Panorama Journalist Fritz Gerlich schrieb gegen Nazis an
Er war ein streng konservativer katholischer Journalist, aber auch ein mutiger Mann. Schon früh schrieb Fritz Gerlich gegen die Nazis und ihren Führer an, weil sie die Würde des Menschen mit Füßen traten. Das kostete ihn 1934 im Konzentrationslager Dachau das Leben. Jetzt will die katholische Kirche Fritz Gerlich seligsprechen.
Er wusste genau, worauf er sich einließ. München war Geburtsstätte und Hochburg der Nazis, die „Hauptstadt der Bewegung“. Hier erprobte Adolf Hitler in rauchgeschwängerten Bierhallen noch tastend sein Talent als Volksredner und Volksverführer, hier brach auf dem Odeonsplatz im November 1923 sein dilettantischer und größenwahnsinniger Putsch im Kugelhagel der Polizei zusammen. Beobachter und Begleiter jener turbulenten Tage war Fritz Gerlich, bei den „Münchner Neuesten Nachrichten“ Hauptschriftleiter, wie es damals schön deutsch hieß; einen Chefredakteur würde man Gerlich heute nennen. Und er ließ sich auf eine Art und Weise auf den Kampf gegen Hitler ein, dass der „Führer“, wie seine Entourage glaubhaft versicherte, bei der Lektüre von Gerlichs Artikeln seine berüchtigten Tobsuchtsanfälle bekam. Die Münchner Neuesten Nachrichten waren nicht irgendein Blättchen. Die Zeitung war – neben der sozialdemokratisch ausgerichteten „Münchner Post“ – die tonangebende Stimme in der bayerischen Metropole, Flaggschiff eines zwar betulichen Mei-Ruah-will-i-hobn-Bürgertums, das aber dennoch aus Überzeugung liberal und großstädtisch dachte. Fritz Gerlich passte gut in diese Münchner Gesellschaft. Der kleine gedrungene Mann mit dem Menjoubärtchen, dem akkurat gescheitelten kurzgeschnittenen Haar und der randlosen Brille war kein Salonlöwe und keine Edelfeder. Das Schreiben hatte er als Assessor im Kreisarchiv gelernt, und so sahen auch seine Artikel aus: ein breiter Fluss von Darlegungen, der sich oft über mehrere Seiten ergoss, aus denen ellenlange Beiträge, oft mit Fortsetzungen, entstanden.
Demokrat aus Überzeugung
Ein Demokrat aus Überzeugung war er nicht, eher ein Demokrat aus Einsicht in die Gegebenheiten der Zeit nach einem verlorenen Krieg. Der am 15. Februar 1883 in Stettin als ältester Sohn eines Fischgroßhändlers geborene Fritz Gerlich kam nach München, weil er nach einem gescheiterten Studium der Mathematik und Physik in Leipzig einen zweiten Anlauf in Geschichte und Anthropologie unternahm. Das klappte dann auch und 1907 wurde Gerlich zum Dr. phil. promoviert. Zu dieser Zeit war er überzeugter Monarchist, begeisterte sich aber auch für die linksliberalen Ideen Friedrich Naumanns. Ihm schwebte vor, mit sozialen Initiativen die Arbeiter mit der Gesellschaftsordnung des Kaiserreichs auszusöhnen und der aufstrebenden Sozialdemokratie abspenstig zu machen. Seit Studienzeiten war Gerlich von Politik fasziniert und verfolgte die Ereignisse um ihn herum mit wachen Augen. Einen festen Standpunkt hatte er aber lange nicht, das blieb so bis in seine Jahre als Chefredakteur. Gerlich, der von seiner Archivtätigkeit bei Weitem nicht ausgelastet war, las viel, trieb sich bei den unterschiedlichsten politischen Versammlungen herum, die es in der pulsierenden Großstadt zuhauf gab, und erweiterte so seinen Horizont. Den Kriegsausbruch 1914 empfand er, der militäruntauglich geschrieben war, als Verteidigungskrieg. Der Sozialliberale wandelte sich zum völkischen Annexionisten, der für einen Siegfrieden und einen uneingeschränkten U-Boot-Krieg plädierte und für Kriegsanleihen warb. Das tat er mit seinen ersten Veröffentlichungen, die meist in der Kulturzeitschrift „Süddeutsche Monatshefte“ erschienen.
"Mein Name ist Programm"
Als die Herausgeber der Münchner Neuesten Nachrichten Gerlich am 1. Juli 1920 zum Hauptschriftleiter bestellten, war der damals 37-Jährige also kein unbeschriebenes Blatt mehr, und das im Wortsinn. „Mein Name ist Programm“, sagte er. Doch mit Gerlichs Berufung verbanden die Eigentümer auch die Erwartung einer strategischen Neuausrichtung des Blattes. Der Verlag Knorr & Hirth, in dem die MNN, wie die Zeitung nach ihren Initialen genannt wurde, erschien, war wenige Wochen zuvor von einem Konsortium übernommen worden, hinter dem sich, durch bayerische Banken getarnt, große Namen der rheinisch-westfälischen Schwerindustrie verbargen. Sie erwarteten von ihrer Neuerwerbung einen Schwenk vom linksliberalen Feuilletonblatt zur innenpolitisch wirtschaftsfreundlichen und außenpolitisch deutschnationalen Zeitung. Der neue Hauptschriftleiter – bestens bekannt als Marxistenfresser – schien dafür der rechte Mann zu sein. Und Gerlich lieferte. Er wetterte gegen Stresemanns Verständigungspolitik mit Frankreich, rief zu Hindenburgs Wahl als Reichspräsident auf, warb für das Konkordat Bayerns mit dem Vatikan und lehnte einen Eintritt der SPD in die Reichsregierung strikt ab. Rudolf Morsey, emeritierter Professor für Neuere Geschichte an der Deutschen Universität für Verwaltungswissenschaften in Speyer, zeigt in seiner 2016 erschienenen Biografie diese bisher kaum bekannten Details aus Gerlichs frühem Schaffen auf. Morsey schildert ihn als nationalkonservativen Journalisten, der im Parteienspektrum der 1920er Jahre rechts der Mitte stand und die neue Republik eher als notwendiges Übel denn als eine den Deutschen gemäße Staatsform betrachtete.
Aber auch ein schwieriger Charakter
Mithilfe der Äußerungen von Weggefährten zeichnet Morsey ein Bild des schwierigen Charakters und des forschen Auftretens dieses Mannes. Er „besaß umfassendes Wissen und scharfe, ja schneidende Intelligenz und Esprit, aber auch ausgeprägtes Selbstbewusstsein und cholerisches Temperament bis hin zu Jähzorn“. Diese Eigenschaft wurde Gerlich nach acht Jahren Tätigkeit als Chefredakteur, bei der er die Auflage des Blattes gesteigert und die Anzeigenkunden nicht vergrault hatte, zum Verhängnis. Wie der Abend des 15. Februar 1928, Gerlichs 45. Geburtstag, verlief, schilderte der Feuilletonredakteur Arthur Hübscher: „Nach einer heftigen telefonischen Auseinandersetzung versuchte er (Gerlich), der ruhigen Verkehrsart des Hauses ebenso vergessend wie des eigenen Bildungsstandes, unter wüsten Beschimpfungen in das Arbeitszimmer des Verlagsleiters Pflaum einzudringen, warf, da er die Tür verschlossen fand, ein gefülltes Bierglas durch das gläserne Oberlicht und scheuchte den begütigend herbeeilenden alten Verlagsdirektor Friedrich Trefz grob zurück: Verroll’ dich, du um dich selbst rotierendes Arschloch.“ Eine Rüpelei wie im bayerischen Bierzelt, die naturgemäß in einen Auflösungsvertrag für den Chefredakteur mündete. Gerlich saß auf der Straße und wusste nicht, wie es weitergehen sollte mit seinem Leben. Doch seinen Feind fürs Leben hatte er gefunden: Adolf Hitler. Die Nacht, in der diese Feindschaft begann, war die vom 8. auf den 9. November 1923. Gerlich war dabei, als Hitler im Bürgerbräukeller mit einer Pistole in die Decke schoss und die Regierung für abgesetzt erklärte. In den MNN wertete Gerlich das „als eine der größten Verrätereien an der deutschen Geschichte“. Hitler habe an der Feldherrnhalle durch den Bruch seines Ehrenwortes, nie zu putschen, „begeisterte, todesmutige deutsche Jünglinge in den Tod gehetzt“.
Widerstand wurzelte im christlichen Glauben
Gerlichs wachsender Widerstand gegen die Nazis wurzelte in seinem christlichen Glauben. Er war davon überzeugt, dass jeder Mensch eine von Gott verliehene Würde besitze, die von keiner irdischen Macht, schon gar nicht von einem totalitären Staat, angegriffen oder auch nur in Zweifel gezogen werden könne. Bestärkt wurde er darin 1927 durch eine Begegnung mit Therese Neumann, der Bauernmagd aus Konnersreuth, die angeblich die Wundmale Christi trug und in Ekstase Visionen hatte. Der gebürtige Protestant konvertierte zum Katholizismus und verkehrte fortan in strenggläubigen Kreisen. Dort traf er den Fürsten Erich von Waldburg zu Zeil. Mit dessen Geld kaufte er das Wochenblatt „Illustrierter Sonntag“, taufte es auf den Namen „Der gerade Weg. Deutsche Zeitung für Wahrheit und Recht“ um und verwandelte die harmlose Gazette in ein Kampfblatt gegen die Nationalsozialisten. Die erste Ausgabe des „Geraden Wegs“ erschien am 3. Januar 1932. Sie war der Auftakt zu einem Trommelfeuer gegen Hitler und seine Partei, das sich steigerte, je mehr Stimmen die NSDAP bei Wahlen erhielt. Gerlich prophezeite unter anderem: Mit einem Wahlsieg der Nazis würde Deutschland in einen „Zustand von Barbarei versinken. Wer Hitler wählt, macht sich schuldig am kommenden Unheil.“ Gerlich warnte vor der „an den Satan selbst erinnernden abgrundtiefen Verlogenheit“ der Nationalsozialisten. Die Ausgabe vor der Reichstagswahl am 31. Juli 1932, bei der die NSDAP stärkste Partei wurde, stellte Gerlich unter das Leitwort: „Der Nationalsozialismus ist eine Pest!“ In seinem Artikel schrieb er, eine Herrschaft Hitlers ziehe „Feindschaft mit den benachbarten Nationen, Gewaltherrschaft im Innern, Bürgerkrieg, Völkerkrieg“ nach sich und bedeute „Lüge, Hass, Brudermord und grenzenlose Not“. Die Auflage des „Geraden Wegs“ wurde für diese eine Ausgabe auf 100.000 Exemplare erhöht.
Heiter-gelassener Häftling
Es war auch Fritz Gerlich klar, dass seine deutliche Sprache und seine Meinungsstärke ihm übel bekommen würde, käme Hitler trotz seiner düsteren Warnungen an die Macht. Am 9. März 1933 war es dann so weit. Gegen 19.15 Uhr stürmten etwa 50 Braunhemden die Redaktion und riefen: „Wo ist der Gerlich, die Sau?“ Er wurde in „Schutzhaft“ ins Polizeipräsidium gebracht, wo ihn ein Zellennachbar fand, „mit Striemen und Blutergüssen übersät, sodass er sich vor Schmerzen kaum aufrecht halten“ konnte. Freunde und Förderer von kirchlicher Seite bemühten sich um seine Freilassung, doch Gerlich blieb in Polizeigewahrsam, seine Frau durfte ihn alle zwei Wochen besuchen. Sie fand einen heiter-gelassenen Häftling vor, der sich religiöse Bücher aus der Gefängnisbibliothek besorgte und regelmäßig beim Anstaltsgeistlichen beichtete. Der Röhm-Putsch vom 30. Juni 1934 forderte auch Fritz Gerlich als Opfer. Angehörige der Politischen Polizei holten ihn, vermutlich auf Befehl Heydrichs, ab und brachten ihn ins Konzentrationslager Dachau, wo er erschossen wurde. Seine Leiche äscherte man ein, schüttete die Asche gemeinsam mit den sterblichen Überresten anderer Mordopfer wahllos in Urnen und setzte sie an unbekanntem Ort bei. Fritz Gerlichs Witwe erhielt seine Sachen, darunter eine blutbespritzte Brille.
Ein Gewissen in einer Zeit der Gewissenlosigkeit
Es ist heute sehr leicht, Gerlich für seinen Mut und seine Weitsicht zu preisen. Viele seiner Zeitgenossen, die es ebenfalls hätten vorhersehen können, sahen es nicht, zumindest schrieben sie es nicht. Der Historiker Hans Mommsen meinte einmal, der Aufstieg des Nationalsozialismus sei nicht auf dessen überlegene Manipulation und Herrschaftstechnik zurückzuführen, sondern auf mangelnden Widerstandsgeist der bürgerlichen Gesellschaft. Gerlich war anders. Und Heribert Prantl, Mitglied der Chefredaktion der „Süddeutschen Zeitung“, die sich als Nachfolgerin der Münchner Neuesten Nachrichten betrachtet, schrieb vor Beginn des Verfahrens zur Seligsprechung des tapferen Journalisten im vergangenen Dezember: „Er ließ sich nicht einwickeln, nicht umgarnen, nicht korrumpieren. Er war ein Gewissen in einer Zeit der Gewissenlosigkeit.“