Panorama Mutti will Spielzeug
Ohne Reitgerte geht die Frau von heute nicht mehr aus dem Haus – könnte man meinen bei dem Rummel um Softporno-Bestseller wie „Shades of Grey“. Unnötige Aufregung, meint der Landauer Fachmann.
Rund 100 Millionen Mal sollen sich die drei Bände der „Fifty Shades of Grey“-Reihe um die devote Studentin Anastasia Steele und den dominanten Milliardär Christian Grey weltweit verkauft haben – und inzwischen gehört ein solides Paar Handschellen ja angeblich in jede Damenhandtasche. Seit letzter Woche läuft auch noch der gleichnamige Film in den deutschen Kinos – Zeit, einen Fachmann zu fragen, ob „BDSM“, also sadomasochistische Sex-Spielchen, wirklich in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind. Wolfgang Weippert betreibt einen Erotik-Markt, vulgo Sex-Shop, in Landau – und hat dort unter anderem Gerten, Peitschen, Handschellen, Teppichklopfer und erotisches Kleinmöbel im Angebot. Herr Weippert: Wie viele Liebesschaukeln haben Sie in letzter Zeit verkauft? Seit der Vorweihnachtszeit etwa sechs Stück. Wobei man sagen muss: Das Preissegment bei Liebesschaukeln liegt zwischen 140 und 250 Euro, das ist keine Sache, die man eben mal so mitnimmt. Verkaufen sich solche Sachen besser seit dem Erfolg von „Shades of Grey“? BDSM war ja schon immer ein Thema, wenn man genau hinschaut, sogar ein Schwerpunktthema in unserer Branche. Wir haben etwa 2000 „böse“ Filme hier im Laden stehen – und die werden schon immer sehr stark nachgefragt. BDSM ist halt auch etwas, was man im Schlafzimmer gut nachspielen kann. Ich kann meine Partnerin fesseln oder mich fesseln lassen – das kann jeder, unabhängig von der Intelligenzklasse. Ich hab’ aber gehört, dass es um den Film einen Mords-Hype gibt: Kollegen, allerdings aus Norddeutschland, haben berichtet, dass die Nachfrage nach Gerten und Peitschen momentan enorm sei – aber das kann ich für uns nicht bestätigen. Wir haben halt auf die Porno-Fassung gewartet. Die steht seit dieser Woche in den Regalen – und da hab’ ich halt einen Film für Erwachsene, nicht so wie bei dem Film, der gerade in den Kinos läuft ... Die „Shades of Grey“-Bücher werden im Englischen ja auch als „Mummy Porn“ bezeichnet, also Pornos für die Hausfrau. Ist Ihre Kundschaft in den letzten Jahren bürgerlicher geworden? Das Kundenspektrum ist breiter geworden, die Bandbreite geht da von 18 bis 99. Man kann heut nicht mehr sagen, es ist was für den älteren Herrn, im Gegenteil. Wir haben 40 Prozent Frauenanteil. Das hat sich wirklich geändert: Die Selbstverständlichkeit, mit der Frauen reinkommen und sagen: Jawohl, ich will Spielzeug. Wenn’s denn BDSM-Spielzeug sein soll: Wissen die Leute überhaupt, wie sie das benutzen sollen? (lacht) Ich denke, wie man eine Handschelle benutzt, das wird man nicht erklären müssen. Wie man mit Peitschen umgeht, das ist eine Frage des persönlichen Charakters, ob ich sage: „Eh, ich hab’ ne Peitsche in der Hand und da hau’ ich mal drauf“, oder ob ich gezielt und lustvoll die Dinge steigere. Eine Gebrauchsanweisung für eine Peitsche oder Gerte gibt’s natürlich nicht (lacht). Wissen Sie immer, wie man’s benutzen muss? Die Dinge, die wir haben, die sind ziemlich selbsterklärend. Und wenn nötig, sind sie auf der Schachtel erklärt, da wird man niemand hinführen müssen. Nie selbst eine Gebrauchsanweisung lesen müssen? (lacht) Nein, die gibt’s wohl meist auch nicht dafür. In den Büchern wird ja viel mit Materialien aus dem Baumarkt hantiert, Stichwort Kabelbinder. Das muss Ihnen als Erotikmarktbetreiber doch in der Seele wehtun ... Wenn man mal mit Kabelbinder gearbeitet hat, beispielsweise als Handwerker, weiß man, dass die Dinger unerotisch und schwierig zu handhaben sind – und auch schnell zu Verletzungen führen können. Ein Mensch, der ernsthaft Sex-Spiele mit Fesselung betreiben will, wird keinen Kabelbinder nehmen. Sie haben den Film schon gesehen. Wie fanden Sie ihn?I Ich hab zu meiner Lebensgefährtin gesagt: Die Ziehung der Lottozahlen fand ich spannender. Extrem langweilig. Der Hype um den Film ist aus meiner Sicht nicht nachzuvollziehen. Herr Weippert: Denken Sie manchmal über den Verfall der guten Sitten nach? Ja (lacht). Ich hab’ gestern einen Witz gehört, der passt zur Frage. In der Straßenbahn sagt ein Mann zum anderen: „Es ist eine Schande. Heutzutage steht keiner mehr auf, wenn eine ältere Frau oder ein älterer Mann reinkommt.“ Sagt der andere: „Aber Sie haben doch einen Sitzplatz!“ Sagt der erste: „Ja, ich schon, aber meine Mutter nicht!" Interview: Nina Heiser & Daniel Krauser