicht konnten, und irgendwann tat ihnen das nicht gut.

Wäre ein Format vorstellbar, mit dem man Sie wieder ins Fernsehen locken könnte?
Es gibt Wörter, die man nie verwenden sollte – „nie“ und „immer“ gehören dazu. Insofern schließe ich nichts kategorisch aus. Ich stehe aber nicht da und scharre mit den Füßen in der Hoffnung, dass irgendein Fernsehdirektor anruft. Ich habe ein fantastisches Leben, so wie es ist. Aber wer weiß, vielleicht gibt es irgendwann eine andere Form der Talkshow, die keine Show ist, sondern aus wirklichen, tieferen Gesprächen besteht – das könnte ich mir vorstellen. Aber ich warte nicht darauf.

Ranga Yogeshwar im Jahr 2002 als Moderator der Sendung Quarks.
Ranga Yogeshwar im Jahr 2002 als Moderator der Sendung Quarks.

Schauen Sie selbst Wissenschaftssendungen an?
Ja, das tue ich nach wie vor manchmal. Es gibt fantastische Dokumentationen auf Arte oder 3sat. Aber ich war eigentlich nie der typische Fernsehgucker. Irgendwann habe ich mal provokant gesagt: Ich habe mehr produziert, als ich geguckt habe. Das Machen ist das, was mir eigentlich Spaß gemacht hat.

Gibt es Formate oder Personen, die Ihnen besonders gut gefallen?
Ja. In meinem Alter natürlich Harald Lesch – großartig. Gleichzeitig gibt es eine ganze junge Generation von YouTubern, die tolle Arbeit machen, zum Beispiel Mai Thi. Es gibt Kanäle wie Jacob Beautemps. Und auch international findet man sehr viel Gutes. Wer sich, so wie ich, für Mathematik interessiert, für den ist 3Blue1Brown auf YouTube einfach fantastisch. Oder Veritasium – das kann ich sehr empfehlen. Diese Leute sind eine Generation jünger als ich. Wäre ich heute so alt wie sie, würde ich das machen.

Was machen Sie jetzt in erster Linie?
In erster Linie lebe ich gut. Ich halte immer noch sehr viele Vorträge, zum Beispiel über KI. Das ist auch etwas, was mir super Spaß macht. Gerade heute hat das einen besonderen Reiz, weil Menschen mit unglaublich viel Medialem konfrontiert sind und man oft nicht mehr weiß: Stimmt das jetzt oder stimmt es nicht? Wenn ein echter Mensch einen Vortrag hält, hat das etwas Glaubwürdiges. Das macht mir Freude. Gleichzeitig bin ich sehr selektiv. Ich habe deutlich mehr Anfragen, als ich tatsächlich annehme.

Sie haben in Luxemburg Klavier studiert …
Ja, aber ich habe nur mittelmäßig Klavier gespielt. Eine Karriere wäre nie drin gewesen. Meine Kinder spielen viel besser als ich. Aber witzigerweise setze ich mich heute manchmal wieder hin und spiele, zum Beispiel Schubert und Bach.

Wie kamen Sie zum Fernsehen?
Ich habe Physik studiert und kam damit aus einer ganz anderen Welt. Schon früh hatte ich mit Medien zu tun, weil ich politisch sehr engagiert war. Das war zur Zeit des Nato-Doppelbeschlusses und der Aufrüstung zwischen Ost und West. Damals habe ich eine große Ringvorlesung in Aachen gehalten und hatte dabei auch viel Kontakt zu den Medien. Es entstand ein Prozess, in dem ich überlegt habe: Wo ist mein Platz? Was braucht die Welt? Was beseelt mich innerlich? Was kann ich gut und womit kann ich meinen Lebensunterhalt bestreiten? Nur tolle Sachen zu machen reicht ja nicht, wenn man davon nicht leben kann. Genau das, was ich gemacht habe, ist dann aufgegangen.

Gab es in Ihrer Jugend einen Moment, in dem Sie gemerkt haben, dass Sie Wissenschaft gut erklären können?
Ja, an der Uni. Die Tutorien bei mir waren stets stark nachgefragt, oft sogar übervoll. Das war nicht immer einfach, weil ich viele Übungen korrigieren musste. Aber das Erklären selbst hat mir Spaß gemacht. Erklären ist ja auch oft so etwas wie ein richtiges Verstehen. Die Fähigkeit lag wohl ein Stück weit in der Familie: Mein Vater war ein großartiger Erklärer.

Sie haben eine luxemburgische Mutter und einen indischen Vater, außerdem haben Sie Schulen in mehreren Ländern besucht. Hat es Sie stark geprägt, dass Sie so international aufgewachsen sind?
Wahrscheinlich schon. Aber die Frage genau zu beantworten ist schwer, weil ich kein zweites Ich habe, das anders aufgewachsen wäre. Insofern ist es einfach Teil von mir. Vielleicht habe ich ein sensibleres Kulturverständnis oder fühle mich im Ausland weniger unwohl als andere. Manchmal versteht man auch Witze in anderen Kulturen leichter.

Im Jahr 2000 sorgte der CDU-Politiker Jürgen Rüttgers mit der Parole „Kinder statt Inder“ für Furore. Was hat dieser Slogan bei Ihnen ausgelöst?
Er hat ausgelöst, dass ich in vielen Talkshows mit Jürgen Rüttgers saß. Wir sprachen später auch sehr offen miteinander, und er hat tatsächlich eingestanden, dass das ein Fehler war. Das hässliche Gesicht des Xenophoben, des Rassistischen, taucht in verunsicherten Gesellschaften immer wieder auf. Das sehen wir auch heute, wenn man in die USA schaut.

Sind Sie auch selbst rassistisch angegriffen worden?
Ja, auch. 1992 in Prag wurde ich mal von Neonazis ziemlich verprügelt, einen bleibenden Schaden hat das bei mir aber nicht hinterlassen. Durch meine Prominenz hat es solche Angriffe in meinem Leben ohnehin weniger gegeben. Aber ich weiß, wovon andere reden, die das vielleicht viel stärker erleben. Und die Tatsache, dass Sie diese Frage stellen, obwohl ich seit 40 Jahren in Deutschland bin, spricht auch für sich.

Sie haben versucht, Wissenschaft unterhaltsam und verständlich darzustellen. Was war Ihre Motivation?
Mein Ziel war, Menschen mitzunehmen und am Ende – mal platt ausgedrückt – die Welt ein bisschen besser zu machen. Das ist geblieben. Meine Rolle war immer, die Dinge nicht nur zu übersetzen, sondern in einem größeren Zusammenhang darzustellen - das Ganze mit der Motivation, die Welt ein Stück besser, friedlicher und offener zu machen.

Was machen Sie in Ihrer Freizeit?
Ich genieße Zeit. Mein Terminkalender ist nicht mehr so dicht, das ist wunderbar. Die Anzahl der Anfragen ist noch so groß, dass ich jeden zweiten Tag einen Vortrag halten könnte – will ich aber nicht. Es geht mir darum, Zeit zu haben, für mich, meine Frau und die Familie.

Zur Person

Ranga Yogeshwar (66) ist Wissenschaftsjournalist und Autor. Der Physiker entwickelte und moderierte zahlreiche Fernsehformate, darunter Wissen vor acht und Quarks. Außerdem schrieb er populärwissenschaftliche Bestseller wie „Nächste Ausfahrt Zukunft“, „Ach so“ und „Sonst noch Fragen?“

Die Serie

In der Serie „Zeitreise“ wollen wir Persönlichkeiten neu vorstellen. Die bisherigen Folgen finden Sie unter: rheinpfalz.de/zeitreise

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